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Irak, Karakosch: Eine Ordensschwester verschönert ein Kruzifix für den Papstbesuch Irak, Karakosch: Eine Ordensschwester verschönert ein Kruzifix für den Papstbesuch  (AFP or licensors)

Irak: „Das Nest, aus dem unser Glaube geschlüpft ist“

Als Chance für die Anliegen der irakischen Christen und für mehr Zusammenhalt der Konfessionen begreift den Papstbesuch im Irak der assyrische Pater Emanuel Youkhana. Er ist Direktor der Hilfsorganisation „Christian Aid Program North Iraq“ (CAPNI).


„Franziskus zwingt die Welt, auf uns zu schauen, gleich welcher Konfession wir angehören. Doch selbst wenn die internationale Aufmerksamkeit nach drei Tagen nachlässt, sollten wir versuchen, das Momentum hier weiter zu nutzen“, sagte der Vertreter der assyrischen Kirche des Ostens in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ vom Freitag:

„Dass der Papst seine erste Reise nach langer Corona-Pause uns widmet, zeigt unseren Mitbürgern, dass die christlichen Gemeinschaften hier wertvoll sind. Franziskus bringt unsere Anliegen aufs nationale Tableau, ins Fernsehen, zu den Spitzenpolitikern. Und ich bin mir sicher, dass er hinter verschlossenen Türen deutlichere Worte an sie richten wird, als sie in den glattgebügelten diplomatischen Statements zu lesen sein werden.“

„Ich bin mir sicher, dass der Papst hinter verschlossenen Türen deutlichere Worte an sie richten wird, als sie in den glattgebügelten diplomatischen Statements zu lesen sein werden.“

Ausgeblutete Gemeinden

Mit Blick auf Hilfe für die vertriebenen Christen des Irak sieht der Kirchenmann noch großen Handlungsbedarf auf Seite der Landesführung: „Der Staat tut kaum etwas, die meiste Arbeit stemmen Hilfsorganisationen wie unsere. Und wir merken: Es ist leichter, Kirchen wiederaufzubauen als Gemeinden. In Mossul wurden Gotteshäuser restauriert, doch sie bleiben letztlich leere Hüllen, in denen keine Messen mehr gehalten werden. Dass so wenigstens unser kulturelles Erbe erhalten wird, freut uns; dass die Kirchen aber eher Museen sind, ist schmerzhaft.“

Die Aufarbeitung der IS-Zeit habe für die irakische Regierung „keine Priorität“, bedauert Pater Emanuel Youkhana weiter: „Die IS-Ideologie ist noch immer da, Täter laufen frei herum.“ Nationale Debatten zu diesem dunklen Kapitel der Landesgeschichte fehlten „vollkommen“, beobachtet er. Niemand denke darüber nach, wie es zu den Vergehen des Islamischen Staates im Irak kommen konnte. Die Unkenntnis der christlichen Tradition des Irak habe dem Terror dabei Vorschub geleistet, zeigt sich der assyrische Christ überzeugt.

Mangelnde Aufarbeitung

„Im Irak gibt es vier Minderheiten, die vor der Islamisierung im Land präsent waren: Christen, Jesiden, Juden, Mandäer. Aber bis heute kann man in diesem Land Abitur machen, ohne je etwas über diese Gemeinschaften erfahren zu haben. Wir existieren einfach nicht für diesen Staat, das hat es dem IS leichtgemacht: Wem 2000 Jahre christliche Geschichte im Irak nicht bewusst sind, der wird auch wenig Skrupel haben, eine Kirche zu entweihen.“

„Ich würde dem Papst sagen, dass die Kirche des Ostens das Nest ist, aus dem unser Glaube geschlüpft ist. Wenn sie untergeht, verliert das Christentum seine Wurzeln. Über 2.000 Jahre lang haben wir die Region bereichert. Wir können heute Brücken bauen, wo andere Mauern errichten.“

Pater Emanuel Youkhana würde sich auf Seite der vielen christlichen Konfessionen des Irak und deren Führern zugleich mehr Einheit wünschen. Viele bekämpften sich stattdessen lieber gegenseitig. Um die Gunst der im Irak verbliebenen Christen buhlten zehn Parteien. „Wir sprechen nicht mit einer Stimme, das ist wirklich unerfreulich.“ Auf die Frage, welchen Satz er an Franziskus richten würde, wenn er ihn treffen könnte, antwortete der Geistliche: „Ich würde sagen, dass die Kirche des Ostens das Nest ist, aus dem unser Glaube geschlüpft ist. Wenn sie untergeht, verliert das Christentum seine Wurzeln. Über 2.000 Jahre lang haben wir die Region bereichert. Wir können heute Brücken bauen, wo andere Mauern errichten.“

(süddeutsche zeitung – pr)
 

05 März 2021, 11:58