Suche

Vatican News
Magdalena Thiele ist Praktikantin bei Vatican News/Radio Vatikan Magdalena Thiele ist Praktikantin bei Vatican News/Radio Vatikan 

Vatikan: Praktikum in Zeiten von Corona - ein Blog

Aus der Diaspora Berlin rein in die päpstliche Nachbarschaft. Praktikantin Magdalena Thiele schreibt über ihre Eindrücke aus der Sperrzone, zu der auch der Vatikan gehört.

Sonntag, d. 26.04. - Arrivederci !

Ich bin kein Freund großer Abschiede, deshalb in aller Kürze: Roma, e stato un onore. Ci vediamo.

Samstag, d. 25.04. - Lieblingsorte

Einer der vielen besonderen Orte in Roms ist die Kirche Santa Croce in Gerusalemme. Ich wohne unweit von ihr, es sind nur 5 Minuten Fußweg. Aber nicht nur deshalb besuchte ich sie heute ein zweites Mal. Die Kirche birgt hinter dem Altar noch einiges mehr – zu viel, um alles in einem Besuch auf mich wirken zu lassen. Dazu gehört die Kapelle, die Antonietta Meo (1930-1937) gewidmet ist. Das Mädchen lebte wie ich in der Nähe dieser Kirche, leider verstarb sie schon im Alter von sechseinhalb Jahren. Nachdem sie die Diagnose Krebs erhielt, schrieb sie 162 Briefe an Gott, Jesus, den Heiligen Geist und die Gottesmutter Maria.  

Ihre Geschichte hat mich sehr berührt. Sie erzählt von Leid und ist doch voller Hoffnung und Vertrauen. Oder wie der eremitierte Papst Benedikt XVI. über sie sagte: „Ihr so einfaches und zugleich so bedeutsames Leben zeigt, daß die Heiligkeit in jedem Alter möglich ist. In jedem Abschnitt unseres Lebens können wir uns dafür entscheiden, Jesus ernsthaft zu lieben und Ihm treu nachzufolgen."

Mit Maske
Mit Maske

Donnerstag, 23.04.2020 - Hinter der Maske

In Deutschland wird derzeit heftig über eine Maskenpflicht diskutiert. Anders als dort tragen die meisten Menschen in Rom schon eine Maske, wenn sie auf die Straße gehen.

Das Problem bei den Masken ist hier aber, dass viele Träger nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Immer wieder sehe ich das „Modell Raucher“: Die Maske wird bis zum Kinn heruntergezogen, damit trotz Mund-Nasen-Schutz eine Zigarette beim Warten angesteckt werden kann. Wenn man dann gemeinsam in einer Schlange ansteht, ist man natürlich auch so höflich und bietet dem anderen dazugestoßenen Raucher Feuer an – so von Maskenträger zu Maskenträger. Oft sehe ich auch, wie sich Menschen versuchen zu unterhalten. Wenn das Gesprochene aber wegen der Maske schwer verständlich ist, dann kann man die Maske ja auch kurz beiseite schieben. Das klappt übrigens auch super, wenn einem in Supermarkt mal wieder plötzlich die Nase juckt. 

Maskenpflicht mag ja eine nette Idee sein. Die Feldforschung hier in Rom hat ergeben: Eine Maske ist nur so gut wie ihr Träger. 

Mittwoch, 22.04.2020 - Es wird Zeit

Mein Praktikum neigt sich dem Ende entgegen. Ich habe heute meinen Rückflug gebucht. Nur noch vier Tage bleiben mir in Rom, bis dahin wird sich die Welt nicht großartig verändern – höchstwahrscheinlich werde ich das Ende des Lockdowns in Berlin erleben. Ich vermisse Rom schon jetzt. Ich vermisse das Rom, das ich zu Beginn meines Praktikums kennenlernen durfte. Und ich vermisse die Herzlichkeit meiner Kollegen, die es trotz Homeoffice geschafft haben, mir hier eine tolle Zeit zu bereiten. Aber ich habe hier noch Pläne, denn es fühlt sich an, als bleibt etwas unausgesprochen zwischen mir und der ewigen Stadt.

