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Bei einer Demonstration gegen Präsident Alejandro Giammattei Bei einer Demonstration gegen Präsident Alejandro Giammattei  (AFP or licensors)

Guatemala: Budgetentwurf gekippt, aber die Armut bleibt

Es war die Spitze des Eisbergs, das sichtbarste Stück der Krise Guatemalas: Das Parlament hat nun den heftig umstrittenen Budgetentwurf gekippt, nach lautstarkem Protest Zehntausender Demonstranten und auch der Bischöfe Guatemalas. Doch das zentrale Problem des mittelamerikanischen Landes bleibt: die Armut. Corona und Wirbelstürme verschärfen die Lage.

Andrea De Angelis und Gudrun Sailer - Vatikanstadt

„Die Leute sind müde, sehr müde, und leidgeprüft nach Wirbelstürmen und Covid-19 und der schweren Wirtschaftskrise“, sagt im Gespräch mit Radio Vatikan der Salesianerpater Giampiero De Nardi, der seit neun Jahren in Guatemala wirkt. Der nun gekippte Entwurf für den Staatshaushalt 2021 wäre wirklich „ein Drama“ gewesen, so der Ordensmann. „Es wurde in nur 23 Stunden verabschiedet, ohne ein Minimum an Debatte mit der Opposition. Weniger Geld für Gesundheitsvorsorge und Bildung war vorgesehen. Dafür unnötige Ausgaben, etwa für den Bau eines neuen Parlamentssitzes um 100 Millionen Quetzal, das entspricht 15 Millionen Euro. Und die Leute haben Hunger! Auch die Bischofskonferenz war sehr deutlich in ihrer Kritik an diesem Haushalt und hat die Billigung des Budgets in dieser Form klar abgelehnt.“

„Von einem Tag auf den anderen hatten viele Leute nichts mehr zu essen“

Unterdessen ist das zentrale Problem des Landes ungelöst: die Armut. „Guatemala ist ein Volk, das von Landwirtschaft lebt, Industrie macht nur fünf Prozent der nationalen Produktion aus, und der informelle Sektor – die Gelegenheitsarbeit, von einem Tag auf den anderen - liegt bei 15 Prozent“, erzählt der Priester. „Eine Nation der Landwirtschaft: und da haben die Wirbelwinde riesige Schäden angerichtet. Dieses Jahr sind vier Wirbelstürme durchgezogen, zwei im August und zwei kürzlich. Von einem Tag auf den anderen hatten viele Leute nichts mehr zu essen. Und viele haben wirklich alles verloren. Wir brauchen eine Antwort auf diese Notlage.“

Hier zum Hören:

Nur noch die Kirchturmspitze ragt aus dem Wasser

Der Regen bei den Wirbelstürmen war so heftig, dass eine Stadt in der Nähe der Salesianermission, in der Giampiero De Nardi arbeitet, für unbewohnbar erklärt wurde, und zwar dauerhaft. „Es ist praktisch ein See geworden. Die Kirche ist untergegangen, man sieht nur noch die Spitze des Glockenturms.“

Bei Demonstrationen in Guatemala kam es zu Ausschreitungen und Polizeigewalt
Bei Demonstrationen in Guatemala kam es zu Ausschreitungen und Polizeigewalt

Kurz, die Probleme Guatemalas sind nicht erst entstanden mit COVID, die Pandemie hat aber eben auch die bescheidene Tourismusindustrie auf null reduziert. „Guatemala ist das einzige Land in Mittelamerika, wo die Armut in diesen letzten Jahren zugenommen hat“, erklärt der Priester. Große Sorge macht ihm vor allem die Zunahme der extremen Armut. „In sozusagen normaler und in extremer Armut leben insgesamt 85 Prozent der Bevölkerung, und mindestens 18 Prozent in extremer Armut. Das sind dramatische Lebenssituationen.“

„Die Kirchen waren die einzigen Orte, die ihnen blieben zum Übernachten“

 

Die Kirche habe einiges getan, um das schlimmste Leid zu lindern. „Einige Kirchen sind Zufluchtsorte für die Leute geworden, die alles verloren haben, auch das Dach über dem Kopf, die Kirchen waren die einzigen Orte, die ihnen blieben zum Übernachten. Wir verteilen Essen, die Leute, die noch etwas haben, sind sehr großzügig.“

Sieben Tage haben Guatemalas Volksvertreter nun Zeit, einen neuen Budgetentwurf vorzulegen. Die Stimmung ist nach wie vor sehr aufgeheizt, am Samstag hatten Demonstranten Teile des Parlaments in Brand gesetzt. Wenn in einer Woche kein neuer Haushaltsentwurf vorliegt, soll es bei dem alten bleiben.

(vatican news)

24 November 2020, 10:27