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Weihnachtsvorbereitungen in Gaza Weihnachtsvorbereitungen in Gaza  (ANSA)

Weihnachten im Gazastreifen: „Gefängnis unter offenem Himmel“

Eine kleine, aber lebendige Herde: 117 Katholiken leben in Gaza. Weihnachten feiern sie gemeinsam mit ihrem Pfarrer Gabriel Romanelli und den Christen anderer Konfessionen. Im Gespräch mit Radio Vatikan berichtet der Argentinier, wie das Leben in Gaza zwar einem „Gefängnis unter offenem Himmel“ gleicht – aber wie auf der anderen Seite die Christen mit großer Solidarität füreinander und für die Bedürftigen der Region einstehen.

Allgemeine Weihnachtsstimmung will in den Straßen nicht so recht aufkommen: die Dekorationen sind spärlich und beschränken sich vor allem auf die Häuser der Christen, und vor allem auf diejenigen der 117 Katholiken unter den mehr als 2 Millionen Einwohnern Gazas. Seit zwei Monaten ist Gabriel Romanelli für die kleine Gemeinschaft der lateinischen Pfarrei zuständig. Er und die religiösen Familien, die Schulen und Ausbildungszentren betreiben, bilden das Herzstück der christlichen Gemeinschaft, die nicht nur Katholiken, sondern vor allem griechisch-orthodoxe und Christen anderer Riten vereint.

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„Ökumene ist hier Alltag“, erzählt uns der Pfarrer, der uns seinen großen Traum für dieses Weihnachtsfest anvertraut: Dass die Kirchen in Gaza leer stehen werden. Haben wir das richtig verstanden? „Es klingt komisch, aber in Wirklichkeit würde das bedeuten, dass Israel die Erlaubnisscheine ausgegeben hat, damit die Christen die Krippe in Bethlehem besuchen können. Vergessen wir nicht, dass die Christen Gazas, so wie diejenigen von Ramallah, Beit Sahour und Jerusalem, die Nachfahren der ersten Christen sind. Sie haben mehr Anrecht darauf als viele von uns, in der Weihnachtsnacht zur Krippe zu gehen.“

„Woher kommt mir Hilfe?“

Mit diesem Wunsch hat der Pfarrer einen wunden Punkt berührt, der nicht nur die Christen im Gazastreifen umtreibt: Das Leben gleicht in vielem einem „Gefängnis unter freiem Himmel“, bestätigt uns auch Pfarrer Romanelli: „Ja, so ist es, erst dieser Tage habe ich darüber nachgedacht, indem ich Psalm 121 auf die Wirklichkeit in Gaza bezogen habe: Woher kommt mir Hilfe? Die Rettung, die Hilfe, kommt von den Mauern, von den Tunneln, vom Meer… Unsere Hilfe kommt im Namen des Herrn, von oben, von Gott. Denn wenn eine Ungerechtigkeit so groß ist, so stark, so lang andauernd, dann erreichen der Schrei, die Angst, die Gebete des Unterdrückten den Herrn und der Herr wird das geben, was er will, wann er will und wie er will… Wir müssen nur für alle beten, dass der Herr allen Frieden geben, aber einen Frieden, der auf der Gerechtigkeit basiert.“

„Unsere Pfarrei ist ein wenig wie das Herz aller Christen“

Die Schwierigkeiten, mit denen die Menschen in der Region umgehen müssen, sind offensichtlich: Insbesondere junge Menschen sehen oftmals keine Perspektiven und kehren ihrer Heimat den Rücken. Die Armutsrate erreicht bis zu 80 Prozent, und oft fehlen dringend benötigte Dienste wie Wasser, Elektrizität, oder Arzneimittel, von den Sozialdiensten ganz zu schweigen… „Mehr als 60 Prozent, unter den jungen Menschen sogar bis zu 70 Prozent, sind arbeitslos, das sind enorme Zahlen. Es ist überlebensnotwendig, dass unsere Pfarrei so aktiv ist, obwohl wir nur 117 Katholiken sind, aber sie ist ein wenig wie das Herz aller Christen… Nachdem wir nur wenige sind, versuchen wir, den Gläubigen persönlich nahe zu sein, oder, in schwierigen Zeiten, auch über Telefonanrufe, Facebook, Whatsapp…,“ berichtet Pfarrer Romanelli.

Doch auch ganz konkret und mit kleinen Solidaritätsbezeugungen helfen sich die Katholiken untereinander: Pfarrer Romanelli erzählt, dass es vor allem älteren Menschen schwerfiele, sich um Weihnachtsdekorationen zu kümmern. Junge Leute hätten es sich nun zur Aufgabe gemacht, sie gemeinsam mit Priestern zu besuchen, um ihre Räume festlich zu schmücken. „Wir sind hier füreinander da“, meint der argentinische Priester sichtlich stolz über seine rege Gemeinde.

Die religiösen Gemeinschaften täten ihrerseits alles in ihrer Macht stehende, um gemeinsam die Abwanderung aus der Region aufzuhalten und den Menschen eine Perspektive zu bieten. „Ein sehr wichtiges Projekt besteht darin, Arbeitsplätze zu finden und zu schaffen, denn die Versuchung, wegzugehen, ist bei der gesamten Jugend im Gazastreifen sehr stark. Uns wurde berichtet, dass im vergangenen Jahr mindestens 25.000 muslimische Palästinenser aus Gaza abgereist sind und wir wissen auch, dass viele Christen ausgereist sind. Die Grenze nach Ägypten ist offen, auch wenn nicht viele sie nutzen, aber viele von denen kommen nicht wieder.“ 

(vatican news)

23 Dezember 2019, 13:38