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Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg 

Corona: EU-„Chefbischof“ kritisiert mangelnde Solidarität

Europas „Chefbischof“ kritisiert die Europäische Union angesichts der Corona-Krise. Im Gespräch mit Radio Vatikan beklagt Kardinal Jean-Claude Hollerich aus Luxemburg mangelnde Solidarität der Staaten untereinander.

„China hilft Italien, und dafür kann ich nur danken. Aber leider muss ich feststellen, dass andere europäische Länder eine solche Hilfe nicht leisten! Ich finde, dass die am meisten betroffenen Nationen immer Hilfe von außen brauchen. Europa ist eine Solidargemeinschaft – aber das darf man nicht nur herausstreichen, solange alles gut läuft. Solidarität ist vor allem in den dramatischen Momenten wichtig: Jetzt muss gezeigt werden, dass es eine europäische Identität gibt. Ja – eine europäische, christliche Identität!“

Zum Nachhören

Deutschland und Frankreich haben einen Ausfuhrstopp für Schutzkleidung gegen das Corona-Virus verhängt. Darum stößt die italienische Regierung mit ihren Bitten um entsprechende Hilfen ins Leere. China hingegen, wo das Virus zuerst aufgetreten ist, hat Italien Schutzmasken geliefert. Das Regime will damit vergessen machen, dass es das Aufkommen des Virus anfangs vertuscht hat.

Jetzt nicht einfach die Grenzen dichtmachen

„Ich stelle fest, dass viele Nationen in Europa jetzt die Grenzen dichtmachen und Entscheidungen lediglich für ihr eigenes Volk treffen, ohne die anderen zu berücksichtigen“, so Hollerich weiter. „Darum appelliere ich an die Politik: Wenn es euch möglich ist, dann gebt Zeugnis von der tiefen Solidarität, die eigentlich in Europa herrschen müsste! Wir riskieren heute, uns in uns selbst zu verschließen, wenn es zu solchen unglücklichen Geschehnissen kommt. Aber als Christen sollten wir es nicht so halten – wir sollten unsere Herzen nicht verschließen!“

„Ich habe keine Angst, ich bin sehr ruhig: Gott ist da“

Kardinal Hollerich leitet den europäischen Bischofsrat Comece. Die Corona-Krise hält aus seiner Sicht eine wichtige Lehre bereit.

„Ich glaube, das ist der Moment, um innezuhalten und nachzudenken, welche Dinge in unserem Leben wirklich wichtig sind. All das erlaubt uns, neu wahrzunehmen, dass unser Leben in Gottes Hand ist. Und zu verstehen, dass wir unser Glück nicht selbst herstellen können. Dass unsere Existenz zerbrechlich ist. Das, was wir jetzt erleben, kann uns helfen, tief ins Geheimnis Christi einzutreten: in seinen Tod am Kreuz, und seine Auferstehung. Ich habe keine Angst, ich bin sehr ruhig: Gott ist da. Gott ist bei uns.“

Seit Donnerstagabend ist der Kardinal übrigens in Quarantäne - weil einer seiner Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet wurde. Es geht ihm gut. Das Interview haben wir an diesem Wochenende geführt.

(radio vatikan – sk)
 

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16. März 2020, 10:32