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Magdalena Thiele ist Praktikantin bei Vatican News/Radio Vatikan Magdalena Thiele ist Praktikantin bei Vatican News/Radio Vatikan 

Vatikan: Praktikum in Zeiten von Corona - ein Blog

Aus der Diaspora Berlin rein in die päpstliche Nachbarschaft. Praktikantin Magdalena Thiele schreibt über ihre Eindrücke aus der Sperrzone, zu der auch der Vatikan gehört.

Dienstag, 07.04. - Blickkontakt

Interviews führen sich dieser Tage besonders einfach, möchte man meinen. Ganz bequem aus dem Home Office. Dafür muss man nicht lange nach einem passenden Termin suchen, nicht mehr vor die Tür gehen oder sich schick anziehen. In Zeiten von Corona führt man Interviews per Anruf, Videochat oder einfach schriftlich.

Das macht die ganze Angelegenheit zwar kurzweiliger, aber nicht unbedingt leichter. Es macht schließlich einen gewaltigen Unterschied, ob ich einem Menschen oder einem Bildschirm gegenübersitze. Die Worte sind die gleichen, aber über die digitalen Kommunikationskanäle geht etwas Entscheidendes verloren - es fehlt an Emotion, Ausdruck und an den kleinen Nuancen, die unausgesprochen zwischen den Zeilen schweben. Immerhin lehrt es mich, wie unersetzbar das persönliche Gespräch ist und bleiben wird.  

Montag, 06.04. - Zu Gast

Sie wohnen jetzt seit sieben Jahren hier, erzählt mir Alfons aus Mali. Unweit des Hauptbahnhofs Termini auf einem Grünstreifen, der sich entlang der alten Mauern zieht. Er und zwei andere Afrikaner haben hier ihr Lager aufgeschlagen. Die Polizei kontrolliere sie nicht, man kenne sich, sagt Alfons. Ich ging vorbei, wir kamen ins Gespräch und schließlich luden sie mich ein, mit Ihnen gemeinsam zu essen.

Gekocht wurde über einer selbst installierten Feuerstelle mit Pappen vor neugierigen Blicken geschützt. Töpfe und Plastikschüsseln waren auch vorhanden. Heute gab es Huhn mit Spinat, Zwiebeln und Eiern in einer pikanten Sauce dazu Reis. Zum Essen waren noch vier weitere junge Männer eingetroffen – sie haben Wohnungen, aber kommen hierher zum Essen und Reden. Sie stammen aus verschiedenen afrikanischen Ländern.

Gegessen wurde schließlich auf dem Boden sitzend mit den Händen aus einer großen Schüssel, wie es in Afrika üblich ist. Nur ich bekam vorsorglich einen Löffel in die Hand gedrückt und ein Lächeln mit auf den Weg. 

Sonntag, 05.04 - Gute Geschäfte

Die meisten Läden sind geschlossen – jedenfalls die, die wir sehen. Aber dann gibt es immer noch die Geschäfte, die im Verborgenen stattfanden und stattfinden.

Wie systemrelevant sie sind, darüber lässt sich sicherlich streiten. Aber für viele ist es wichtig, dass sie weiterhin funktionieren. Ein Freund in Rom konsumiert regelmäßig Marihuana. Das Geschäft damit sei dieser Tage besonders schwierig, da überall Polizei auf den Straßen herumläuft. Jedes kleine Zusammentreffen erregt Aufsehen in den menschenleeren Straßen. 

Aber es gibt sie, die „Kuriere“. Auch sie liefern dieser Tage ihre Ware lieber aus – kommen bis kurz vor die Haustür, um die grüne Ware zu verticken. Die Preise sind enorm. „Ich habe 120 Euro für vier Gramm Marihuana bezahlt“, sagt mein Freund. „Das sind Kriegspreise.“

Samstag, 04.04. - Angehalten

Heute auf den Straßen San Lorenzos bin ich das zweite Mal von einer Polizeistreife angehalten und kontrolliert worden.
Ich hatte nichts Auffälliges getan, war nur mit meinem Mitbewohner auf dem Weg zum Supermarkt – ich versuche immer vormittags einkaufen zu gehen, weil ich mir einbilde, die Schlangen sind dann etwas kürzer.

