Suche

Vatican News
Blackout: Große Teile von Caracas lagen am Sonntag im Dunkeln Blackout: Große Teile von Caracas lagen am Sonntag im Dunkeln  (ANSA)

Venezuela: Ganz unten

Als hätte Venezuela nicht schon genug Probleme: Die Corona-Pandemie hat die politisch-wirtschaftlich-soziale Krise des Landes weiter verschärft. Wie uns ein Missionar berichtet, leiden immer mehr Menschen im Land an Hunger.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

„Die Lage ist sehr, sehr traurig. Egal, ob es um Nahrungsmittel, Medizin oder Dienstleistungen geht – nichts funktioniert mehr, gar nichts. Achtzig Prozent der Familien haben nicht mehr genug zu essen; wenn jemand krank wird, kann keiner sich die Medikamente leisten. Jeden Tag fragen mich Menschen, ob ich ihnen nicht etwas Geld für Medikamente geben kann. Eine unbeschreibliche Lage. Es ist nicht zu verstehen, wie ein Land überhaupt in so eine Lage kommen konnte…“

Das sagt Pater Angelo Treccani – ein Missionar aus der Schweiz, der seit 1983 in Venezuela lebt. Er arbeitet in der Pfarrei El Socorro im Bundesstaat Guarico, im Zentrum des Landes. Und er hat sehr genau miterlebt, wie Venezuela in den Abgrund gerutscht ist.

Eine Favela in Puerto La Cruz
Eine Favela in Puerto La Cruz

„Ich verstehe oft gar nicht, von was die Leute überhaupt leben“

„Ich verstehe oft gar nicht, von was die Leute überhaupt leben – es gibt ja kaum noch Arbeit. Und wer Arbeit hat, streicht als Gehalt nur ein paar Dollar ein; Lehrer zum Beispiel bekommen im Monat nicht mehr als vier Dollar ausgezahlt. Aber die Schulen sind ja auch geschlossen, das kommt dazu; und auch die Solidarität, die es früher mal zwischen den Leuten gab, ist weg. Alle versuchen, zu überleben, wie sie nur können – auch wenn sie andere deshalb übers Ohr hauen müssen.“

Venezuelas Außenminister Jorge Arreaza wirft der Schweizer Bank UBS vor, die jüngsten Zahlungen seines Landes an die Covax-Initiative der Weltgesundheitsorganisation „willkürlich gesperrt“ zu haben. Das Problem ist: Venezuela braucht die Impfdosen der Covax-Initiative dringend. Hier wie an vielen anderen Stellen machen sich die internationalen Sanktionen gegen das Land schmerzhaft bemerkbar. Hinzu kommt, dass der Ölpreis eingebrochen ist – und Venezuela gehörte lange zu den wichtigsten Erdöl-Exporteuren weltweit.

Zum Nachhören: Ein Missionar erzählt vom harten Leben in Venezuela

Alle haben Schwierigkeiten - nicht nur ein paar

„Wir haben einen Bauernhof, der alles Mögliche produziert: Wir haben Zuckerrohr, Maismehl, Bananen. Natürlich versuchen wir, den Leuten zu helfen, wo es geht. Und wir bringen ihnen bei, wie sie selbst das Nötigste, das sie zum Leben brauchen, anbauen können, so dass sie nichts mehr kaufen müssen, denn alle Produkte sind stark überteuert. Leider können wir nicht alle Probleme lösen; denn einfach alle haben Schwierigkeiten – nicht nur einige wenige!“

Die Menschen, mit denen er in seiner Pfarrei zu tun hat, erlebt Padre Angelo als „resigniert“, aber „nicht verzweifelt“. Viele hätten einen starken Glauben und akzeptierten die Lage, so wie sie sei, als das, was Gott nun mal über sie verhängt habe.

 

Leute sind resigniert, aber nicht verzweifelt

„Es gibt auch Leute, denen schon klar ist, warum das alles so gekommen ist – nicht etwa, weil Gott das so will, sondern aus ganz konkreten Gründen und durch Menschen, die klar für das alles verantwortlich sind. Aber im allgemeinen klagen die Leute nicht – selbst wenn sie zuhause kranke Kinder haben. Die sagen einem das nicht gleich… Die Leute wirken nicht verzweifelt und klagen viel weniger als bei uns, in den Ländern des Wohlstands. Die nehmen das Leben so, wie Gott es will, sagen sie.“

Padre Angelo sagt uns nicht viel über den erbitterten politischen und institutionellen Streit in der Hauptstadt Caracas. Immerhin – er hat den Eindruck, dass die Behauptung der Regierung, für alle Probleme des Landes seien ausländische Mächte (allen voran die USA) verantwortlich, bei vielen Leuten in Venezuela durchaus verfängt.

„Als ich hierher kam, da gab es keinen Hunger im Land“

„Als ich hierher kam, da gab es keinen Hunger im Land. Armut ja, aber keinen Hunger. Die Schulen funktionierten gut, die Krankenhäuser hatten Medikamente, die waren gratis… Leider fehlt es in Venezuela an politischer Bildung. Bei den Wahlen geben viele Leute ihre Stimme ab, als ob das eine Lotterie wäre: Sie wählen den, der ihnen am meisten verspricht, oder jemanden, den sie kennen – ganz egal, ob der vielleicht korrupt ist.“

Er frage die Leute immer, warum sie Kandidaten wählten, die ihnen viel versprächen? Diese Politiker müssten dann doch stehlen, um ihre Versprechen auch zu halten.

„Aber die gehen zur Wahl, weil sie hoffen, dadurch buchstäblich etwas zu gewinnen. Und wenn das nicht klappt, dann tun sie so, als hätten sie wie beim Lotto eben auf die falschen Zahlen gesetzt. Das ist ein Mangel an Bürgersinn und an politischem Sinn.“

(vatican news)
 

14 Juni 2021, 14:34