Jetzt war ich zwei Monate hier und konnte doch nicht den Petersdom von innen sehen, die Vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle. Sie stehen weiterhin ganz oben auf meiner To-Do-Liste. Dann steht noch der Abschied aus, der mit einer Videokonferenz nicht getan ist. Ich werde also wiederkommen. Auch wenn ich bisher keine Münze in den Trevibrunnen werfen konnte. 

Der Markt Esquilino
Der Markt Esquilino

Dienstag, 21.04.2020 - Frischer Fisch

Abstandhalten ist eigentlich kein Problem, es sind nur wenige Menschen auf der Straße, die Tram hat man fast für sich allein und in die Supermärkte werden nur wenige Personen gleichzeitig hereingelassen.

Ein kleines Stück vom trubeligen Rom ist aber geblieben. Der Markt Esquilino nahe dem Hauptbahnhof war auch heute wieder gut besucht. Ich war schon einmal dort, seitdem hat sich hier nichts verändert. Die Gänge sind eng und voll mit Waren – vorwiegend frisches Obst, Gemüse, Trockenfrüchte und allerlei Gewürze.

Frischer Fisch wartet auf Käufer. Gerade vormittags ist die alte Markthalle gut besucht. Die Händler bieten laut ihre Ware feil und rufen durch den Raum. An diesem Ort den Mindestabstand einzuhalten, ist quasi unmöglich, dafür herrscht auch hier jetzt strikte Maskenpflicht. 

Montag, 20.04.2020 - Es gibt Eintopf

Wolken am römischen Himmel - über Nacht hat es geregnet. Und auch die Wettervorhersage verspricht für heute keine Besserung mehr. Es ist nicht wirklich kalt, aber so ganz ohne Sonne fühlt es sich plötzlich viel kälter an – auch in der Wohnung.

Ich habe dieses Wolkenschaupiel zum Anlass genommen, einen Eintopf zu kochen. Keinen besonders aufwendigen und der meiner Oma schmeckt bestimmt um Längen besser, aber meine „heute verlasse ich das Haus nicht“-Stimmung hat mich kreativ werden lassen.

Ohnehin habe ich in der letzten Zeit hier in Rom, in der ich eigentlich die regionale Küche entdecken wollte, viel selbst gekocht. Manchmal haben wir in der Wohngemeinschaft sogar zusammen gekocht – wir waren ja zufälligerweise meistens am selben Ort, sodass sich das anbot.

Jedenfalls mache ich mit jedem Tag hier in Rom Erfahrungen, die ich so gar nicht erwartet hatte. Herr, Deine Wege sind eben unergründlich.

 

Sonntag, 19.04.2020 - Hinter verschlossenen Türen

Am Sonntag der Barmherzigkeit hat Papst Franziskus die Messe in der Kirche Santo Spirito in Sassia gefeiert. Er sprach darin auch über die verschlossenen Türen, hinter denen sich die Jünger nach dem Tod Jesu versteckt hielten – aus Angst. Ein Bild, das so sehr in unsere Zeit passt. Auch wir verschießen unsere Türen - nicht nur wegen Corona.

Die Barmherzigkeit Gottes hat den Jüngern neuen Mut geschenkt, ihre Tür wieder zu öffnen. Oder wäre die Barmherzigkeit vielleicht gar nicht zu ihnen gekommen, wenn sie die Tür verschlossen gehalten hätten? 

Wie auch immer – es zeigt uns doch, dass wir das Wichtigste verpassen, wenn wir unsere Türen verschlossen halten. Wenn wir nicht bereit sind, sie zu öffnen und dabei auf die Barmherzigkeit des Vaters zu vertrauen. Mir wurden hier in Rom viele Türen geöffnet und dafür bin ich sehr dankbar. Das hätte ich aber gar nicht erfahren, wäre ich nicht aus meiner eigenen Tür herausgegangen. 

Oder wie der Papst heute sagte: Wie der Apostel Thomas öffnen auch wir uns für die Barmherzigkeit, die die Welt rettet. Und lassen wir Barmherzigkeit walten gegenüber denen, die schwächer sind. Nur so entsteht eine neue Welt.

