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Pius XII. hat geschwiegen – aber…

Doch, Pius XII. hat zur Shoah geschwiegen. Das schreibt der Kirchenhistoriker Andrea Riccardi in einem Aufsatz im Corriere della Sera vom Mittwoch. Dabei sei dem Pacelli-Papst bewusst gewesen, dass seine Entscheidung, sich nicht offen gegen Hitler zu positionieren, auf scharfe Kritik stoßen würde.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Riccardi, der auch Gründer der katholischen Basisgemeinschaft Sant’Egidio und Träger des Aachener Karlspreises ist, erwähnt in seinem Essay eine Notiz von Angelo Roncalli vom Oktober 1941. Der Vatikandiplomat und spätere Papst Johannes XXIII. habe nach einem Gespräch mit Pius XII. geschrieben: „Er fragte mich, ob sein Schweigen zum Verhalten des Nationalsozialismus nicht schlecht beurteilt wird.“ Also habe schon Pius selbst, so folgert Riccardi, damals von „Schweigen“ gesprochen.

Das, was ihm heutige Kritiker vorwürfen, sei damals allerdings für Pius „eine bewusste, wenn auch schmerzhafte Entscheidung“ gewesen. Besucher wie im November ‘41 der römische Geistliche Pirro Scavizzi, der zuvor durch Polen und die Ukraine gereist war, hätten Pius zu einer „klaren, öffentlichen und entschlossenen Stellungnahme“ gegen die Verfolgung von Katholiken im deutsch besetzten Polen gedrängt. Scavizzi habe Pius damals wie bei einer weiteren Begegnung im Oktober 1942 auch über Massaker an Juden informiert.

„Öffnung der Archive wird neue Elemente zutage fördern“

Dokumente aus den vatikanischen Archiven aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs
Dokumente aus den vatikanischen Archiven aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Das Schweigen des Papstes habe „zuerst den Polen, dann den Juden gegolten“, so Riccardi. Man könne heute nicht so tun, „als habe der Papst von Massakern an Juden nichts gewusst“; den Vatikan hätten viele Nachrichten dazu erreicht, auch wenn diese nicht immer leicht zu verifizieren gewesen seien. „Man kann es heute noch nicht einmal eine Entdeckung nennen, wenn man in den vatikanischen Dossiers Dokumente über Massaker an Juden findet.“ Schon eine Auswahl-Edition der entsprechenden Akten aus päpstlichen Archiven habe in den sechziger und siebziger Jahren entsprechendes Material veröffentlicht.

Zum Nachhören

„Die Öffnung der vatikanischen Archive über Pius XII. wird neue Elemente zutage fördern“, schreibt Riccardi. Bilder von einer Erschießung mehrerer Juden, die unlängst in den Akten der Schweizer Vatikannuntiatur aufgefunden worden seien, hätten allerdings damals nicht den Vatikan erreicht. Dennoch stellten sie „ein beeindruckendes Zeugnis“ dar. Insgesamt werde die Auswertung der Archive (die ab März möglich, derzeit wegen Corona aber unterbrochen ist) herausarbeiten, dass Pius XII. alles getan habe, „um zu verhindern, dass der (neutrale) Vatikan sich auf einmal an der Seite einer der kriegführenden Parteien wiederfindet“.

„Pius fürchtete den Druck der Nazis auf die deutschen Katholiken“

Eugenio Pacelli: Papst in schwieriger Zeit
Eugenio Pacelli: Papst in schwieriger Zeit

Der Pacelli-Papst habe gespürt, wie schwierig es gewesen sei, „die von Krieg und Propaganda gespaltenen Katholiken“ zusammenzuhalten. „Er fürchtete den Druck der Nazis auf die deutschen Katholiken oder auf die polnischen, die Geiseln des Dritten Reichs waren. Er wählte das Schweigen, um die Kirche als humanitären und Asyl-Raum zu erhalten, diplomatisch intervenieren und einen Verhandlungsfrieden fördern zu können.“ Diese „Philosophie der Neutralität“ habe Pacelli während des Ersten Weltkriegs und der Friedensinitiativen des damaligen Papstes Benedikt XV.‘ verinnerlicht.

Andrea Riccardi erwähnt Momente, in denen Pius während des Kriegs zu einem öffentlichen Eintreten gegen die Nazis gedrängt worden sei, etwa im August 1942 durch den griechisch-katholischen Metropoliten Szeptycki oder durch einen Emissär von US-Präsident Roosevelt, Myron Taylor, im September 1942. Auch im Vatikan selbst habe es Druck auf Pius gegeben, seine Linie zu ändern, etwa durch Monsignore Tardini aus dem Staatssekretariat. Zugleich seien aber auch im Vatikan die „Sensibilitäten“ sehr unterschiedlich gewesen, so sei etwa Kardinal Nicola Canali „pro-faschistisch“ gewesen.

„Heute spürt man, dass die diplomatischen Werkzeuge damals nicht angemessen waren“

Nach der Bombardierung des römischen Stadtviertels San Lorenzo im Juli 1943
Nach der Bombardierung des römischen Stadtviertels San Lorenzo im Juli 1943

Die vorsichtige Haltung des Papstes zur Verfolgung der Katholiken in Polen war für Riccardi das „Modell“ dafür, wie man kurz darauf im Vatikan mit Meldungen über Judenverfolgung und Shoa umging. „Man wählte die humanitäre und diplomatische Aktion.“ Zwar sei die Verfolgung der Juden als sehr schwerwiegend erkannt worden, „aber man sah sie als (nur) einen Aspekt des großen Übels des Krieges“. Natürlich könne man heute beim Betrachten der „furchtbaren Bilder“, die jetzt in den vatikanischen Archiven aufgetaucht seien, spüren, „dass die großen diplomatischen Werkzeuge angesichts eines so beispiellosen, großen Dramas nicht angemessen waren“.

(corriere della sera/vatican news)
 

14 Mai 2020, 11:54