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Demonstranten fordern auf einem mehrtägigen Marsch von Tel Aviv nach Jerusalem, dass die Regierung ihre umstrittene Justizreform zurückziehen soll (Foto vom Samstag, 22.7.) Demonstranten fordern auf einem mehrtägigen Marsch von Tel Aviv nach Jerusalem, dass die Regierung ihre umstrittene Justizreform zurückziehen soll (Foto vom Samstag, 22.7.)  (AFP or licensors)

Abt Nikodemus Schnabel: „Entscheidende Zeit für die Zukunft Israels“

Die Situation der Christen im Heiligen Land wird inmitten einer unruhigen politischen Situation zusehends schwieriger. Doch andererseits erlebe er als Christ auch zahlreiche Solidaritätsbekundungen, die ihn hoffnungsfroh stimmten. Das sagte der Abt der Jerusalemer Benediktinerabtei Dormitio, Nikodemus Schnabel, im Gespräch mit Radio Vatikan.

Christine Seuss - Vatikanstadt

Schlagzeilen hatte am Mittwoch ein Vorfall gemacht, bei dem der Benediktiner beim Besuch der Klagemauer in Jerusalem zum Abdecken seines Brustkreuzes aufgefordert wurde. Der Vorfall sei eine „Peinlichkeit für Israel“, kommentierte die israelische Nachrichtenseite Ynet. Die zuständige Stiftung für das Erbe der Klagemauer hatte am Freitag für das Vorgehen um Entschuldigung gebeten - mit dem Hinweis, dass die Klagemauer für alle offenstehe und es keine diesbezüglichen Vorschriften gebe.

Neue Dimension der Aggression gegen Christen

„Ich erlebe einen enormen Anstieg an Hass und Gewaltakte gegen uns Christen“

Der Vorfall hinterlasse in ihm dennoch einen bitteren Nachgeschmack, denn er reihe sich ein in eine allgemeine Verschlechterung der Lage, meint Abt Schnabel: „Ich erlebe einen enormen Anstieg von Hass und Gewaltakten gegen uns Christen. Das geht von der Schändung von Friedhöfen, Vandalisationen von Kirchen, Hassgraffitis, angespuckt werden auf der Straße - was früher eher selten vorkam – bis zu täglichen verbalen Attacken. Ein Klassiker ist ,Go Home to Italy‘ oder auch ein bewusstes Anrempeln auf der Straße. Das heißt, man erlebt da wirklich eine enorme Ablehnung in einer Massivität, die wirklich neu ist in dieser Dimension.“

Abt Nikodemus Schnabel in Jerusalem (Foto Elias Ungermann)
Abt Nikodemus Schnabel in Jerusalem (Foto Elias Ungermann)

Doch auf der anderen Seite erlebe er auch zahlreiche Zeichen der Solidarität, was ihm Trost und Hoffnung gebe, so der Benediktiner, der Ende Mai, am Pfingstsonntag, seine Abtweihe empfangen hat.

Rabbiner meldeten sich mit Solidaritätsbekundungen

„Ganz viele Rabbiner melden sich gerade in diesen Tagen auch nach dem Vorfall vor dem öffentlichen Bereich der Klagemauer bei mir und schämen sich für das Vorgehen der Offiziellen mir gegenüber, also dass ich im öffentlichen Raum aufgefordert wurde, mein Kreuz abzulegen.“

Schließlich sei er mit großem Abstand vom Gebetsbereich und ohne die Absicht, diesen zu betreten, parallel zur Klagemauer von Nord nach Süd gegangen, präzisiert der Benediktiner, der dennoch Verständnis dafür zeigt, dass das demonstrative Zeigen von religiösen Symbolen in einem Gebetsbereich Irritationen hervorrufen kann – selbst wenn es keine offizielle Anweisung dazu gebe. Doch im öffentlichen Bereich habe er kein Verständnis für derartige Vorstöße.