Der Polizist fragte uns wer wir sind, was wir auf der Straße machen und wo wir hinwollen. Ich klärte ihn über die Einkaufspläne auf, damit gab er sich auch zufrieden, wies uns aber strengen Blickes darauf hin, dass wir nur im Abstand von zwei Metern über den Gehweg laufen dürften. Und bitte keine Unterhaltungen.

Ehrlich gesagt, haben wir uns – sobald außer Sichtweite – daran nicht gehalten. Wir wohnen derzeit unter einem Dach, teilen die Küche und hatten ein gutes Gespräch bis dahin geführt. Ich glaube ein wenig soziales Leben müssen wir uns auch in der Krise erhalten.

Freitag, 03.04. - Weniger Tempo

Was passiert eigentlich nach Corona? Seit drei Wochen befindet sich Rom nun im Ausnahmezustand. Seit drei Wochen sind die Straßen leer. Gefallen finden kann ich daran nicht. Aber einen positiven Aspekt kann ich diesem komischen Stillstand dann doch abgewinnen. Er hat den Alltag enorm entschleunigt – alles ruhiger gemacht, weniger hektisch. Corona hat den Fokus auf das Wesentliche geschärft.

Dazu gehört auch die Heilige Messe, sie ist ganz unbemerkt wieder zu einem der großen Ereignisse in der Woche geworden. Sie vereint Familien – auch auf Distanz – und gibt neuen Gesprächsstoff. Das war bei mir nicht immer so. Viel zu oft bin ich in Gedanken sonst schon bei den Terminen des nächsten Tages, erstelle den gedanklichen Zeitplan und frage mich, wie ich eine Woche in sieben Tage packen soll. Ich hoffe, ich kann mir das auch für die Zeit nach Corona behalten.

Messkelch auf einem Hausdach in Rom - bei einer Open-air-Messe am letzten Sonntag
Messkelch auf einem Hausdach in Rom - bei einer Open-air-Messe am letzten Sonntag

 

Donnerstag, 02.04. - Tanz es raus

Heute setze am Nachmittag ein leichter Lagerkoller ein. Aber es gibt eine Sache, die zuverlässig hilft, wenn ich traurig oder wütend oder einfach nur antriebslos bin. Ich tanze durch das Zimmer. Das, was sich eigentlich wie ein Käfig anfühlt momentan, mache ich zur Bühne. 

Laut muss die Musik dazu sein - meine Mitbewohner haben Verständnis. Letzte Woche haben wir zusammen getanzt im Wohnzimmer. 

Es fühlt sich an, als könnte man durch Tanzen ausdrücken, was man in schweren Zeiten nicht in Worte fassen kann. Und es macht den Raum, der so erdrückend wirken kann, zu einer großen endlosen Tanzfläche.

Ein Hausdach in Rom als Spielplatz für eine Familie, die nicht rausdarf
Ein Hausdach in Rom als Spielplatz für eine Familie, die nicht rausdarf

Mittwoch, d. 01.04. - Ausgebremst

In der Frühmesse hat Papst Franziskus heute das Wort an die Medienschaffenden gerichtet und zum Gebet aufgerufen, für alle, „die für Kommunikation und Information sorgen“ und damit dazu beitragen, die Isolation erträglich zu machen.

Das freut mich und macht mich zugleich ein bisschen wehmütig. Denn so wirklich können wir – die Medien – in diesen Tagen nicht informieren. Wir sehen nicht, was hinter den verschlossenen Türen der Häuser und Kirchen geschieht; vieles bleibt wohl dieser Tage verborgen und für das journalistische Auge unsichtbar. Das Virus hat auch die Medien infiziert, beten wir für schnelle Genesung.

