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Migrantenfamilie auf dem Weg in die USA Migrantenfamilie auf dem Weg in die USA  (2021 Getty Images)

UN-Flüchtlingskommissar: Gemeinsam mehr für Flüchtende tun

Der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Filippo Grandi, sieht viele Übereinstimmungen mit Papst Franziskus im Dringen auf eine bessere Migrationspolitik. Grandi tauschte sich am Freitag bei einer Audienz mit dem Papst aus. Im Gespräch mit uns beklagte er die zunehmende Gleichgültigkeit reicher Länder gegenüber Migranten.

Mit Papst Franziskus sprach der Flüchtlingskommissar, wie er sagte, über die globale Lage von Flüchtlingen und Vertriebenen, die unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie besonders leiden. Der politische Kontext bleibe für diese Menschen „sehr schwierig, weil die Frage sehr politisiert worden ist: die Aufnahme von Geflüchteten, die eine humanitäre Geste sein sollte, woran Papst Franziskus uns so nachdrücklich erinnert, ist oft ein Thema der politischen Debatte geworden.“ Konkreter sei es dann auch um Flüchtende in Lateinamerika gegangen, besonders den Exodus der Venezolaner, sowie um den Libanon in seiner Krise und die Menschen auf der Balkanroute.

Drittens habe er mit dem Papst über die Asylpolitik Europas gesprochen, genauer über „die Notwendigkeit, dass Europa so schnell wie möglich ein gemeinsames Instrument zur Aufnahme, Identifizierung und Integration von Flüchtlingen entwickelt. „Und ich muss sagen, dass zwischen dem Heiligen Vater und uns in diesen Fragen völlige Identität der Ansichten besteht“, erklärte der Flüchtlingskommissar.

„Es gibt welche, die ganz laut schreien und das Leid dieser Menschen ausnutzen, um Stimmen zu gewinnen“


Grandi beklagte ein zunehmendes Abstumpfen in reichen Ländern gegenüber den Nöten von Flüchtenden. „Es ist eine taube Welt, eine gleichgültige Welt, eine Welt, die durch viele andere Probleme abgelenkt ist, und die Pandemie ist leider eine sehr reale Ablenkung.“ Zugleich kritisierte der Flüchtlingskommissar populistische Parteien, die das Migrationsproblem für ihre Zwecke einsetzen. „Es gibt welche, die ganz laut schreien und das Leid dieser Menschen ausnutzen, um Stimmen zu gewinnen, Wahlen zu gewinnen und mehr Macht zu haben. Das beunruhigt. Und wir müssen genau diesem Verhalten die Botschaft von Papst Franziskus entgegensetzen: der Botschaft der Solidarität, der Menschlichkeit, die Botschaft der Geschwisterlichkeit, die er ständig versucht, in allen Ländern der Welt zu verbreiten.“

Hier zum Hören:

Nicht nur Lesbos

Grandi besuchte den Papst am fünften Jahrestag der Visite von Franziskus auf Lesbos, wo er – gemeinsam mit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomaios und dem orthodoxen Erzbischof von Athen, Hieronymus, die Menschen in den Flüchtlingslagern besucht hatte. Nicht nur auf Lesbos, sagte uns Grandi, erfahren diese Menschen „nicht den Schutz, die Stabilität und die Aufnahme, die sie finden sollten“. Er erwähnte auch die Balkanroute, auf der immer mehr Schutzsuchende Richtung Europa flüchten, und die Komplexität und Dynamik solcher Fluchtbewegungen. „In einer Welt, in der wir alle mobiler geworden sind, auch Flüchtlinge und Migranten, wird diese Mobilität oft von Kriminellen und Menschenhändlern ausgenutzt, und das kann Menschen auf der Flucht leider in andere gefährliche Situationen bringen.“

Die Ursachen, warum Menschen flüchten, seien heute komplexer als in früheren Zeiten, erklärte der Fachmann. Seit jeher seien Menschen von Gewalt, Diskriminierung und Verfolgung vertrieben worden. Zugenommen hätten langwierige Konflikte und Kriege als Fluchtursachen. Dazu kamen in jüngerer Zeit Armut, Klimawandel und Pandemien. „Es handelt sich also um sehr komplexe Bevölkerungsströme, die für die Regierungen schwer zu managen sind“, so Grandi. „Ohne ein gutes Management führen sie nicht nur zu Spannungen mit den lokalen Gemeinschaften, die gelöst werden müssen, sondern vor allem lassen sie diese Menschen in ,schwebenden´ Situationen zurück, was aus menschlicher und humanitärer Sicht sehr schwierig ist."

1950 gegründet und leider noch immer nötig

Das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen empfing zweimal den Friedensnobelpreis, 1954 und 1981. Gegründet wurde es 1950, und zwar zunächst auf drei Jahre, erinnerte Grandi. „Nach mehr als 70 Jahren sind wir leider - ich bestehe auf dem Wort ,leider´ - immer noch notwendig.“ 2021 sei der 70. Jahrestag der Flüchtlingskonvention – „ein Dokument, das trotz seines inzwischen fortgeschrittenen Alters weiterhin von großer Relevanz ist“.

(vatican news – gs)

 

17 April 2021, 10:39