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Israelische Attacke in Gaza City Israelische Attacke in Gaza City  (ANSA)

Heiliges Land: Der Konflikt, der niemanden überrascht

Der erbitterte, blutige Konflikt dieser Tage zwischen Israelis und Palästinensern braucht niemanden zu überraschen: Er ist Teil der „schrecklichen Logik dieses Konflikts“, der seit 1948 anhält. Das sagt der israelische Jesuit David Neuhaus, ehemaliger lateinischer Patriarchalvikar für hebräischsprachige Katholiken und Oberer der Jesuiten im Heiligen Land.

„Wir leben seit 73 Jahren inmitten einer eiternden Wunde“, so der Ordensmann in drastischen Worten beim Interview mit Radio Vatikan. 1948 hätten die heutigen israelischen Juden eine Heimat erhalten, ein Land, das reich ist. „Aber die Palästinenser haben ihr Heimatland nicht bekommen, sie haben nichts bekommen“, erklärte Neuhaus.

Vielschichtige Gründe für Eskalation

Die phasenweise Stille in diesem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern führt der Jesuit auf zwei Faktoren zurück: „Gewalt und Repression gegen die Palästinenser, die ihre Rechte einfordern, und eine Müdigkeit auf palästinensischer Seite, die sie in Trägheit stürzt.“ Israel selbst unterdrücke palästinensische Bürger; der israelische Jesuit sprach von einem „Regime der Diskriminierung, das zunehmend die jüdische Definition dieses Staates betont. Es ist ein Staat ,für die Juden´. Wo sollten also die Palästinenser, die Staatsbürger sind, sein?“ Für viele Israelis sei die Gewalt dieser Tage in gemischten Städten mit Attacken und Lynchmorden ein Schock, aber Neuhaus hält das für naiv: „Es ist Teil einer gewissen schrecklichen Logik dieses Konflikts.“

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Jerusalem bildet den Schlüssel des Konflikts, so der Jesuit, der als Sohn deutscher Juden in Südafrika geboren wurde und im Alter von 15 Jahren mit seiner Familie nach Israel übersiedelte, wo er als Erwachsener die Taufe empfing und in den Jesuitenorden eintrat. „Jerusalem ist das Herzstück des Bewusstseins und der Geographie von Israel-Palästina, eine Stadt, die unter ständiger Spannung steht“, so Neuhaus. Der Anlass der blutigen Eskalation sei allerdings vielschichtig: die Vertreibung von Palästinensern aus ihren Häusern in einem Viertel Ost-Jerusalems. „Diese Grundstücke gehörten vor 1948 den Juden, und im Namen dieses Eigentums wollen die Israelis die Palästinenser vertreiben, die seither auf diesen Grundstücken leben. Die Ungerechtigkeit liegt nicht in der Rückgabe der Grundstücke an ihre Besitzer, sondern darin, dass es keine Parallele zwischen Juden und Palästinensern gibt. Die Palästinenser, die auf diesen Grundstücken leben, verloren 1948 ihre eigenen Häuser in Gebieten, die israelisch wurden. Die fehlende Parallelität, die Exklusivität und die Beherrschung des ganzen Landes durch nur eine Seite bleibt ein großes Problem.“

Solidarität mit den Leidenden - auf beiden Seiten

„Und es sind die Schuldlosen auf beiden Seiten, die den Preis dafür zahlen“

Erschwerend dazu kommt die zunehmende ideologische Aufladung des Konflikts, namentlich auf der Seite radikal-zionistischer israelischer Siedler. Die gab es allerdings schon lange, so der israelische Jesuit. Sie hätten heute mehr Zulauf, noch schwerwiegender sei aber die politische Indienstnahme dieses Siedlungskonflikts, Neuhaus sprach von „Manipulationen“ und von einem „unangemessenen Patriotismus“. „Bei den letzten Wahlen unterstützte Netanyahu die extreme Rechte, in der Hoffnung, mit ihr eine Regierung zu bilden. Das sind beängstigende Leute; sie sagen offen ,Tod den Arabern´. Ja, es gibt einen gewissen Zuwachs an Extremismus, aber der wird von einem Premierminister manipuliert, der die Macht nicht abgeben will. Und wie immer in solchen Situationen werden die Menschen manipuliert, indem man die Angst und die Albträume benutzt, die sie im Kopf haben. Und es sind die Schuldlosen auf beiden Seiten, die den Preis dafür zahlen.“

Die katholische Kirche, die im Heiligen Land eine kleine Minderheit ist, versuche ihre „Stimme der Kohärenz und Logik, des Respekts für alle Seiten“ einzubringen. Zugleich sei das aber „eine Stimme der Verzweiflung, der großen Traurigkeit angesichts der menschlichen Verluste und der absolut schrecklichen Zerstörung“ in Gaza wie auch in Israel. „Die Kirche drückt daher ihre Solidarität mit den Leidenden aus, erinnert aber gleichzeitig daran, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit gibt. Es gibt keinen Frieden in einer Atmosphäre, in der Rassismus regiert, in der die Stimmen der Extremisten von den Verantwortlichen unterstützt werden.“

(vatican news – gs)

17 Mai 2021, 12:57