Im Fokus: Franziskus bei seiner Frühmesse
Im Fokus: Franziskus bei seiner Frühmesse

Dienstag, d. 31.03. - Wilkommen, Herr Frühling

Gestern habe ich mir ein Zeichen gewünscht, heute habe ich es bekommen. Ein Zeichen, das mir zeigt: Das Leben steht nicht still. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber in diesen Tagen ist sie besonders wichtig.

Heute, beim schon eingeübten Schlangestehen vorm Supermarkt, habe ich den ersten blühenden Straßenbaum gesehen. Er blüht in zartem Pink - eine Zierkirsche vielleicht? Ich kenne mich leider in Sachen Botanik als Stadtkind zu wenig aus, um den Frühjahrsboten richtig zu betiteln. Aber freuen tue ich mich an ihm.

Es ist zwar immer etwas ganz Besonderes, wenn sich nach einem langen europäischen Winter der Frühling blicken lässt, aber in diesem Jahr fühlt es sich noch intensiver an.

Hallo Frühling!
Hallo Frühling!

Montag, 30. März 2020

Der Monat März neigt sich dem Ende – ein Ende der angeordneten Restriktionen und damit die Wiederbelebung des öffentlichen Lebens in Rom ist leider noch nicht so absehbar. Aber vielleicht wäre es auch zu früh, noch in der Fastenzeit so etwas wie eine Auferstehung zu erwarten. Aber vielleicht wäre ein kleines Zeichen hilfreich, etwas Mutmachendes.

In Sizilien stehen jetzt Polizisten vor einigen Supermärkten, weil man Angst vor Plünderungen hat, berichten einige italienische Medien. Seit rund zwei Wochen steht das Land still, sind alle nicht versorgungssichernden Läden und nicht strategisch wichtige Industrien geschlossen. Viele Menschen haben ihre Geldreserven aufgebraucht.

Was mir Mut macht, ist das Vertrauen darauf, dass auch diese Fastenzeit ein Ende haben wird. Ich darf Dir vertrauen, Gott.

Priester in einem römischen Vorort feiern die Messe auf dem Dach ihrer Kirche
Priester in einem römischen Vorort feiern die Messe auf dem Dach ihrer Kirche

Sonntag, 29.03. - Kleine Gesten in der Krise

Heute war wieder Zeit fur die Heilige Messe via YouTube im Livestream. Es waren die Abschlussworte des Pfarrers in Berlin-Wilmersdorf, die mich besonders gerührt haben. 

Es sei schön mit allen die Messe virtuell zu feiern und gleichsam sei es traurig, dass die Gemeinde nicht hier sein kann, sagte Pfarrer Frank-Michael Scheele. 

Bei einem italienischen Bruder habe er gesehen, dass er sich Fotos seiner Gemeindeangehörigen - jung und alt - ausgedruckt und in die leeren Kirchenbänke gestellt hat, um die Messe mit ihnen zu feiern. 

Auch er wünsche sich, dass seine "Schäfchen” ihm per E-Mail oder Post oder wie auch immer ein Bild von sich zukommen lassen. 

Ich habe meins gleich abgeschickt.

Samstag, 28.03. - Schwere Zeiten

Die Arbeit nimmt bei vielen Menschen einen Großteil ihrer Zeit in Anspruch - erfüllt sie mehr oder weniger.

Ich bin sehr froh, dass ich Arbeit habe und das ich trotz Corona arbeiten kann.
Aber das geht nicht jedem so. Gestern habe ich ein Interview mit einer Sexarbeiterin in Berlin geführt. Viele in der Branche arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen, haben keine großen Ersparnisse. Arbeiten dürfen sie wegen Corona nicht mehr. Staatliche Hilfen stehen vielen nicht zur Verfügung weil sie kein angemeldetes Gewerbe betreiben. Ich bete dieser Tage auch für sie.