Entwicklung in eine ungute Richtung

„Auch die Journalisten in Israel, mit denen ich spreche, sagen mir: das ist ein Thema, was wir schon länger beobachten und welches wir einfach auch in der israelischen Öffentlichkeit präsent machen wollen, nämlich dass sich gerade die Atmosphäre in eine ungute Richtung entwickelt. Und das ist eigentlich das Gefühl, in dem ich jetzt so stehe.“

Gerade erst habe Israel 75 Jahre seit der Staatsgründung gefeiert, und er habe den Eindruck, der Staat befinde sich an diesem Meilenstein in einer Art „Suchbewegung“, meint der Benediktiner, der schon lange im Heiligen Land wirkt:

„Wir haben einerseits eine Regierung, die den jüdischen Charakter dieses Staates ,überstark‘ betont, den demokratischen Charakter dieses Staates aber weniger stark betont. Und wir haben als Reaktion eine auf die Straße gehende Zivilgesellschaft, die sehr stark den demokratischen Charakter betont, noch verteidigen möchte. Und als Minderheit, als Christ in Jerusalem, erlebe ich das genau, diese doppelte Wirklichkeit.“

„Jerusalem küsst und beißt einen praktisch täglich“

Ebenso zwiegespalten erlebe er, welche Reaktionen seine Präsenz als Christ in Jerusalem auslöse. Denn auch wenn die Attacken zunähmen, gebe es ebenso immer mehr Menschen, die ihn von sich aus ansprächen und ihm ihre Solidarität bekundeten, zeigt sich der Abt dankbar:

„Wie gesagt, wenn ich jetzt in diesen Tagen vor die Tür gehe, ich kann zählen, wie oft ich angespuckt werde. Ich kann aber auch zählen, wie oft mich Menschen, die ich gar nicht kenne, ansprechen und sagen: Gut, dass du hier bist, du gehörst auch zu Jerusalem, bitte geh' nicht! Die auch sagen: Jerusalem ohne dich ist nicht mein Jerusalem, gerade in diesen Tagen. Es ist also wirklich so eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Jerusalem küsst und beißt einen praktisch täglich...”

Jerusalem, der Sehnsuchtsort

Nur rund zwei Prozent Christen gibt es in Israel, eine winzige Minderheit mit tiefen Bindungen an die Heiligen Stätten dort: Insbesondere in Jerusalem, der Stadt, die den drei monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum gleichermaßen heilig ist.

„Sich nicht einschüchtern lassen von dem Hass dieser ,Religions-Hooligans‘, die Jerusalem gern kleinkariert verengen wollen als eine rein jüdische, rein christliche, rein muslimische Stadt“

„Ein Sehnsuchtsort für drei Religionen, wo jeder ja herzlich willkommen ist, hier Gott zu suchen. Und zu diesen Menschen zähle ich mich auch“, betont Schnabel. Seien die Pilgernden nun jüdischen, muslimischen oder christlichen Glaubens in allen seinen Ausprägungen, er freue sich über jeden Einzelnen von ihnen: „Jerusalem könnte so wunderbar sein, wenn die Menschen, die diesen Traum haben - und ich träume diesen Traum mit sehr, sehr vielen, von Jerusalem als einer offenen Stadt, als Sehnsuchtsort - wenn diese Menschen gemeinsam für diesen Traum arbeiten. Und wir uns dabei nicht einschüchtern lassen von dem Hass dieser ,Religions-Hooligans‘, die Jerusalem gern kleinkariert verengen wollen als eine rein jüdische, rein christliche, rein muslimische Stadt.“

Weichenstellung für die Zukunft

Aus diesem Grund erlebe er die aktuellen Tage nicht nur als äußerst intensiv, sondern geradezu auch als „zukunftsentscheidend“, meint der Abt der historischen Dormitio-Abtei.

„Ich hoffe, dass die Menschen in der Mehrheit sind, die Freude haben am Zusammenleben, am Gemeinsam-in-dieser-Stadt-Sein und die bereit sind zum Brückenbau und zur Versöhnung“

„Und es geht genau darum, ob eigentlich diese Vision der Staatsgründung Israels, eine Heimstatt, ein Zufluchtsort für alle Jüdinnen und Juden weltweit zu sein, gleichzeitig aber auch eine Demokratie zu sein, die die Minderheitenrechte respektiert, ob dieser Gründungsimpuls auch bewahrt und weiterentwickelt wird für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Ich persönlich bin hoffnungsfroh. Ich hoffe, dass die Menschen in der Mehrheit sind, die Freude haben am Zusammenleben, am Gemeinsam-in-dieser-Stadt-Sein und die bereit sind zum Brückenbau und zur Versöhnung.“

(vatican news)

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22. Juli 2023, 13:02