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Flüchtlinge auf Lesbos (Bild vom September 2020) Flüchtlinge auf Lesbos (Bild vom September 2020)  (ELIAS MARCOU)

Ordensfrau im Flüchtlingslager Moria: „Es erinnert an Auschwitz"

Der Skalabriner-Orden hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1895 besonders der Hilfe für Migranten und Flüchtlinge verschrieben. Diesen August sind Skalabrinerinnen in Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio auf die griechische Insel Lesbos gereist, um im Flüchtlingslager Moria 2 vor Ort für Flüchtlinge da zu sein.

Francesca Sabatinelli und Stefanie Stahlhofen – Vatikanstadt

Knapp 13.000 Flüchtlinge lebten im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos - bis es 2020 in Flammen aufging. Das Feuer zerstörte das größte Flüchtlingslager in der Ägäis fast völlig. Die Behörden haben mittlerweile ein provisorisches Lager auf Lesbos errichtet, in dem rund 6000 Menschen untergebracht sind: Es ist auch als Moria 2 bekannt. Dorthin hat sich diesen Monat eine Gruppe von Ordensfrauen begeben, um zu helfen. 

Sieben Skalabrinerinnen im Dienst der Flüchtlinge auf Lesbos

„Diese Situation hier zu sehen ist wirklich entsetzlich", sagt Schwester Patrizia Bongo im Gespräch mit Radio Vatikan. Eigentlich ist Bongo Krankenschwester und Missionarin in der Schweiz. Diesen August ist sie jedoch, gemeinsam mit sechs weiteren Frauen ihres Ordens, auf die griechische Flüchtlingsinsel Lesbos gereist, um die Not der Menschen im Flüchtlingslager zu lindern. 

Hier im Audio: Eine Ordensfrau berichtet über die prekäre Lage der Flüchtlinge im Lager Moria 2 auf Lesbos

 

„Ich hatte zwar schon eine ungefähre Vorstellung von dem, was mich hier erwarten würde: durch Berichte von Sant'Egidio und durch Fotos. Aber als ich dann hier auf der Insel ankam, mich dem Lager genähert habe, die Gitterstäbe, den Stacheldrahtzaun und die Polizeikontrollen gesehen habe, hat mich das schon sehr an Auschwitz erinnert. Es hat mich sehr traurig gestimmt zu sehen, dass die Lage hier so kompliziert ist."

Hitzewelle erschwert die Lage

Kompliziert ist die Lage auch aufgrund der Pandemie. Und dazu kommen dann noch die hohen Temperaturen und die mangelhafte Ausstattung des Lagers, berichtet die Ordensfrau:

„Die Migranten und Flüchtlinge hier sind zwar in Meeresnähe, aber auch hier hat es tagsüber bis zu 45 Grad. Die Hitze ist erdrückend, noch dazu leben hier 8 bis 9 Menschen in kleinen Containern, das ist schon sehr schwierig. Ich sehe, dass Wert darauf gelegt wird, den Flüchtlingen die Hygienemaßnahmen zu erklären, es werden auch Mund-Nasenschutzmasken verteilt. Es fehlt aber zum Beispiel fließendes Wasser, es gibt keinen Brunnen. Sie leben hier mit Eimern, kleinen Kannen mit Wasser zum Geschirrspülen oder Zähneputzen."

Ganz zu schweigen von der Lage der Kranken. Die Ordensfrau berichtet etwa von Gelähmten, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind und auf dem unebenen Boden im Moria-Lager kaum vorankommen. Eine unhaltbare Situation, findet die Skalabrinerin, angesichts derer Europa nicht wegschauen dürfe:  

Von Europa vergessen

„Ich frage mich, wie es heutzutage noch möglich sein kann, dass es in der ersten Welt, in Europa, solch schwierige, komplizierte, zerstörerische und wenig menschliche Situationen gibt, die Europa einfach ignoriert."

„Solch schwierige, komplizierte, zerstörerische und wenig menschliche Situationen, die Europa einfach ignoriert“

Auf Lesbos herrscht ein ständiger Alarm, auf den alle reagieren sollten, erklären die Skalabrinerinnen. Sie sind dazu berufen, all jenen zu helfen, die weiterhin die Mittelmeerrouten bevölkern. Die Missionstätigkeit auf der griechischen Insel ist nicht nur eine Antwort auf konkrete Bedürfnisse – die Ordensfrauen wollen so auch all jenen Trost spenden, die alles verloren haben, insbesondere ihre Liebsten:

Als Skalabrinerinnen sind wir hier auf Lesbos nur ein kleiner Wassertropfen auf dem heißen Stein. Unsere Aufgabe ist es, ein Lächeln, unsere Freundschaft, unsere Liebe zu schenken. Wir können durch unser Lächeln - trotz der Masken, auch durch Augenkontakt - Hoffnung auf die Zukunft vermitteln. Das Charisma unseres Ordens ist es, im Migranten, im Flüchtling, Christus zu sehen. Zu unserem Charisma gehört daher auch, was Papst Franziskus immer wieder fordert: Aufnehmen, fördern, intergieren und schützen. Diese vier Verben haben wir immer in unserem Herzen, und wir versuchen sie tagtäglich gegenüber Migranten und Flüchtlingen umzusetzen. 

Gebetsecke zwischen Rettungswesten

So wie aktuell mit dem Sommer-Aufenthalt auf Lesbos, den die Skalabrinerinnen in Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio bereits zum zweiten Mal organisiert haben. Dort, wo die Schwimmwesten der Mittelmeer-Migranten abgelegt werden, haben die Schwestern eine Gebetsecke eingerichtet, in der sie Gott um Hilfe für alle zur Migration gezwungenen Menschen bitten. 

Hintergrund

Der Skalabrinerorden entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Italien und ist nach seinem Gründer, Giovanni Battista Scalabrini, benannt. Ursprünglich kümmerte sich der Orden darum, italienischen Emigranten beizustehen, die massenweise nach Amerika auswanderten. Mit der Zeit weitete sich die Mission auf die Arbeit für Migranten generell aus. Weltweit gibt es heute etwa 700 Skalabriner und Skalabrinerinnen,  die in mehr als  30 Ländern aktiv sind. Hauptsitz des Ordens ist Rom. Sitz des Europa-Zentrums ist das italienische Piacenza. Die Skalabriner in Europa kümmern sich etwa in Italien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Spanien und Belgien um Migranten und Flüchtlinge unabhängig ihres Glaubens und ihrer Herkunft. 

(vatican news - sst) 

17 August 2021, 11:05