Franziskus allein auf dem Petersplatz
Franziskus allein auf dem Petersplatz

Freitag, 27.03. - Urbi et Orbi

Auch am Freitag wurde wieder gebetet. Urbi et orbi – „der Stadt und dem Erdkreis“ - hieß es ganz außerplanmäßig im Vatikan. Eigentlich wird dieser besondere Segen ja nur zweimal im Jahr verteilt. Angesichts der Corona-Pandemie will der Papst aber auch in diesen Tagen der Welt diesen besonderen Segen schenken und an die vielen Kranken und an COVID19 Verstorbenen denken.

Ich bete coronageschuldet wieder nur am Livestream mit. Ich weiß gar nicht, ob das in Ordnung ist, aber ich bete noch für etwas anderes außer für das Ende dieser Epidemie. Ich bete für eine Freundin in Berlin, die gestern einen schweren Autounfall hatte. Sie glaubt nicht an Gott, aber ich denke, wenn ich bei ihm für sie fürspreche, wird er das hören. Schließlich richtet sich „der Stadt um dem Erdkreis“ ja ausnahmslos an alle.

Verwaist: Casa Santa Marta im Vatikan
Verwaist: Casa Santa Marta im Vatikan

 

Donnerstag, 26.03 - Grau in grau 

Heute hat sich die Sonne nicht blicken lassen über Rom. Trotz Ausgangssperre - also auch wenn das in der häuslichen Quarantäne wenig verändert - drückt das aufs Gemüt. 

Gegen den Graue-Tage-Blues ist leider noch kein Kraut gewachsen. Aber wahrscheinlich ist das mit der Sonne wie mit allen Dingen im Leben. Wir würden sie nicht vermissen, wenn sie immer da wäre. 

Ich denke, ähnlich ist das mit unserer Freiheit. Wir nehmen sie oft als selbstverständlich hin, dabei ist sie in vielen Teilen der Welt alles andere als selbstverständlich. Deshalb sollten wir uns bewusst sein: unsere Freiheit ist verletzlich, wir müssen sie gut beschützen.

Mittwoch, 25.03. - Gemeinsames Gebet

Am Mittwoch um 12 Uhr waren Christen weltweit dazu aufgerufen, gemeinsam das Vaterunser zu beten. Gemeinsames Beten über die Distanz - die Digitalisierung macht’s möglich. 

Aber die Digitalisierung schafft momentan noch etwas anderes: Ich beobachte in meinem Umfeld, dass immer mehr ältere Menschen, die sich bisher noch nicht fur i die Vorzüge digitaler Kommunikation begeistern konnten, darauf zurückgreifen. Dabei holen sie sich oft Rat von der jüngeren Generation. 

Genauso wie die Aelteren den Rat suchen, fragen Junge Menschen gerade jetzt bei ihren alteren Familienmitgliedern um Rat - um Trost und Beistand in einer schwierigen Zeit. 

Die Generationen können wohl nicht ohne einander.

Dienstag, 24.03. - Zeit zum Reden

In der heutigen Frühmesse in Santa Marta hat Papst Franziskus etwas über die Verbitterung gesagt: „Die Verbitterung ist ein Gift, ein Nebel, der die Seele umhüllt und sie abstumpfen lässt.“

Damit spricht er etwas aus, dessen man sich in schwierigen Zeiten immer wieder bewusst werden sollte. Schließlich macht Verbitterung doch immer alles Schlimme noch schlimmer, jede Last wiegt gepaart mit Verbitterung gleich doppelt so viel.

Und das Schlimmste: Verbitterung lässt uns nicht sehen, was gerade Schönes um uns herum passiert. Ich wohne hier in Rom in einer Wohngemeinschaft. Alle meine drei Mitbewohner sind derzeit ins Homeoffice versetzt. Wir führen schöne intensive Gespräche in der „Quarantäne“, zu denen wir unter normalen Umständen vielleicht gar nicht gekommen wären. Kein Grund also für Verbitterung.