 

Samstag, 18.04.2020 - CoRoma

Mein Cousin schrieb mir heute, allein das hat meinen Tag schon perfekt gemacht. Aber die Tatsache, dass er fragte „Alles ok in CoRoma" hat mich zusätzlich zum Lachen gebracht. Warum bin ich da eigentlich noch nicht drauf gekommen, dieses Wortspiel liegt doch so nahe. Und ich liebe Wortspiele. Schon als Kind wollte ich immer am liebsten Scrabble spielen.

Manchmal bleibt das Offensichtlichste uns wohl lange verborgen, weil wir so sehr abgelenkt sind von den Dingen, nach denen wir suchen. „CoRoma" ist jetzt jedenfalls in meinem Kopf und ich komme nicht drum herum.  

 

Freitag, 17.04.2020 - Nur mit Maske


An das Anstehen habe ich mich ja längst gewöhnt, man muss Zeit einplanen, wenn man zum Supermarkt geht. Auch wenn er nicht weit entfernt ist. Heute ist mir aber das erste Mal passiert, dass man mich an der Tür abgewiesen hat. „Ohne Maske kein Einlass“, sagte der freundliche junge Mann am Eingang, der darauf aufpasste, dass nicht zu viele Personen gleichzeitig einkaufen.

Heute war er ein richtiger Türsteher und wies mich ab – wegen meiner Kleidung. Aber er bot mir auch Hilfe an: „Wenn Sie nicht einen ganzen Einkauf machen wollen, vielleicht kann ich ein paar Sachen für Sie besorgen?“. Gesagt, getan. Er hatte Glück, ich brauchte nur neue Biscotti fürs Frühstück.

Trotzdem fühlte ich mich irgendwie komisch – weil ich keine Gesichtsmaske trug, konnte ich nicht teilhaben. Corona, das passt mir gar nicht.

Die Abtei Tre Fontane in der Nähe von Rom
Die Abtei Tre Fontane in der Nähe von Rom

Donnerstag, 16.04.2020 - Nichts Süßes

Schokolade aus dem Klosterladen der Trappisten, die mit den ganzen Haselnüssen - meine  Oma schwärmt dafur. 

Ich war schon einmal hier bei der Abbazia Tre Fontane, vor ziemlich genau vier Jahren, als die heiligen Pforten geöffnet waren. Heute bin ich zurückgekehrt mit der leisen Hoffnung, vielleicht trotz Ausgangsbeschränkungen eine der süßen Tafeln erstehen zu können. Ich hätte sie so gerne mit nach Berlin gebracht. Das hat leider nicht geklappt. Trotzdem mag ich dieses Ort, er ist besonders, wie eine kleine Oase in der Stadt. 

Und wer kein Freund von Schokolade ist, sollte unbedingt den Eukalyptuslikör probieren, der hier gemacht wird. Oder beides.

Mittwoch, 15.04.2020 - Tierische Großstadt

In den Straßen des Viertels San Lorenzo habe ich heute meine erste römische Ratte gesehen. Sie saß mitten auf dem Gehweg im Schatten einer kleinen Mauer und starrte mich an. Meine Erscheinung schien sie nicht sonderlich zu beunruhigen. Dabei war ich doch in ihr Revier eingedrungen – ich meine jedenfalls, sie lebt schon länger hier als ich.

Ich höre in den letzten Tagen hier in Rom und auch aus Deutschland des Öfteren von tierischen Begegnungen in der Großstadt. Es scheint, als wird die Natur dank der neuartigen Ruhe langsam immer sichtbarer in der grauen Betonwelt.

Wenn wir also nicht so laut und hektisch sind, geht auch ein friedliches Nebeneinander. Zum Kaffee hat mich die Ratte aber nicht eingeladen – vermutlich wegen Corona.

Dienstag, 14.04.2020 - Wir müssen reden.

Jetzt ist es also soweit. Die Supermarktschlange schweigt. Hatte man sich in den anfänglichen Tagen noch über einen Plausch beim Anstehen gefreut, fühlt sich die Wartezeit neuerdings ewig an. Es wirkt so, als hätte man sich einfach nichts mehr zu erzählen. Schließlich erlebt man ja auch nicht viel. Und über Corona möchte man auch nicht reden, wenn man mal für eine Weile die eigenen vier Wände verlassen kann, in denen einen das Virus quasi gefangen hält.

