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Tumulte auf den Straßen Pakistans nach dem Bibi-Freispruch Tumulte auf den Straßen Pakistans nach dem Bibi-Freispruch  (ANSA)

Pakistan: Der Fall von Asia Bibi schlägt weiter hohe Wellen

„Wir haben Leute verhaftet, die verdächtigt werden, Polizisten verletzt und öffentliches und privates Eigentum beschädigt zu haben“, erklärte der Sprecher der Polizei von Punjab, Basharat Ali. Nach Angaben der örtlichen Medien habe die Polizei des Distrikts mittlerweile mehr als 1.100 Personen festgenommen.

Die islamistische Gruppe Tehreek-Labbaik Pakistan (TLP) Pakistan drei Tage lang mit Straßenprotesten lahmgelegt, nachdem der Oberste Gerichtshof die Freilassung von Asia Bibi angeordnet hatte. Die Proteste waren am Samstag ausgesetzt worden, nachdem die Regierung sich bereit erklärt hatte, einer Petition, die die Revision des Urteils fordert, nicht zu widersprechen. Weitere Kernpunkte der Vereinbarung waren, Asia Bibi davon abzuhalten, das Land zu verlassen und die während der Proteste verhafteten Personen freizulassen.

Tehreek-Labbaik gegen die pakistanische Regierung

„Die Regierung hat eingewilligt, unsere Leute freizulassen. Anstatt das jedoch zu tun, hat sie Repressalien veranlasst,“ sagte an diesem Montag der Sprecher der Tehreek-Labbaik Pakistan, Zubair Kasuri, gegenüber der Dpa. Ihm zufolge wurden in der Nacht mehr als 500 Männer der TLP verhaftet. „Die Strategie der Regierung, die Vereinbarung zu missbrauchen und statt dessen unsere Leute und nicht die Ungläubigen zu verhaften, werden dem Frieden schaden", sagte Kasuri.

Rechtsstaatlichkeit und Reisefreiheit für Bibi gefordert

Unterdessen fordern Nichtregierungsorganisationen, den Druck auf Pakistan zu erhöhen. Das katholische Hilfswerk missio Aachen erklärte am Sonntag, die Bundesregierung und die Europäische Union sollten sich einschalten „und auf Aufklärung durch die pakistanische Regierung bestehen“. Die Verantwortlichen in Pakistan müssten für die Sicherheit Asia Bibis und ihrer Unterstützer sorgen sowie die rechtsstaatliche Umsetzung des Freispruchs und die Reisefreiheit Bibis garantieren.

UNO gefragt: Schutz religiöser Minderheiten

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) appellierte an UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet, sich für einen wirksameren Schutz religiöser Minderheiten und ihrer Rechtsvertreter in Pakistan einzusetzen. Als Mitgliedsstaat des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen habe Pakistan eine besondere moralische Verpflichtung, die Rechte religiöser Minderheiten und ihrer Rechtsvertreter zu achten und zu schützen.

Überraschender Freispruch

Die deutschen katholischen Bischöfe zeigten sich besorgt über die Lage in Pakistan. „Ich hoffe und bete, dass das ganze Land und besonders auch die kleine Gruppe tapferer Christen, die dort leben, diesen Sturm unbeschadet überstehen“, so der für das Thema Weltkirche zuständige Erzbischof Ludwig Schick. Bibi war 2009 wegen Gotteslästerung angeklagt und 2010 zum Tode verurteilt worden. Blasphemie gilt in dem islamisch geprägten Pakistan als Kapitalverbrechen. In der Praxis werden darunter fast ausnahmslos verächtliche Äußerungen und Taten gegen den Islam, den Koran und den Propheten Mohammed verstanden. Nach jahrelangem Tauziehen um den Fall sprach das Oberste Gericht Pakistans die Angeklagte in einem aufsehenerregenden Urteil am vergangenen Mittwoch von den Vorwürfen frei.

Die Lage ist unübersichtlich

Nach den Protest-Ausschreitungen schätzen Beobachter die Lage als unübersichtlich ein. Asia Bibis Ehemann Ashiq Masih bat laut einem Bericht der BBC um Asyl in Großbritannien, den USA oder Kanada. Zuvor hatte er der Deutschen Welle gesagt, er mache sich große Sorgen um das Leben seiner Frau, seiner Familie und ihren Freunden. Pakistans Informationsminister Fawad Chaudry sagte dagegen dem britischen Sender, man habe die Sicherheitsvorkehrungen für Bibi verstärkt: „Ihr Leben ist nicht in Gefahr“.

Asia Bibis Anwalt kritisiert feindselige Aufnahme in Italien

Bibis Anwalt Saif ul-Malook setzte sich unterdessen aufgrund von Drohungen durch islamistische Extremisten nach Europa ab. Wie Saif ul-Malook der Zeitung Corriere della Sera am Sonntag schilderte, wurde er am Samstag am Flughafen in Rom von Beamten einer Anti-Terror-Einheit eine halbe Stunde lang verhört. Trotz einwandfreien Visums habe man die Echtheit seiner Dokumente angezweifelt und ihn anschließend zu einem Schalter eskortiert, um das Ticket für sein nächstes Ziel Amsterdam abzuholen. Dorthin ist ul-Malook inzwischen weitergereist.

Obwohl er sich als Muslim für eine Christin engagiert und sein Leben aufs Spiel gesetzt habe, habe man ihn „wie einen Terroristen empfangen - und das im Land des Papstes“, beklagte sich der Anwalt. Der Jurist hatte seiner Heimat Pakistan aufgrund von Drohungen durch islamistische Extremisten den Rücken gekehrt. Nachdem der Oberste Gerichtshof am vergangenen Mittwoch Asia Bibi endgültig freigesprochen hatte, habe er sich aus dem Gerichtssaal kommend sofort verstecken müssen, schilderte ul-Malook. Er habe nicht einmal mehr nach Hause fahren können, um Kleidung zu holen.

Sobald er am Freitag ein schon länger beantragtes Visum in den Händen hielt, habe er Pakistan verlassen und sei nach Italien geflogen. Er habe das Mandat für die wegen Gotteslästerung angeklagte Christin aus professionellen Gründen angenommen, begründete der Anwalt sein Engagement: „Das ist keine Frage der Religion, sondern ein Fall, in dem es keine Beweise gab.“ Es habe sich schlicht um eine falsche Beschuldigung gehandelt. Im Übrigen sei er „nicht gegen das Blasphemie-Gesetz an sich, sondern nur gegen dessen falsche Anwendung“.

(dpa – brt – adnkronos - vatican news - hoe)

 

05 November 2018, 10:26