Montag, 23.03. - Neue Perspektive

Wer dieser Tage noch durch die Straßen Roms geht, zum Arbeiten oder um frische Luft zu schnappen, dem ergeht es wahrscheinlich ähnlich. Ich jedenfalls nehme die bekannten Plätze jetzt anders wahr als vor der Corona-Krise:

Wie schon der Name erahnen lässt, ist der Circus Maximus für seine Größe bekannt. Trotzdem habe ich ihn heute noch als viel größer und weiter wahrgenommen als sonst. Die Leere zeigt ihn in seiner ganzen Ausdehnung ohne den „Störfaktor“ Mensch. Die Wege scheinen viel heller und das Gras irgendwie grüner zu sein.

Der Circus Maximus ohne "Störfaktor" Mensch
Der Circus Maximus ohne "Störfaktor" Mensch

Im Gegensatz dazu wirkt der Mund der Wahrheit an diesem sonnigen Tag eher trostlos. Ich hätte ihn beinahe übersehen, bin zuerst an ihm vorbeigelaufen und musste umdrehen. Dabei ist die Bushaltestelle sogar nach ihm benannt und wer dort aussteigt, kann ihn eigentlich nicht verfehlen. Aber heute stehen keine Besucher an, um ihn nach Rat zu fragen. Corona hat auch meinen Blickwinkel verändert.

Ungewohnt: Keine Touristenschlangen vor dem "Bocca della verità"
Ungewohnt: Keine Touristenschlangen vor dem "Bocca della verità"

Sonntag, 22.03. - Immer wieder sonntags

Auch in meiner Gemeinde in Berlin wurde diesen Sonntag das Hochamt erstmalig per livestream übertragen. So konnte ich trotz Ausgangssperre sehen, wie in Berlin Wilmersdorf in der Kirche Heilig Kreuz die Heilige Messe gefeiert wurde.

Eine schöne und zugleich wehmütige Erfahrung. Es ist nicht dasselbe vor einem Bildschirm zu sitzen und den anderen zuzusehen. Es fühlte sich komisch an: Ich konnte die Orgel spielen hören, aber sie klingt nicht so schön, wie vor Ort. Ich konnte den Altarraum sehen, aber mir fehlt der leichte Weihrauchgeruch, der hier üblicherweise in der Luft liegt, weil der Pfarrer äußerst gerne räuchert. Durch die Mosaiken schien die Sonne, aber ich konnte nicht sehen, wie sich die Farben vor mir auf der hellen Holzbank spiegeln, auf der ich jetzt eigentlich sitzen würde. Dennoch tat es gut, heute aus der Ferne dabei zu sein. 

Samstag, 21-03. - Beschränkt

Joggen ist eine der wenigen Aktivitäten, die derzeit auf Roms Straßen noch erlaubt sind - zumindest in unmittelbarer Nähe zur eigenen Wohnung. Ich brauche die Bewegung dringend, um nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit zu bleiben. Daher bin ich sehr dankbar, dass mir das Laufen noch möglich ist.

Weniger schön ist es, wenn ich nicht einmal jetzt durch die Straßen laufen kann, ohne dass mir Männer hinterherrufen – oder wie meine englischsprachige Mitbewohnerin es nennt „mich eye-rapen“ (zu deutsch: mit den Augen vergewaltigen).

Ich würde lieber durch das Viertel San Lorenzo laufen, ohne mich ihren Sprüchen und ihren musternden Blicken auszusetzen. Es ist in diesen Situationen nicht Corona, das mich einschränkt. Es sind meine Mitmenschen.

Freitag, 20.03. - Fragile Freiheit

Die italienische Regierung hat gestern Abend bereits damit gedroht, die Restriktionen noch einmal zu verschärfen. Wie schade wäre es, wenn die wenigen Freiheiten jetzt auch noch wegfallen, weil einige wenige sich immer noch nicht an die Ausgangsregelungen halten.

