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Demonstrierende Oromo im Oktober in Addis Abeba Demonstrierende Oromo im Oktober in Addis Abeba 

Äthiopien nach den Unruhen: „Das kommt uns auch paradox vor“

Mindestens 86 Menschen sind bei den Protesten ums Leben gekommen, die vor zwei Wochen in Äthiopien aufgebrochen sind. In der Hauptstadt Addis Abeba sowie mehreren Teilen des Landes wurden über 400 Menschen festgenommen.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Die ethnisch grundierten Unruhen haben viele überrascht – schließlich ist dem äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed doch gerade erst der Friedensnobelpreis zugesprochen worden. Seit seinem Amtsantritt im letzten Jahr hat er zahlreiche Reformen auf den Weg gebracht, darunter eine historische Versöhnung mit dem Nachbarland Eritrea. Als Abiy Ahmed im Januar bei Franziskus in Audienz war, dürfte ihn der Papst in seinem innen- und außenpolitischen Friedenskurs bestärkt haben.

Die Unruhen haben allerdings vorgeführt, dass der Premier auf einem dünnen Seil tanzt. Äthiopien, einer der ärmsten Staaten der Welt, bleibt ethnisch und sozial explosiv. „Seit Mitte Oktober waren junge Leute auf der Straße, um zu protestieren“, sagt Pater Teshome Fikre, Generalsekretär der äthiopischen Bischofskonferenz, im Interview mit Radio Vatikan. „Die Proteste richteten sich gegen Entscheidungen, mit denen die Regierung verhindern wollte, dass einige oppositionelle Aktivisten eine radikale Haltung einnehmen und Spannungen zwischen den verschiedenen Ethnien schüren.“

Mehrheit der Äthiopier steht hinter Abiy Ahmed

Dass solche Proteste gerade in einem Moment aufbrachen, in dem ein führender äthiopischer Politiker international für seine Friedensarbeit gewürdigt wurde, hat auch Pater Fikre überrascht.

„Das kommt uns auch paradox vor. Natürlich sind in der Politik nicht immer alle einer Meinung, aber die Mehrheit des Landes steht doch auf der Seite des Premierministers und unterstützt seine Maßnahmen! Er hat zahlreiche Gesetze, die die Menschenrechte verletzten, reformiert. Einige akzeptieren noch nicht das neue System, das er aufbaut. Und weil die Mehrheit der Bevölkerung arm ist, nutzen einige Politiker den Einfluss aus, den sie auf junge Leute vom Land haben, um sie aufzuhetzen… Jedenfalls kommt uns das auch paradox vor. Der Premierminister tut doch alles, damit die verschiedenen Ethnien in Frieden zusammenleben, in ethnischer Gemeinsamkeit.“

„Die Regierung spricht jetzt mit den verschiedenen Gruppen, um das Land zu befrieden“

Zum Glück seien die Proteste aber seit etwa einer Woche abgeflaut, berichtet Pater Fikre. Eine Reihe von Verletzten liege noch in den Krankenhäusern; Kirchen und Moscheen seien bei den Unruhen beschädigt worden. „Die Regierung spricht jetzt mit den verschiedenen Gruppen, um das Land zu befrieden.“ Einen anderen Weg als den Dialog gebe es nicht.

Zum Nachhören

„Außerdem hat der äthiopische Staat schon vor etwa sechs Monaten eine Kommission für Frieden und Versöhnung auf die Beine gestellt. Sie wird von unserem Kardinal, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, geleitet, denn die Kirche engagiert sich sehr für den Aufbau des Friedens. Über unsere Schulen, Krankenhäuser, Pfarreien und Entwicklungsprojekte versuchen wir, im Dienst aller zu stehen und den Frieden aufzubauen – zusammen mit allen Akteuren, die in diesem Bereich aktiv sind.“

Kardinal Berhaneyesus Demerew Souraphiel ist Erzbischof der Hauptstadt; er wurde im Februar zum Koordinator der neuen Friedenskommission berufen. Das Gremium soll einen Schlussstrich unter den jahrzehntelangen Konflikt Äthiopiens mit Eritrea ziehen.

(vatican news)
 

05 November 2019, 13:57