Auch die Medien, egal ob deutsch oder italienisch, bieten dieser Tage wenig Abwechslung – ein Thema scheint alles zu beherrschen. Dabei passiert auch heute mehr als dieses Virus. Das sollten wir nicht vergessen. Die Welt ist viel mehr als Corona und es lohnt sich darüber zu sprechen und davon zu erzählen – auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, aber auch die können große Freude bereiten. Das Virus kann uns einsperren, aber es darf uns nicht verstummen lassen.

Montag, 13.04.2020 - Das kleine Ostern

Ostermontag wird in Italien Pasquetta genannt - kleines Ostern. Am zweiten Feiertag ist es eigentlich üblich mit Freunden zu picknicken. “Natale con i tuoi, Pasqua con chi vuoi” - Weihnachten mit der Familie, Ostern mit wem du willst, lautet die dazugehoerende Regel.

Traditionen soll man nicht brechen
Traditionen soll man nicht brechen

Durch Corona wird das dieses Jahr etwas erschwert.   Aber Freunde konnte ich trotzdem treffen. Und auch wenn ich sie nicht digital kontaktieren kann, Ich wusste ja, wo ich sie finde. Nahe Termini auf den Grünstreifen. Sie waren da. Alfons und seine Freunde - und ich. Mit Traditionen soll man ja bekanntlich nicht brechen.

Sonntag, 12.04.2020 - Buona Pasqua!

 

Sieht ganz schön geschlossen aus hier...
Sieht ganz schön geschlossen aus hier...

Ich habe über ein Jahr lang auf diesen Tag gewartet. Heute, am Ostersonntag, gab es deshalb nur ein Ziel für mich: den Petersplatz. Carabinieri, Polizisten und einige Kamerateams waren dort und warteten auf den Papst – leider vergebens. Er ist nicht aus dem Petersdom herausgekommen, um den Segen Urbi et Orbi zu spenden. Nur die Pforte öffnete sich für einen Moment, das konnte ich von meinem Platz, ganz vorne am Zaun, erkennen. Es war als die Glocken läuteten. Später erfuhr ich über Telefon, dass er in dem Moment den Segen auf den Platz geschickt hat.

Nach einer Stunde verließen die meisten der Journalisten mit unzufriedener Mine den Platz wieder. Einige warteten weiter, in der Hoffnung, doch noch etwas zu sehen zu bekommen. Ich war glücklich, ich hatte geschafft, was ich mir so lange vorgenommen hatte: Ostern auf dem Petersplatz.

Am Petersplatz
Am Petersplatz

Samstag, 11.04.2020 (Karsamstag) - Unerhört

Ostern ist das größte und sichtbarste Fest der Christen. Aus aller Welt blickt man in diesen Tagen nach Rom und im besten Fall freut man sich, auch wenn man nicht christlichen Glaubens ist, an der Freude der anderen. Weniger hier, aber in Deutschland schon, ist Glaube weitestgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Kirche und Glauben, das ist Privatsache, höre ich oft. Das ist ok, auch wenn ich denke, dass Religionen an sich eine Bereicherung für jede Gesellschaft sind.

Aber gestern Abend am Karfreitag habe ich mich besonders abgelehnt gefühlt. Ich habe im Gemeinschaftsraum meiner Unterkunft hier in Rom um 18 Uhr die Passionsfeier aus dem Petersdom im Livestream verfolgt. Leise war abwechselnd der Kommentar und die Stimme der Kurie über den Lautsprecher meines Laptops zu hören.

Eigentlich sollte das kein Problem sein, wir hören in der Küche oft die Musik des jeweils anderen oder telefonieren hier – das war bisher selbstverständlich. Aber die Messe störte meine Mitbewohnerin. Sie machte mir sehr deutlich, dass ich den Ton abstellen soll – sie möchte das nicht hören müssen. Ich fühlte mich an Ostern noch ein Stück einsamer als sowieso schon. 

 

Freitag, 10.04.2020 (Karfreitag) - Schweigen

Auch dieser Blog verharrt heute im stillen Gebet und verneigt sich vor dem Kreuz.

