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Frauen und Mädchen sind wegen Corona in Afrika immer öfter von Armut und Missbrauch bedroht Frauen und Mädchen sind wegen Corona in Afrika immer öfter von Armut und Missbrauch bedroht  (ANSA)

Corona in Afrika: Mehr Armut und Gewalt gegen Frauen

Auch Afrika erlebt seine zweite Corona-Welle. Ein Impfprogramm ist für den Kontinent noch nicht in Sicht. Dabei sind die Folgen der Pandemie in Afrika dramatischer als in Ländern mit starker Wirtschaft und guter Gesundheitsvorsorge. Wir sprachen darüber mit einem afrikanischen Jesuiten, der in der vatikanischen Covid-19- Kommission sitzt.


Sr. Bernadette Mary Reis und Anne Preckel – Vatikanstadt

Pater Charles Chilufya leitet das Büro für Gerechtigkeit und Ökologie der Jesuitenkonferenz von Afrika und Madasgaskar (JCAM). Die Infektionen auf dem Kontinent dürften schon bald die Fallzahlen von Juli und August übersteigen, bestätigt der Jesuit, den Radio Vatikan in Kenia erreichte.

„Eine Reihe von Ländern haben im letzten Monat einen neuen Schub gemeldet. Das Neue an dieser zweiten Welle ist, dass das Virus nun begonnen hat, sich in Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte auszubreiten.“

Während des Lockdown in Südarfika
Während des Lockdown in Südarfika

Mit Plastiktüten gegen Ebola... und Corona?

Angesichts der mangelhaften Gesundheitsversorgung in vielen Ländern Afrikas ist der Kontinent in der Corona-Pandemie umso weniger in der Lage dazu, die Menschen angemessen zu schützen und zu versorgen. Vor allem dicht besiedelte Länder wie Nigeria und Kenia hätten derzeit nicht ausreichend Ressourcen und Infrastruktur, um Coronakranke zu versorgen, so der Direktor der Jesuitenkonferenz von Afrika und Madagaskar (JCAM).

„Versäumnisse wie diese verletzen nicht nur die Gesundheitsrechte der Patienten, sondern gefährden auch das Gesundheitspersonal und dessen Angehörige. Während des Ebola-Ausbruchs 2014-2015 benutzte das medizinische Personal in Liberia Plastiktüten anstelle von medizinischen Handschuhen, um sich zu schützen. Es gab mehrere Todesfälle unter Angestellten in öffentlichen Gesundheitszentren. Derzeit streiken in Kenia Ärzte und Pflegende, weil sie sich bei ihrer Arbeit nicht ausreichend schützen können und die Kollegen wegsterben sehen.“

Südafrika: Vergleichsweise gut mit Schutzkleidung ausgestattet? - In vielen afrikanischen Ländern ist das nicht der Fall
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Keine Arbeit, kein Essen

Neben den unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen ziehe die Pandemie in Afrika zudem vielfältige soziale und wirtschaftliche Folgen nach sich, die oft schon deutlich sichtbar seien, beobachtet P. Chilufya weiter. Die Abriegelungsmaßnahmen zur Zeit der ersten Infektionswelle hätten zu einem Stopp der Handelsaktivitäten und des Personenverkehrs geführt. In Afrika habe dies für viele Menschen eine existenzielle Notlage geschaffen:

„Dadurch wurde der Einkommensfluss vieler Menschen in ganz Afrika gebremst. Vielen Menschen war Arbeit nicht mehr möglich und sie konnten damit kein Essen mehr auf den Tisch bringen.“

Verluste für Afrikas Wirtschaft aufgrund der Corona-Einschränkungen würden auf 200 Milliarden USD (ca. 825 Millionen Euro) geschätzt. Auch die Lockerung der Restriktionen nach der ersten Corona-Welle habe für viele Menschen keine Rückkehr zu Einkommensstabilität und Versorgungssicherheit bedeutet, so Pater Chilufya.

Papst Franziskus hatte im Rahmen der vatikanischen Hilfsmaßnahmen in der Pandemiezeit unter anderem Beatmungsgeräte für Krankenhäuser in armen Ländern gespendet, darunter Sambia und Malawi, und einen Corona-Hilfsfonds für Entwicklungsländer einrichten lassen. Auch forderte er etwa einen Zugang zu Corona-Impfstoffen für alle Menschen weltweit sowie einen Schuldenerlass für arme Länder und einen globalen Waffenstillstand, um humanitäre Hilfen zu erleichtern.

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Großteil der Schüler vom Unterricht abgeschnitten

Besonders mit Blick auf die Pandemie-Folgen für Schüler und junge Leute schlägt der Jesuit Alarm. Die Corona-bedingten Schulschließungen wirkten sich in Afrika vor allem auf dem Land verheerend aus, denn dort gibt es oft genug kein Internet und damit auch keinen Fernunterricht.

„Die Versuche, Online-Lernen anzubieten, richten sich letztlich an sehr, sehr wenige Schüler - weniger als zehn Prozent. Schülern in ländlichen Gebieten ist so etwas unmöglich. Die Folge ist, dass diese Kinder lange einfach nur zu Hause sitzen und de facto nichts tun."

In vielen Ländern wird für Januar eine teilweise Wiedereröffnung der Schulen angepeilt
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Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Eine weitere Entwicklung, die auch mit den Schulausfällen zu tun hat, sei der Anstieg von Teenagerschwangerschaften wie auch der sexuellen und geschlechtsspezifischen Gewalt. Vor allem junge Mädchen und Frauen seien hier die Opfer. Die Schließung vieler Schulen habe sie stärker dem Zugriff von Missbrauchstätern ausgeliefert. Auch habe die wirtschaftliche Not arme Familien dazu gebracht, die Töchter für Sex zu verkaufen oder Kinderehen zu arrangieren. Ein Bericht des „International Rescue Committee“ vom Oktober 2020, für den Frauen aus 15 afrikanischen Ländern interviewt wurden, spricht von einer Zunahme sexueller und häuslicher Gewalt sowie einer Zunahme von Kinder- und Zwangsehen in Zusammenhang mit der Covid-19-Krise.

Flüchtlingsfrauen in Kenia
Flüchtlingsfrauen in Kenia

Zahl der Covid-19-Infektionen wohl weitaus höher  

In Afrika leben etwa 17 Prozent der Weltbevölkerung. Zum Jahresende 2020 wurden für den Kontinent etwa 2,7 Millionen Infektionen und knapp 65.000 Todesfälle gemeldet, wie die Johns Hopkins University berichtete. Das entspricht etwa jeweils drei bis dreieinhalb Prozent der weltweiten Infektionen und weltweiten Todesfälle. Gleichwohl könnten die Infektionszahlen in Afrika noch weitaus höher sein, denn auf dem Kontinent wird vergleichsweise wenig getestet. Für den Großteil der afrikanischen Staaten liegen kaum Daten vor, während unter den getesteten Ländern Südafrika die Liste mit gut einer Million gemeldeten Fällen und etwa 28.500 Todesfällen anführt.


(vatican new – pr)
 

04 Januar 2021, 09:00