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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier berichtete am Montagmittag auf der Dachterrasse beim Campo Santo im Vatikan über die Papstaudienz Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier berichtete am Montagmittag auf der Dachterrasse beim Campo Santo im Vatikan über die Papstaudienz 

D/Vatikan: Steinmeier spricht mit Papst über Afghanistanhilfe

Humanitäre Hilfe für Afghanistan, Flüchtlingsnot in Osteuropa, der Klimagipfel in Glasgow und der Synodale Weg in Deutschland waren Themen einer Papstaudienz für den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier an diesem Montagmorgen. Im Rahmen der knapp einstündigen Visite im Vatikan tauschte sich Steinmeier auch mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin aus.

Anne Preckel – Vatikanstadt

Laut der offiziellen Erklärung des Vatikans waren neben Konflikten in der Welt und Migrationsfragen auch die jüngsten innenpolitischen Entwicklungen in Deutschland, wo sich gerade die neue Regierung formiert, Thema von Steinmeiers Unterredung mit dem Papst. Bereits beim Antrittsbesuch des deutschen Bundespräsidenten 2017 im Vatikan hatte sich Franziskus von Steinmeier ausführlich über die deutsche Politik informieren lassen. Im Anschluss an seine Audienz von diesem Montag ging Steinmeier vor Journalisten im Campo Santo Teutonico auf Fragen der deutschen Innenpolitik aber nicht näher ein.

Flüchtlinge als Druckmittel?

Mit Blick auf das Gesprächsthema Flüchtlinge berichtete Steinmeier hingegen, dass der aktuelle Migrationsdruck in Osteuropa auch dem Papst Sorgen bereite. „Wir sehen natürlich jetzt mit einiger Sorge, was sich an der belarussisch-litauischen und der belarussisch-polnischen Grenze entwickelt, und der Papst hat sich danach erkundigt, wie sich das mittlerweile auf die Zugangszahlen in Deutschland auswirkt. Ich habe ihm davon berichtet, was wir zum gegenwärtigen Stand wissen. Und wir haben beiderseits Einigkeit bekundet, dass Praktiken, wie sie von der belarussischen Führung jetzt stattfinden, dass ohne jede Verantwortung für die Menschen, die man, mit welchen Mitteln auch immer aus dem Mittleren Osten abholt, mit Flugzeugen nach Minsk bringt und sie dann in Richtung unterschiedliche Grenzen schickt – dass dieses unverantwortliche Verhalten in keiner Weise zu billigen ist.“

Dass Europa in den vergangenen Jahren keinen Weg für „mehr Gemeinsamkeit“ in der Flüchtlings- und Asylpolitik gefunden habe, bedaure er sehr, so Steinmeier – das derzeit sichtbar werdende „unabgestimmte Verhalten“ in der Europäischen Union sei eine Folge davon. Papst Franziskus hatte sich am vergangenen Sonntag erneut für legale Einreisemöglichkeiten von Flüchtlingen in die EU stark gemacht.

Humanitäre Hilfe für Afghanistan 

„Wir kommen an der Notwendigkeit humanitärer Hilfe in Afghanistan nicht vorbei.“

Weiteres Thema bei der Papstaudienz war humanitäre Hilfe für Afghanistan, berichtete Steinmeier weiter. Nach der Machtübernahme der Taliban drohten den Menschen vor Ort Hunger und weitere Not, insbesondere angesichts des kommenden Winters und des Mangels an Nahrung und Unterkünften. Die Menschen in Afghanistan dürften trotz der komplexen Lage jetzt nicht allein gelassen werden, appellierte Steinmeier: „Es ist für die Politik weltweit nicht einfach, gleichzeitig über humanitäre Hilfe nachzudenken und eine formelle Anerkennung der Taliban-Herrschaft zu verweigern. Wir kommen an der Notwendigkeit humanitärer Hilfe nicht vorbei, wir suchen auch in Deutschland nach Wegen und Möglichkeiten, diese humanitäre Hilfe in Afghanistan in den nächsten Wochen und Monaten zu gewährleisten.“

Dazu setzte Deutschland auf die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen wie Rotes Kreuz und andere bekannte Hilfswerke, so der Bundespräsident, der selbst Schirmherr der Welthungerhilfe ist. Auch bei seinen Gesprächen mit dem Malteserorden an diesem Montag in Rom werde die Frage Thema sein, wie Politik und humanitäre Organisationen „da noch besser und enger zusammenarbeiten“ könnten, kündigte Steinmeier an, der am Nachmittag in der Zentrale des Souveränen Malteserordens einkehrt.

Synodaler Weg: Versäumtes nachholen 

Auch der Weltklimagipfel in Schottland im November sei Thema der Papstaudienz gewesen. Franziskus‘ Appelle, die der Vatikan auch im Schulterschluss mit anderen Kirchen und Religionen vorbringt, gingen in die richtige Richtung. Dies sei auch unabhängig davon wirksam, ob der Papst nun nach Glasgow reise oder nicht, so der Bundespräsident. Franziskus hoffe, dass die politisch Verantwortlichen in Glasgow den Erwartungen all jener Menschen, die sich für das Klima einsetzen, und insbesondere derjenigen, die am meisten unter dem Klimawandel leiden, auch tatsächlich gerecht werden.