Basilica di Santa Croce in Gerusalemme (Karfreitag 2020)
Basilica di Santa Croce in Gerusalemme (Karfreitag 2020)

 

Donnerstag, 09.04.2020 (Gründonnerstag) - Jetzt geht's los.

Die Gründonnerstagsliturgie war als Kind mein absolutes Highlight unter den vielen Messen im Kirchenjahr. Nicht so früh am Morgen, es gab die Kommunion in beiderlei Gestalten und es war der Auftakt der Osterfeierlichkeiten. Jetzt war ich spätestens im Oster-Modus und bin es heute immer noch. Aber dieses Jahr fällt es mir schwerer als erwartet, mich darauf einzulassen. Wieso eigentlich?

Es ist dasselbe Fest, wie jedes Jahr. Es sind doch eigentlich nur Äußerlichkeiten, die momentan anders verlaufen, als gewohnt. Aber an diese Äußerlichkeiten hat man sich eben gewöhnt – es sich bequem gemacht. Warum auch nicht, es gab keinen Anlass, etwas zu ändern. Jetzt ist er aber da, der Anlass. Jetzt ist Zeit, die Dinge zu hinterfragen und uns ihres Wertes bewusst zu machen. Nutzen wir sie. 

Mittwoch, 08.04.2020 - Gute Fahrt!

Das Fenster meines Zimmers geht nach hinten raus. Ich kann von hier aus die Züge sehen, die in den Bahnhof Termini einfahren. Abends stehen auch immer welche auf ihren Gleisen und schlafen friedlich. In letzter Zeit war es aber auch an diesem Fenster sehr ruhig. Ich bekomme nur noch selten Besuch von Zügen und auch die nahe hochgebaute Schnellstraße war einst frequentierter.

Ich habe mich mal bei der Quelle umgeschaut: der Bahnhof Termini – Roms Hauptbahnhof – ist wohl einer der wenigen Orte in Rom, der seinen Darstellern dieser Tage noch eine Bühne bietet. Es werden weiterhin Züge abgefertigt. Reisende müssen aber, bevor sie die Bahnsteige betreten, eine Sicherheitskontrolle passieren. Ein kleines Zelt steht dort. Darunter Polizei und Militär – ihre und die Zahl der Passagiere hält sich die Waage. Aber sie sehen wichtig aus und wachsam. Und wer weiß, vielleicht machen sie das Reisen dieser Tage tatsächlich sicherer.

Dienstag, 07.04.2020 - Blickkontakt

Interviews führen sich dieser Tage besonders einfach, möchte man meinen. Ganz bequem aus dem Home Office. Dafür muss man nicht lange nach einem passenden Termin suchen, nicht mehr vor die Tür gehen oder sich schick anziehen. In Zeiten von Corona führt man Interviews per Anruf, Videochat oder einfach schriftlich.

Das macht die ganze Angelegenheit zwar kurzweiliger, aber nicht unbedingt leichter. Es macht schließlich einen gewaltigen Unterschied, ob ich einem Menschen oder einem Bildschirm gegenübersitze. Die Worte sind die gleichen, aber über die digitalen Kommunikationskanäle geht etwas Entscheidendes verloren - es fehlt an Emotion, Ausdruck und an den kleinen Nuancen, die unausgesprochen zwischen den Zeilen schweben. Immerhin lehrt es mich, wie unersetzbar das persönliche Gespräch ist und bleiben wird.  

Montag, 06.04.2020 - Zu Gast

Sie wohnen jetzt seit sieben Jahren hier, erzählt mir Alfons aus Mali. Unweit des Hauptbahnhofs Termini auf einem Grünstreifen, der sich entlang der alten Mauern zieht. Er und zwei andere Afrikaner haben hier ihr Lager aufgeschlagen. Die Polizei kontrolliere sie nicht, man kenne sich, sagt Alfons. Ich ging vorbei, wir kamen ins Gespräch und schließlich luden sie mich ein, mit Ihnen gemeinsam zu essen.