Auch in Berlin wird jetzt eine Ausgangssperre immer wahrscheinlicher. Zu viele treffen sich immer noch in Parks und Cafés und feiern „Coronapartys“. Sie scheinen immun gegen die Warnungen und den Appell der Kanzlerin, aufeinander Rücksicht zu nehmen und unnötige soziale Kontakte zu vermeiden.

Die Freiheit, die Gott uns geschenkt hat, darf nicht die Freiheit und die Gesundheit anderer einschränken. Bitte lasst uns das nicht vergessen in der Zeit von Corona.  

Donnerstag, 19.03. - Alle guten Dinge

Es war im Jahr 2016 als wir uns das erste Mal begegneten. Trotz des Datums – Anfang Mai – war es noch recht kühl in Rom im Jahr der Barmherzigkeit. 

Ich war das erste Mal und nur für drei Tage in der Ewigen Stadt und hatte mir fest vorgenommen, eine Münze in den berühmten Trevibrunnen zu werfen. Daraus wurde aber leider nichts. Es standen so viele Touristen davor, dass ich den wunderschönen weißen Brunnen nur mit einigen Metern Abstand betrachten konnte.

Heute bin ich – auch ohne Münze – zurückgekehrt, und wieder einmal konnte ich mein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen – danke, Corona. Statt Touristenmassen hinderte mich heute die italienische Polizei und die Absperrgitter daran, dem Brunnen näher zu kommen. Fotos durfte ich immerhin machen, sicherlich besondere. Wir werden uns wiedersehen.

Niemand zu sehen: Der Trevi-Brunnen ohne Touristen
Niemand zu sehen: Der Trevi-Brunnen ohne Touristen

Mittwoch, 18.03. - Home und Office

Seit zwei Tagen befinde auch ich mich im Home Office – gezwungenermaßen. Die Corona-Quarantäne hat auch mein Praktikum erreicht. 

Ich muss mich nicht anziehen, sondern kann in bequemen Klamotten auf der Couch sitzen bleiben. Die Digitalisierung macht’s möglich. Das ist wohl die größte Veränderung, denn mein Büroalltag sieht hier zuhause nicht wirklich anders aus als sonst. Keine schöne Erkenntnis. Sind nicht auch in der Redaktion mein Computer und ich weitestgehend auf uns allein gestellt?

Vielleicht sollten wir das Bürokonzept generell hinterfragen dieser Tage. Brauchen wir Bürotürme überhaupt noch oder könnte man den Raum nicht sinnvoller nutzen angesichts des Platzmangels und der Wohnungsnot in vielen europäischen Großstädten?  

Home Office ist jedenfalls auch nur das, was man daraus macht.

Einsamer Jogger am Tiberufer
Einsamer Jogger am Tiberufer

Dienstag, 17.03. - Das große Hamstern

Dieser Tage sehe ich häufig Bilder von leeren Supermarktregalen in ganz Deutschland. Menschen decken sich mit Vorräten ein, dabei werden doch die Regale überall unermüdlich aufgefüllt. Die Medien berichten reihenweise von unschönen Szenen in Supermärkten, über den Kampf um die letzte Packung.

Hier in Rom habe ich noch kein leeres Regal gesehen, noch niemanden, der einen Jahresvorrat an Klopapier nach Hause trägt. Ich hoffe, das bleibt so.

Jeder geht mit einer Krise anders um, aber ich wünschte, wir hätten alle ein wenig mehr Zuversicht und Gottvertrauen.
Oder, um es mit Franz von Assisi zu sagen: „Wo die Barmherzigkeit und Klugheit ist, da ist nicht Verschwendung noch Täuschung."

Zwei Rotkreuz-Helfer sprechen auf einer römischen Straße mit einem Obdachlosen
Zwei Rotkreuz-Helfer sprechen auf einer römischen Straße mit einem Obdachlosen

Montag, 16.03.2020 - Gedanken zu Ostern

Die Osterfeierlichkeiten im Vatikan sollen ohne Öffentlichkeit stattfinden. Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen. Wie soll das aussehen, ein „Urbi et Orbi“ vor einem verwaisten Petersplatz. Na gut, ganz menschenleer ist er nicht. Die Polizei und das Militär patrouillieren.