Mit Blick auf die Lage der katholischen Kirche in Deutschland habe er vom Papst wissen wollen, „welches Potential er mit den synodalen Prozessen verbindet, die in Deutschland gegenwärtig gesucht werden von einzelnen deutschen Bischöfen“, referierte Steinmeier, der selbst Protestant ist, weiter. Die Diskussion darüber laufe in Deutschland aktuell „mit großer Intensität, auch mit großer Anteilnahme der Öffentlichkeit“. Angesichts zunehmender „Unübersichtlichkeit“ suchten die Menschen nach Orientierung. Damit die katholische Kirche stark sein könne, müsse sie Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen, machte der deutsche Bundespräsident deutlich:

„Wir befinden uns in einer Situation, in der wir von Veränderungen sprechen müssen, das hat nicht nur zu tun mit Kirchenaustritten in Deutschland, sondern auch mit Glaubwürdigkeitsverlusten, die ein Thema sind nicht nur in Deutschland, sondern hier auch im Vatikan. Ich bin der Überzeugung: Wir brauchen starke Kirchen, wir brauchen auch eine starke katholische Kirche, die hilft, Orientierung zu geben. Und deshalb ist es wichtig, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Dazu zählt natürlich auch die Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen aus der Vergangenheit. Hier Transparenz zu schaffen, das ist nicht nur eine Erwartung von Politik, es ist vor allen Dingen die Erwartung von vielen Betroffenen, auch von Opfern, dass die Kirchen, die katholische Kirche, hier beispielhaft vorangeht und dabei auch Versäumtes nachholt.“

Bundespräsident Steinmeier bereits 2017 bei Franziskus

Zweieinhalb Wochen vor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte Papst Franziskus die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel in Audienz empfangen. Dabei war es ebenfalls auch um das Thema kirchliche Missbrauchsaufarbeitung und Glaubwürdigkeit sowie den Klimaschutz gegangen.

Steinmeier hatte den Papst zum ersten Mal im Oktober 2017 im Vatikan besucht. Damals war der Protestant mit seiner Ehefrau Elke Büdenbender, die Katholikin ist, nach Rom gekommen. Im Februar desselben Jahres war der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat und Große Koalition-Außenminister zum deutschen Bundespräsidenten gewählt worden. Steinmeiers erste Amtszeit als deutscher Bundespräsident endet im März 2022. Im Mai hatte er bekannt gegeben, er wolle sich erneut zur Wahl stellen.

Ein Foto des Treffens von Bundespräsident Steinmeier und Großkanzler Boeselager (c) Malteserorden
Ein Foto des Treffens von Bundespräsident Steinmeier und Großkanzler Boeselager (c) Malteserorden

Besuch beim Souveränen Malteserorden

Bei der Audienz am Montag überreichte Papst Franziskus dem Bundespräsidenten unter anderem eine Ausgabe seiner diesjährigen Friedensbotschaft und des Dialog-Dokumentes von Abu Dhabi, Steinmeier übergab dem Papst ein Faksimile der Illustration Maria und der Baum von Jesse.

Im Anschluss an die Papstaudienz begab der deutsche Bundespräsident sich auch an den Sitz des Malteserordens auf dem römischen Aventin. Dort wurde er vom Großmeister Marco Luzzago mit militärischen Ehren empfangen. Im anschließenden Gespräch mit dem Großkanzler des Ordens, dem Deutschen Albrecht Freiherr von Boeselager, ging es vor allem um den humanitären Einsatz des Ordens in aller Welt, aber auch die Flüchtlingsproblematik und das damit zusammenhängende Verbrechen des Menschenhandels, die Corona-Situation und die Verfolgung von Minderheiten in vielen Teilen der Welt. Es war der erste Besuch eines Bundespräsidenten seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 2017.

Besonders die Krise im Libanon war Gegenstand gemeinsamer Sorge im Gespräch. Der Malteserorden ist im Libanon mit zahlreichen, teils durch die Bundesrepublik geförderten - auch interreligiös organisierten - Projekten für die humanitäre und medizinische Versorgung der Bevölkerung und der Flüchtlinge aktiv.  

In diesem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung von Religionsgemeinschaften für die Förderung von Dialog und Stabilität sowie die Wichtigkeit des interreligiösen Dialogs betont.

Im Irak unterstützt die Bundesregierung darüber hinaus Projekte des Ordens zum Schutz von Minderheiten; in Haiti fördert sie Wiederaufbauarbeiten nach dem Erdbeben, die durch den international tätigen Nothilfe-Zweig des Ordens, Malteser International, durchgeführt werden.

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(vatican news)

- letzte Aktualisierung 16.14 -

25 Oktober 2021, 13:35