Gekocht wurde über einer selbst installierten Feuerstelle mit Pappen vor neugierigen Blicken geschützt. Töpfe und Plastikschüsseln waren auch vorhanden. Heute gab es Huhn mit Spinat, Zwiebeln und Eiern in einer pikanten Sauce dazu Reis. Zum Essen waren noch vier weitere junge Männer eingetroffen – sie haben Wohnungen, aber kommen hierher zum Essen und Reden. Sie stammen aus verschiedenen afrikanischen Ländern.

Gegessen wurde schließlich auf dem Boden sitzend mit den Händen aus einer großen Schüssel, wie es in Afrika üblich ist. Nur ich bekam vorsorglich einen Löffel in die Hand gedrückt und ein Lächeln mit auf den Weg. 

Schlafstatt am römischen Hauptbahnhof
Schlafstatt am römischen Hauptbahnhof

Sonntag, 05.04.2020 - Gute Geschäfte

Die meisten Läden sind geschlossen – jedenfalls die, die wir sehen. Aber dann gibt es immer noch die Geschäfte, die im Verborgenen stattfanden und stattfinden.

Wie systemrelevant sie sind, darüber lässt sich sicherlich streiten. Aber für viele ist es wichtig, dass sie weiterhin funktionieren. Ein Freund in Rom konsumiert regelmäßig Marihuana. Das Geschäft damit sei dieser Tage besonders schwierig, da überall Polizei auf den Straßen herumläuft. Jedes kleine Zusammentreffen erregt Aufsehen in den menschenleeren Straßen. 

Aber es gibt sie, die „Kuriere“. Auch sie liefern dieser Tage ihre Ware lieber aus – kommen bis kurz vor die Haustür, um die grüne Ware zu verticken. Die Preise sind enorm. „Ich habe 120 Euro für vier Gramm Marihuana bezahlt“, sagt mein Freund. „Das sind Kriegspreise.“

Samstag, 04.04.2020 - Angehalten

Heute auf den Straßen San Lorenzos bin ich das zweite Mal von einer Polizeistreife angehalten und kontrolliert worden.
Ich hatte nichts Auffälliges getan, war nur mit meinem Mitbewohner auf dem Weg zum Supermarkt – ich versuche immer vormittags einkaufen zu gehen, weil ich mir einbilde, die Schlangen sind dann etwas kürzer.

Der Polizist fragte uns wer wir sind, was wir auf der Straße machen und wo wir hinwollen. Ich klärte ihn über die Einkaufspläne auf, damit gab er sich auch zufrieden, wies uns aber strengen Blickes darauf hin, dass wir nur im Abstand von zwei Metern über den Gehweg laufen dürften. Und bitte keine Unterhaltungen.

Ehrlich gesagt, haben wir uns – sobald außer Sichtweite – daran nicht gehalten. Wir wohnen derzeit unter einem Dach, teilen die Küche und hatten ein gutes Gespräch bis dahin geführt. Ich glaube ein wenig soziales Leben müssen wir uns auch in der Krise erhalten.

Freitag, 03.04.2020 - Weniger Tempo

Was passiert eigentlich nach Corona? Seit drei Wochen befindet sich Rom nun im Ausnahmezustand. Seit drei Wochen sind die Straßen leer. Gefallen finden kann ich daran nicht. Aber einen positiven Aspekt kann ich diesem komischen Stillstand dann doch abgewinnen. Er hat den Alltag enorm entschleunigt – alles ruhiger gemacht, weniger hektisch. Corona hat den Fokus auf das Wesentliche geschärft.

Dazu gehört auch die Heilige Messe, sie ist ganz unbemerkt wieder zu einem der großen Ereignisse in der Woche geworden. Sie vereint Familien – auch auf Distanz – und gibt neuen Gesprächsstoff. Das war bei mir nicht immer so. Viel zu oft bin ich in Gedanken sonst schon bei den Terminen des nächsten Tages, erstelle den gedanklichen Zeitplan und frage mich, wie ich eine Woche in sieben Tage packen soll. Ich hoffe, ich kann mir das auch für die Zeit nach Corona behalten.

