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Bilder von Raffael aus einer Ausstellung in Bergamo Bilder von Raffael aus einer Ausstellung in Bergamo 

Radioakademie: Raffael – Maler der Verklärung (Teil 1)

Der 500. Todestag des großen Raffael, der im Palast der Päpste einst die „Stanzen“ ausmalte, ist für uns Anlass, uns wieder mit dem Genie aus Urbino zu beschäftigen. Im ersten der drei Teilte geht Mario Galgano auf die Biographie des Ausnahmekünstlers ein.

Die deutschen Kunsthistorikerinnen Yvonne Dohna Schlobitten von der Päpstlichen Universität Gregoriana und Claudia Bertling Biaggini in Zürich gehören zu den heute bekanntesten und wichtigsten Kennerinnen des Renaissance-Künstlers. Die gesamte Reihe zum Nachhören können Sie als CD bei cd@radiovatikan.de bestellen. Wir bitten um eine Spende bzw. einen Unkostenbeitrag.

Außerdem finden Sie hier einen virtuellen Rundgang durch die von Raffael ausgemalten Stanzen im Apostolischen Palast des Vatikans.

Hier ein Ausschnitt aus der Reihe zu Raffael - Unser Teaser

Raffaello Sanzio kam 1483 in Urbino auf die Welt und starb bekanntlich als 37Jähriger in Rom. Wer war eigentlich dieser junge Mann aus Mittelitalien?

Claudia Bertling Biaggini: Raffael war ein Genie oder ein ‚pittore universale’ wie es beim Biographen Giorgio Vasari heisst. Raffael wurde von allen geliebt und von vielen grossen Denkern verehrt. Er hatte viele Schüler, eine Werkstatt mit vielen Mitarbeitern und wurde von den Päpsten mit wichtigen Aufträgen bedacht. Es gibt zwar nur wenige Briefe oder Selbstzeugnisse von ihm, keine theoretischen Schriften wie von Leonardo da Vinci, aber er hinterliess ein gigantisches Werk, das er in einer Zeitspanne, von etwa 22 Jahren mithilfe seiner Schüler erschaffen hatte, wenn man davon ausgeht, dass er mit 15 Jahren sein erstes Wandbild, das Fresko der ‚Madonna di Casa Santi‘, in seinem Geburtshaus schuf. Von seiner Universalität zeugt auch, dass er sozusagen malend eine Kunst-Theorie entwickelte.

Yvonne Dohna Schlobitten und Claudia Bertling Biaggini
Yvonne Dohna Schlobitten und Claudia Bertling Biaggini

Gemäss Vasari erblickte Raffael (eigentlich Raffaello Sanzio oder Santi) am 6. April 1483 das Licht der Welt. Man nimmt an, dass er an einem Karfreitag geboren und auch gestorben ist.

Seine Mutter starb, als er 8 Jahre alt war und seinen Vater verlor er bereits mit 11 Jahren. Seine Ausbildung erhielt der junge Raffael wohl noch bei seinem Vater, der ebenfalls Maler war. Nach dem Tod seines Vaters, noch vor 1500, war er in der Werkstatt des Pietro Vannucci, bekannt als Perugino, tätig. Nachdem er in Perugia und Florenz die ersten grossen Aufträge erhalten hatte, wechselte Raffael Ende 1508 auf Empfehlung des Architekten Donato Bramante, nach Rom. In Rom, am Papsthof, avancierte er zu einem der bedeutendsten Künstler, Maler, Porträtisten und Architekten. Vor allem faszinierte ihn die Antike und ihre Baukunst. Als Aufseher der antiken Bauten in Rom hatte er die Möglichkeit, diese Stätten zusammen mit seinen Schülern eingehend zu studieren. Am 6. April 1520 verstarb Raffael. Wohl wegen seiner Antikenliebe wählte er das Pantheon als eigene Grabesstätte aus.

Raffael gilt als Hauptvertreter der Maler der Hochrenaissance. Ihn kann man durchaus neben anderen (etwa Michelangelo) als einen der Konstrukteure der römischen Hochrenaissance bezeichnen.

Wie kam er zur Malerei?

Bertling Biaggini: Schon als Kind zeigte sich das Talent Raffaels. Bereits mit 17 Jahren wurde er als ‘Meister’ (magister) bezeichnet (ich meine das Altarwerk in Città di Castello). Raffael ist derjenigen Tradition gefolgt, die sein Vater, 1494 verstorben, begründet hatte. Sein Vater war sowohl für die herzogliche Familie in Urbino als auch für die lokalen Adligen tätig. In der Werkstatt des Vaters erhielt der junge Raffael seine erste Einführung in die Kunst des Zeichnens und Malens. Wäre der Vater Goldschmied gewesen, wie oft gesagt wird, hätte er sich aber vielleicht in diesem Handwerk betätigt.

Über eine regelrechte Ausbildung als Architekt weiss man nichts. Und trotzdem war Raffael auch in dieser Hinsicht ausserordentlich talentiert, ja er wurde im Jahre 1514 unter Papst Leo X. sogar Dombaumeister in Rom, nachdem er vorher neben Bramante am Dombauprojekt von Sankt Peter mitgearbeitet hatte.

Wie verlief eigentlich sein Leben?

