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Menschenleer: Der Vorplatz des Mailänder Doms Menschenleer: Der Vorplatz des Mailänder Doms  (ANSA)

Italiens Caritas: Die Menschen über der Armutsgrenze halten

Eine der besorgniserregensten Konsequenzen der Krise, die die Weltgemeinschaft aufgrund der Verbreitung des Coronavirus derzeit lebt, ist die Tatsache, dass viele Menschen ihre Arbeit verlieren und Mühe haben, sich und ihre Familien mit dem Notwendigsten zu versorgen. Daran erinnerte auch Papst Franziskus in seiner Frühmesse an diesem Samstag. Gleichzeitig rief er die kirchlichen Einrichtungen auf, mit Großzügigkeit und Entschiedenheit auf diese Krise in der Krise zu reagieren.

 

Sieht man sich die Situation in Italien an, so gibt es derzeit kaum einen Unterschied zwischen dem traditionell reicheren Norden und dem Süden, wo generell mehr Menschen in sozialen Schwierigkeiten leben. Wie der Leiter der Mailänder Caritas, Luciano Gualzetti, im Interview mit Radio Vatikan berichtet, sei in den diözesanen karitativen Verteilstationen die Nachfrage nach Lebensmitteln sprunghaft angestiegen, auch Menschen, die bisher nicht bei der Caritas vorstellig wurden...

„Gleich nachdem die Gesundheitsbehörden die ersten Anweisungen erteilt haben, um die Verbreitung des Virus zu stoppen, haben wir versucht, den absolut unantastbaren Bedürfnissen der Menschen entgegenzukommen. Das bedeutet, den verletzlicheren Menschen nahe zu sein, die gleichzeitig diejenigen sind, die das größte Risiko einer Ansteckung eingegangen wären, wenn wir sie nicht mit einem Obdach und Nahrung versorgt hätten. Doch außerdem sind dies auch die Menschen, die am stärksten von den sozialen Folgen dieser Krise und Isolation betroffen sind, auch im Hinblick auf Verarmung.“

Dienste der Caritas wurden sofort ausgeweitet

Deshalb habe man sich in der Caritas sofort aktiviert, um eine Schließung zu verhindern und vielmehr die angebotenen Dienste auszuweiten, „um die Menschen zu unterstützen, die sofort ihre Arbeit verloren haben“, so Gualzetti. Viele der Menschen, die nun an die Tür der Caritas klopften, hätte man im Vorfeld dabei unterstützt, eine Arbeit zu finden und sich damit eine fragile Existenz aufzubauen. „Wir denken an diejenigen, die sofort nach Ausbruch der Krise ohne Arbeit dastanden, vielleicht, weil sie einen befristeten Vertrag hatten, der nicht verlängert wurde, oder an diejenigen, die alte Menschen betreuten, ihnen die Einkäufe in die Wohnung brachten und ähnliches. All das ist auf fatale Weise unterbrochen worden.“

Lebensmittelanfragen um 30 Prozent gestiegen

Dadurch würden nun viel mehr Lebensmittel als bisher in die Wohnungen der Bedürftigen verteilt, die nicht mehr in die Pfarrzentren kommen könnten, berichtet der Caritas-Leiter weiter. „Vor zwei Wochen haben wir in den diözesanen Verteilstellen eine um 30 Prozent erhöhte Nachfrage nach Lebensmitteln festgestellt, weil zum Beispiel jetzt die Kinder zu Hause sind, die bisher in der Schule gegessen haben. Und auch die Anzahl der Menschen, die beantragt haben, kostenlos in unseren wohltätigen Supermärkten einkaufen zu können, weil sie es sich in den normalen Supermärkten nicht mehr leisten können, ist um 25 Prozent angestiegen.“

Ein millionenschwerer Fonds zur Direkthilfe

Doch die Hilfe der Erzdiözese Mailand geht weit darüber hinaus. Wie Luciano Gualzetti berichtet, hatte der Erzbischof von Mailand, Mario Delpini, in der vergangenen Woche in Abstimmung mit der Stadtgemeinde einen Fonds für die Menschen aufgelegt, die auf dem Gebiet der Erzdiözese aufgrund der Krise seit dem 1. März ihre Arbeit verloren haben. Jeweils 2 Millionen Euro kommen von der Kirche und der Stadt Mailand. „Wir sammeln gerade die Anfragen dafür ein, und ab der kommenden Woche werden wir damit beginnen, denjenigen, die kein Einkommen mehr haben, ein kleines Gehalt auszuzahlen.“ Man versuche, so unterstreicht der Caritasverantwortliche, die Menschen „über der Armutsgrenze zu halten, denn wenn sie erst einmal darunter fallen, wird es umso schwieriger, sie wieder herauszuholen.“

„Wir hören wirklich einen Aufschrei: ,Wir haben Hunger'“

Dabei hat die Caritas viele verschiedene Kategorien von Menschen im Blick. Diejenigen, die sich in dieser Situation erstmals an die Caritas wenden, aber auch das fahrende Volk, das durch die Krise besonders hart getroffen ist. Denn, so erinnert Gualzetti, diese hätten nicht nur die Artisten, sondern auch ihre Tiere weiterhin zu versorgen, auch wenn Auftritte derzeit nicht möglich seien: „Wir hören wirklich einen Aufschrei: ,Wir haben Hunger'“, unterstreicht der Caritas-Leiter.

Unter den Hilfesuchenden, die sich an die Caritas wenden, sind neuerdings auch religiöse Gemeinschaften und Klöster, die sich normalerweise mit dem Verkauf ihrer Produkte über Wasser halten. „Wir versuchen, auch ihnen zu helfen, so wie den zahlreichen Familien, die ihren Pfarrer angerufen und um Hilfe dabei gebeten haben, Lebensmittel zu besorgen, wie Nudeln, Reis, Öl, Obst und Gemüse, aber auch Medikamente.“ Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein: auch die abrupte Unterbrechung aller sozialen Kontakte schlägt vor allem den älteren Menschen aufs Gemüt. „Deshalb haben wir unseren Jugendpastoraldienst aktiviert, und viele junge Menschen haben geantwortet und sich bereit erklärt, Lebensmittel und Medikamente zu den alten Leuten zu bringen, und an der Türschwelle ein paar Worte mit ihnen zu wechseln.“

Supermärkte im Visier der verzweifelten Menschen

Die Verzweiflung der Menschen beginnt an einigen Orten jedoch auch in Aggressivität umzuschlagen: es wird vor allem im Süden Italiens über Gruppen berichtet, die zu gezielten Raubzügen auf Supermärkte aufrufen, beispielsweise in Palermo, wo die Polizeipräsenz spürbar verstärkt wurde.

In dieser Situation täten die staatlichen und karitativen Institutionen ihr Bestes, um die Not zu lindern. Dazu sei jedoch die Solidarität aller nötig, erinnert Gualzetti. „Wir bringen alle Ressourcen auf, die wir zu Verfügung haben und versuchen, die freiwilligen Helfer zu orientieren, deren Einrichtungen vielleicht geschlossen haben, um ihnen eine andere Aufgabe zu geben. Aber das sind natürlich erhöhte Kosten, die wir aufbringen müssen. Außerdem müssen wir individuelles Schutzmaterial wie Gesichtsmasken kaufen – all das sind Kosten, die wir tragen müssen, um weiter arbeiten zu können.“

(vatican news - cs)

30 März 2020, 12:18