Das wird dieses Jahr ein ganz anderes Ostern, als Rom es gewohnt ist. Aber anders heißt ja nicht schlechter. Es zeichnet sich ab: das wird ein ganz besonderes Fest. Wenn der Quarantänezustand bis dahin anhält, bin ich mir sicher, es wird kreative Wege geben, gemeinsam zu beten. Die Straßen und die Balkone Roms werden bestimmt nicht still bleiben, sie werden die Auferstehung Christi mit Freude begehen. 

Eine Schutzmaske auf der Gianicolo-Terrasse, von der aus man den schönsten Blick auf Rom hat
Eine Schutzmaske auf der Gianicolo-Terrasse, von der aus man den schönsten Blick auf Rom hat

Sonntag, 15.03.2020 - Komm nach Hause!

Seitdem ganz Italien unter häuslicher Quarantäne steht, erreichen mich täglich Nachrichten aus Deutschland. „Komm lieber nach Hause“, heißt es darin. Komm nach Hause, solange Du Italien noch verlassen kannst.

Lieb gemeinte Ratschläge von Familie und Freunden, über die ich mich sehr freue. Egal wie viele Kilometer zwischen uns liegen, wir denken aneinander.

Aber ich hatte mich längst dafür entschieden, hier zu bleiben, und das nicht erst seit Ausbrechen dieser internationalen Krise.

Die Entscheidung, nach Rom zu gehen, habe ich vor über einem Jahr getroffen. Sicher stellt Gott uns gerade vor eine besondere Herausforderung, aber die nehme ich gerne an. Er wird einen Plan haben.

Deshalb schreibe ich nach Deutschland: Ich kann nicht kommen, weil ich schon zuhause bin. Zuhause ist überall da, wo Gott ist.

Via del Corso in Rom, ganz hinten der Obelisk auf der Piazza del Popolo
Via del Corso in Rom, ganz hinten der Obelisk auf der Piazza del Popolo

Samstag, 14.03.2020 - Cantare - ohoh!

Sie singen, sie singen gemeinsam. Die Balkone Italiens werden jetzt zur Bühne. Ich selbst wohne hier in Rom an einer großen Straße ohne Balkon ohne direkte Nachbarn. Aber ich sehe sie singen, die sozialen Medien machen es möglich.

Von Siena bis Sizilien sehe und höre ich ihre Stimmen durch die leeren Straßen hallen. Plötzlich sind die Straßen gar nicht mehr so leer.

Und das klingt vielleicht albern: aber ich singe mit. Den Text kann ich nicht, aber ich mache es auf meine Art und das tut mir gut.

Es zeigt mir, worauf ich die ganze Zeit gehofft habe: Gott schenkt uns auch durch das Coronavirus schöne Momente. Darauf dürfen wir vertrauen.

Und es zeigt uns allen: Wir brauchen keine Angst haben, Gott ist da und zeigt uns den Weg. 

Rom singt
Rom singt

Freitag, 13.03.2020 - Beobachtungen am Rand

Jetzt sehe ich sie - erst jetzt, da die Straßen leergefegt sind. Einem Freund aus Berlin hatte ich noch am Telefon erzählt: ich sehe die Obdachlosen hier in Rom nicht, die Betrunkenen, die Bettler. Es sind viel weniger als in Berlin. In Roms eleganter Innenstadt schien es sie für mich nicht zu geben, diejenigen, die keinen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft gefunden haben.

Aber es lag an mir: Ich habe sie nur nicht wahrgenommen. Jetzt, seitdem die Touristen und die Hektik des Alltags auf den Straßen weg sind, sehe ich sie plötzlich überall. Jetzt stechen die hervor, die sonst in der Masse an Eindrücken untergehen. Sie bleiben auf der Straße, nach Hause können sie nicht. Ich bete dieser Tage besonders für sie.   