Bertling Biaggini: Um den Anfang seiner Karriere aufzurollen, muss man sich gedanklich zurück nach Urbino begeben, an den Hof der Fürsten Montefeltro. Denn dort wirkte sein Vater, Giovanni Santi. Dort, am Palazzo Ducale, waren bereits weitere Künstler tätig, etwa Donato Bramante, Luca Signorelli und Piero della Francesca. Auch Melozzo da Forlì hatte womöglich einen grossen Einfluss auf Raffaels spätere Engelsdarstellungen. In Rom wirkten starke Impulse auf ihn, durch die Berührung mit der Antike. Das betrifft Architektur, Skulptur und Malerei gleichermassen. Durch Begegnungen mit anderen Künstlern, etwa dem Venezianer Sebastiano del Piombo während der Ausmalung in der Villa Farnesina oder mit Leonardo da Vinci und seinem Ideenreichtum wurden neue wichtige Impulse gesetzt.

Welche Vorbilder hatte er?

Bertling Biaggini: Vorbilder waren nicht nur Künstler oder Architekten für Raffael, sondern auch Menschen, die ihm begegneten, waren in gewisser Weise prägend für ihn. Es sind also ganz persönliche und künstlerische Vorbilder kaum voneinander zu trennen. Ein Beispiel dazu gibt seine Beziehung zu Elisabetta Gonzaga, der Herzogin von Urbino ab. Das prägendste Ereignis im Leben Raffaels war sicherlich der Tod seiner Mutter. Raffael war erst achtjährig. Danach wurde Elisabetta Gonzaga, die sich seiner annahm, zu einer wichtigen Bezugsperson für ihn.

Was nun die ganz konkreten Vorbilder in seiner Ausbildung angehen, ist sein Vater wieder an erster Stelle zu nennen. Dank seines Vaters hatte Raffael Zugang zum Herzogspalast in Urbino, wo er die Werke von Piero della Francesca, Antonio Pollaiolo und anderen zeitgenössischen Künstlern aus direkter Nähe kennenlernte. Neben dem Atelier des Vaters hielt er sich zwischenzeitlich auch in der Werkstatt des Perugino in Perugia auf, bei dem er nach dem Tod des Vaters in die Lehre ging.

Damit ist Raffaels Meister Pietro Perugino, der Maler sanfter umbrischer Landschaften und zarter Madonnengesichter, als einer der wichtigsten Einflüsse zu bezeichnen. Er wurde für ihn nach dem Tod des Vaters fast wie ein zweiter Vater.

Perugino war schon lange vor Raffael am Vatikan tätig, man denke an das 1481 entstandene Fresko der ‘Schlüsselübergabe’ oder an die ‘Taufe Christi’ in der Sixtinischen Kapelle.

Weitere wichtige Vorbilder sind Leonardo und Michelangelo. Beide waren für die Kunst Raffaels entscheidend. Michelangelo hatte eben mit der gigantischen Ausmalung der Sixtinischen Kapelle mit Szenen aus der Genesis angefangen, als Raffael kurz danach mit der Ausmalung der Stanzen begann. Leonardo wohnte 1513 bis 1516 am Vatikan, ohne heute bekannte oder konkrete Aufgaben oder Projekte. Es ist davon auszugehen, dass den jungen Maler Leonardos Erfindungsreichtum faszinierte. Raffael kopierte bekanntlich die ‘Leda mit dem Schwan’ nach Leonardo und dessen Neptunfigur ‘Quos Ego’.

Die Plastizität und Antikennähe der Figuren Michelangelos wiederum, sein Kolorismus haben das künstlerische Spektrum der Kunst Raffaels enorm geprägt. Das Geheimnis Raffaels liegt also sicher auch darin, dass er Michelangelos Körperlichkeit in Gestalt und Form, sowie Leonardos Seele in Farbe und Komposition zu einer Einheit verschmolz. Man könnte von „Seelen-Bildern“ sprechen, die zeigen, dass der Einfluss nicht nur auf Künstlervorbilder zurückgeht, sondern es wird deutlich, dass auch die Menschen, für die er arbeitete, in den nach ihnen geschaffenen Porträts lebendig wurden. Dafür gibt es einige Beispiele in den Stanzen und in den Porträts.

Die Darstellung von Papst Julius II. in einzelnen Lebenssituationen des Papstes, in die er sich in den Stanzenbildern hineinfühlte, zeigt nicht nur Achtung und Verständnis, sondern auch Respekt vor dem Papst und Menschen Giuliano della Rovere, der ihn auf dem Weg der Kunstschaffens begleitete und unterstütze.

Wenn man Vasari Glauben schenken darf, brauchte Raffael seine Geliebte Margherita, bekannt als ‘La Fornarina’, neben sich auf dem Gerüst, denn ohne sie hätte er seine Fresken nicht zu Ende bringen können. Hier handelt es sich nicht nur um ein Modell, das er abmalt, sondern um eine bedeutende Inspiration in einer ganz anderen Art und Weise, mit der Aura einer Heiligen. Raffaels Figuren sind leibhaftig und doch irgendwie unantastbar, wie etwa die Madonna Sistina, die hierfür als Paradigma steht.

Fortsetzung folgt...

(vatican news)

05 April 2020, 07:23