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Vatican News

Syrien: Warum ein Bischof trotz des Krieges Häuser baut

Vor neun Jahren begann das Chaos, das unter dem vereinfachenden Begriff Syrien-Krieg bekannt ist. Los ging’s mit ein paar Demonstrationen gegen das Assad-Regime; heute ist der Konflikt ein Knäuel von Interessen, die weit über das syrische Schlachtfeld hinausgehen.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Rebellengruppen, Islamisten, ausländische Streitkräfte treiben ihr blutiges Geschäft. Mehr als 380.000 Menschen haben durch den Krieg das Leben verloren, und jeder zweite Syrer musste flüchten; fünfeinhalb Millionen Syrer sind im Ausland, darunter viele junge Leute. Sie fliehen nicht nur vor den Bomben, sondern auch vor dem obligatorischen Militärdienst: 18 Monate Zwangsdienst für Assad, das will nicht jeder.

Trotzdem hofft Jean-Clément Jeanbart darauf, dass junge Leute zurückkommen ins Land. Der Mann, der seit 1995 griechisch-melkitischer Erzbischof von Aleppo ist, hat mehrere konkrete Projekte für junge Leute in seinem Bistum angestoßen, etwa ein Sozialwohnungs-Programm.

Die Miete kann sich keiner mehr leisten

„Viele junge Leute gehen ja auch deswegen, weil sie nicht heiraten können – sie können sich nämlich keine Wohnung leisten“, erklärt uns Erzbischof Jeanbart. „Damit Sie sich davon eine Vorstellung machen können: Mit der Inflation kostet eine Wohnung, die früher zwei oder drei Millionen syrische Pfund wert war, jetzt dreißig Millionen! Und das durchschnittliche Gehalt liegt bei 100.000 Pfund. Also kann sich keiner mehr die Miete leisten.“

Zum Nachhören

Anders als in Westeuropa sind Kirchenführer im Orient auch so etwas wie politische Führer für ihre jeweilige Gemeinschaft. Man erwartet von ihnen auch Wohnungsbauprogramme, nicht nur geistlichen Zuspruch.

„Ich will irgendwann mal heiraten, Papa“

„Vor einem Jahr kam ein Vater zu mir und hat mir gesagt: Hören Sie zu, Herr Bischof, mein Sohn will das Land verlassen. Ich habe ihn gefragt: Warum denn? Er sagte: Das ist nicht wegen des Militärdienstes, denn er ist Einzelkind und muss deswegen keinen Militärdienst leisten. Aber er hat mir gesagt: Ich will irgendwann mal heiraten, Papa, aber wie kann ich denn jemals ein Haus haben, wenn es vierzig Jahre braucht, bis man ein Haus abbezahlt hat? Das kann man sich kaum vorstellen… Ich habe dem Vater erzählt, dass die Lage schon wieder besser und die Gehälter schon wieder höher würden – aber das habe ich selber nicht so richtig geglaubt.“

Die ganze Woche habe er über das nachgedacht, was dieser Vater ihm gesagt habe. „Dann wurde mir klar, dass dieser junge Mann bei weitem nicht der Einzige in dieser Lage war. Dass es Hunderte von jungen Leuten wie ihn geben musste, die in so einer unmöglichen Lage stecken.“

Im Moment wird am dritten Stock gebaut

Der Erzbischof erkundigte sich – und stellte fest, dass das Bistum Aleppo einige Parzellen an Bauland besaß. Außerdem habe er da noch ein bisschen Geld gehabt, das er beiseitegelegt hatte. „Also habe ich ein Wohnungsprogramm für drei Häuser mit insgesamt etwa hundert Appartements angestoßen. Im Moment sind wir beim dritten Stock. Ich will jungen Leuten, die heiraten wollen, eine Wohnung zu einem symbolischen Mietpreis überlasen, der nicht höher liegt als 15 oder 20 Prozent ihres Gehalts. Gott sei Dank – das funktioniert.“

Jedenfalls glaubt Jeanbart fest an sein Projekt. „Mit allem, was wir ihnen geben können – wenn sie sich einrichten, heiraten und eine Familie haben können – dann brauchen sie doch nicht mehr zu emigrieren. Nächstes Jahr fangen wir an, den jungen Leuten die Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Ich bin sehr zufrieden, auch wenn wir dieses Bauland, das viel wert war, dafür geopfert haben und unsere finanzielle Reserve aufgebraucht haben. Ich bin zufrieden, denn das wird vielen jungen Leuten helfen. Und das Bistum bekommt ja auch wieder ein bisschen herein, um zu überleben…“

‚Aleppo wartet auf euch‘

Aleppo – aber das ist jetzt eine Weile her – gehörte mal zu den umkämpften Hotspots dieses Kriegswirrwarrs. Damals sah Erzbischof Jeanbart viele Menschen emigrieren; NGOs – „auch christliche!“ – hätten den Menschen bei der Ausreise geholfen. „Das hat mich innerlich wirklich aufgebracht! Aber wenn ich damals zu den jungen Leuten gesagt hätte ‚Geht doch bitte nicht weg‘, dann wäre das ein Witz gewesen… Darum habe ich damals ein Rückkehr-Projekt initiiert, das ich ‚Aleppo wartet auf euch‘ genannt habe. Wir sind bereit, allen, die zurückkommen wollen, zu helfen und ihnen die Reise zu zahlen. Ich dachte mir: So verstehen sie, dass uns wirklich an ihrer Anwesenheit hier liegt.“

Eine schlaflose Nacht

In der Nacht, bevor er sein Rückkehrer-Projekt öffentlich machte, habe er kaum ein Auge zugemacht, sagt Erzbischof Jeanbart. „Ich sagte mir: Was machst du da – die werden sich über dich lustig machen. Was erzählt uns dieser Bischof Jeanbart da? Der ist ja dumm – alle gehen weg, und er sagt, wir sollen wiederkommen… Dann habe ich gebetet und die Bibel geöffnet; da stieß ich auf die Passage vom wunderbaren Fischfang. Wie die Apostel die ganze Nacht fischen, ohne dass ihnen etwas ins Netz geht. Da habe ich begriffen: Der Herr will, dass ich das Netz auswerfe. Und in den letzten zwei Jahren ist es mir gelungen, 120 Menschen zur Rückkehr zu bewegen.“

(vatican news)
 

16 März 2020, 12:03