Messkelch auf einem Hausdach in Rom - bei einer Open-air-Messe am letzten Sonntag
Messkelch auf einem Hausdach in Rom - bei einer Open-air-Messe am letzten Sonntag

 

Donnerstag, 02.04.2020 - Tanz es raus

Heute setze am Nachmittag ein leichter Lagerkoller ein. Aber es gibt eine Sache, die zuverlässig hilft, wenn ich traurig oder wütend oder einfach nur antriebslos bin. Ich tanze durch das Zimmer. Das, was sich eigentlich wie ein Käfig anfühlt momentan, mache ich zur Bühne. 

Laut muss die Musik dazu sein - meine Mitbewohner haben Verständnis. Letzte Woche haben wir zusammen getanzt im Wohnzimmer. 

Es fühlt sich an, als könnte man durch Tanzen ausdrücken, was man in schweren Zeiten nicht in Worte fassen kann. Und es macht den Raum, der so erdrückend wirken kann, zu einer großen endlosen Tanzfläche.

Ein Hausdach in Rom als Spielplatz für eine Familie, die nicht rausdarf
Ein Hausdach in Rom als Spielplatz für eine Familie, die nicht rausdarf

Mittwoch, 01.04.2020 - Ausgebremst

In der Frühmesse hat Papst Franziskus heute das Wort an die Medienschaffenden gerichtet und zum Gebet aufgerufen, für alle, „die für Kommunikation und Information sorgen“ und damit dazu beitragen, die Isolation erträglich zu machen.

Das freut mich und macht mich zugleich ein bisschen wehmütig. Denn so wirklich können wir – die Medien – in diesen Tagen nicht informieren. Wir sehen nicht, was hinter den verschlossenen Türen der Häuser und Kirchen geschieht; vieles bleibt wohl dieser Tage verborgen und für das journalistische Auge unsichtbar. Das Virus hat auch die Medien infiziert, beten wir für schnelle Genesung.

Im Fokus: Franziskus bei seiner Frühmesse
Im Fokus: Franziskus bei seiner Frühmesse

Dienstag, 31.03.2020 - Wilkommen, Herr Frühling

Gestern habe ich mir ein Zeichen gewünscht, heute habe ich es bekommen. Ein Zeichen, das mir zeigt: Das Leben steht nicht still. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber in diesen Tagen ist sie besonders wichtig.

Heute, beim schon eingeübten Schlangestehen vorm Supermarkt, habe ich den ersten blühenden Straßenbaum gesehen. Er blüht in zartem Pink - eine Zierkirsche vielleicht? Ich kenne mich leider in Sachen Botanik als Stadtkind zu wenig aus, um den Frühjahrsboten richtig zu betiteln. Aber freuen tue ich mich an ihm.

Es ist zwar immer etwas ganz Besonderes, wenn sich nach einem langen europäischen Winter der Frühling blicken lässt, aber in diesem Jahr fühlt es sich noch intensiver an.

Hallo Frühling!
Hallo Frühling!

Montag, 30.03.2020 - Was Mut macht

Der Monat März neigt sich dem Ende – ein Ende der angeordneten Restriktionen und damit die Wiederbelebung des öffentlichen Lebens in Rom ist leider noch nicht so absehbar. Aber vielleicht wäre es auch zu früh, noch in der Fastenzeit so etwas wie eine Auferstehung zu erwarten. Aber vielleicht wäre ein kleines Zeichen hilfreich, etwas Mutmachendes.

In Sizilien stehen jetzt Polizisten vor einigen Supermärkten, weil man Angst vor Plünderungen hat, berichten einige italienische Medien. Seit rund zwei Wochen steht das Land still, sind alle nicht versorgungssichernden Läden und nicht strategisch wichtige Industrien geschlossen. Viele Menschen haben ihre Geldreserven aufgebraucht.

Was mir Mut macht, ist das Vertrauen darauf, dass auch diese Fastenzeit ein Ende haben wird. Ich darf Dir vertrauen, Gott.

Priester in einem römischen Vorort feiern die Messe auf dem Dach ihrer Kirche
Priester in einem römischen Vorort feiern die Messe auf dem Dach ihrer Kirche

Sonntag, 29.03.2020 - Kleine Gesten in der Krise

Heute war wieder Zeit fur die Heilige Messe via YouTube im Livestream. Es waren die Abschlussworte des Pfarrers in Berlin-Wilmersdorf, die mich besonders gerührt haben. 