Wer nicht nach Hause kann, bleibt auf der Straße.
Wer nicht nach Hause kann, bleibt auf der Straße.

Donnerstag, 12.03.2020 - Lasset uns beten

Ganz Italien ist seit Mittwochabend im Tiefschlaf. Ganz Italien? Nein. Die Kirchen bleiben offen. Ich bin sehr dankbar dafür. Kirchen schließt man nicht, denke ich. Kirchen sollten immer offen sein, für jeden.

Abends noch durfte ich in der deutschsprachigen Gemeinde in der Kirche Santa Maria dell’Anima die heilige Messe feiern, am Seitenaltar, mit nur zwei Teilnehmern. Das war ungewöhnlich, doch es war auch eine ganz besondere Situation.

Viele Menschen suchen jetzt Zuflucht im Gebet.
Viele Menschen suchen jetzt Zuflucht im Gebet.

Die Frühmesse in der Kirche Santa Anna hingegen fiel am Donnerstagmorgen aus. Nur die stille Anbetung war möglich. Aber auch das tut gut dieser Tage. Wir haben jetzt die Zeit, also: Beten wir für Italien und alle, die unter dieser Stille leiden.

Mittwoch, 11.03.2020 - Warten auf Godot

Es ist eine traurige Situation. Der Trubel ist weg. Es fühlt sich komisch an, über die Via della Conciliazone zu laufen dieser Tage – ist man doch fast allein. Für die kleinen Läden, die hier in der Via della Conciliazione alle auf die Touristen angewiesen sind, ist diese Situation eine Katastrophe.

„Lohnt es sich überhaupt aufzumachen“, frage ich den Inhaber eines Buchladens für religiöse Schriften. Er zuckt mit den Schultern. „Sie sehen ja, was hier los ist“, entgegnet er. „Beziehungsweise, was hier nicht los ist.“ Nichts ist los. Das beschreibt die Situation rund um den Vatikan wohl am besten. Einfach nichts. Die meisten Läden und Restaurants haben geschlossen. Vor den noch geöffneten stehen ihre Inhaber und blicken – manche ungläubig, manche eher genervt – auf die leeren Straßen oder unterhalten sich mit ihren Nachbarn.

Im Souvenirladen wartet Bryan vergeblich auf Kundschaft
Im Souvenirladen wartet Bryan vergeblich auf Kundschaft

Er würde lieber zuhause bleiben, erklärt mir Bryan. Er arbeitet in einem Souvenirshop. Aber Zumachen könne er sich nicht leisten. Solange er darf, wird er den Laden offenhalten und auf Kundschaft hoffen. „Diese Tage sind besonders lang“, sagt er. Ein kleiner Lichtblick: Am Vormittag hat der Vatikan den gewerblichen Mietern seiner Immobilien in Rom angeboten, wegen der Coronakrise den Mietzins vorübergehend zu senken.

Dienstag, 10.03.2020 - Alles ist anders

Ich hatte mit vielem gerechnet im Vatikan. Aber nicht mit einem menschenleeren Petersplatz. Jetzt ist es also soweit. Platz und Dom bleiben zu. Immerhin eine gute Nachricht am Tag, nach dem Italiens Ministerpräsident Conte auch die Hauptstadt zur Sperrzone erklärt hat: Die deutschsprachige Gemeinde lässt die Türen der Kirche Santa Maria dell’Anima geöffnet. Auch Messen finden weiterhin im privaten Rahmen statt.

Auch in meiner Heimatstadt Berlin entscheidet sich der regierende Bürgermeister derweil gegen ein generelles Verbot von Großveranstaltungen. Zwei Dinge, die mir ein Stück Normalität lassen in diesen Zeiten. Im Vatikan ist momentan nichts normal.

(vatican news)

10 März 2020, 16:09