Es sei schön mit allen die Messe virtuell zu feiern und gleichsam sei es traurig, dass die Gemeinde nicht hier sein kann, sagte Pfarrer Frank-Michael Scheele. 

Bei einem italienischen Bruder habe er gesehen, dass er sich Fotos seiner Gemeindeangehörigen - jung und alt - ausgedruckt und in die leeren Kirchenbänke gestellt hat, um die Messe mit ihnen zu feiern. 

Auch er wünsche sich, dass seine "Schäfchen” ihm per E-Mail oder Post oder wie auch immer ein Bild von sich zukommen lassen. 

Ich habe meins gleich abgeschickt.

Samstag, 28.03.2020 - Schwere Zeiten

Die Arbeit nimmt bei vielen Menschen einen Großteil ihrer Zeit in Anspruch - erfüllt sie mehr oder weniger.

Ich bin sehr froh, dass ich Arbeit habe und das ich trotz Corona arbeiten kann.
Aber das geht nicht jedem so. Gestern habe ich ein Interview mit einer Sexarbeiterin in Berlin geführt. Viele in der Branche arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen, haben keine großen Ersparnisse. Arbeiten dürfen sie wegen Corona nicht mehr. Staatliche Hilfen stehen vielen nicht zur Verfügung weil sie kein angemeldetes Gewerbe betreiben. Ich bete dieser Tage auch für sie.

Franziskus allein auf dem Petersplatz
Franziskus allein auf dem Petersplatz

Freitag, 27.03.2020 - Urbi et Orbi

Auch am Freitag wurde wieder gebetet. Urbi et orbi – „der Stadt und dem Erdkreis“ - hieß es ganz außerplanmäßig im Vatikan. Eigentlich wird dieser besondere Segen ja nur zweimal im Jahr verteilt. Angesichts der Corona-Pandemie will der Papst aber auch in diesen Tagen der Welt diesen besonderen Segen schenken und an die vielen Kranken und an COVID19 Verstorbenen denken.

Ich bete coronageschuldet wieder nur am Livestream mit. Ich weiß gar nicht, ob das in Ordnung ist, aber ich bete noch für etwas anderes außer für das Ende dieser Epidemie. Ich bete für eine Freundin in Berlin, die gestern einen schweren Autounfall hatte. Sie glaubt nicht an Gott, aber ich denke, wenn ich bei ihm für sie fürspreche, wird er das hören. Schließlich richtet sich „der Stadt um dem Erdkreis“ ja ausnahmslos an alle.

Verwaist: Casa Santa Marta im Vatikan
Verwaist: Casa Santa Marta im Vatikan

 

Donnerstag, 26.03.2020 - Grau in grau 

Heute hat sich die Sonne nicht blicken lassen über Rom. Trotz Ausgangssperre - also auch wenn das in der häuslichen Quarantäne wenig verändert - drückt das aufs Gemüt. 

Gegen den Graue-Tage-Blues ist leider noch kein Kraut gewachsen. Aber wahrscheinlich ist das mit der Sonne wie mit allen Dingen im Leben. Wir würden sie nicht vermissen, wenn sie immer da wäre. 

Ich denke, ähnlich ist das mit unserer Freiheit. Wir nehmen sie oft als selbstverständlich hin, dabei ist sie in vielen Teilen der Welt alles andere als selbstverständlich. Deshalb sollten wir uns bewusst sein: unsere Freiheit ist verletzlich, wir müssen sie gut beschützen.

Mittwoch, 25.03.2020 - Gemeinsames Gebet

Am Mittwoch um 12 Uhr waren Christen weltweit dazu aufgerufen, gemeinsam das Vaterunser zu beten. Gemeinsames Beten über die Distanz - die Digitalisierung macht’s möglich. 

Aber die Digitalisierung schafft momentan noch etwas anderes: Ich beobachte in meinem Umfeld, dass immer mehr ältere Menschen, die sich bisher noch nicht fur i die Vorzüge digitaler Kommunikation begeistern konnten, darauf zurückgreifen. Dabei holen sie sich oft Rat von der jüngeren Generation. 

Genauso wie die Aelteren den Rat suchen, fragen Junge Menschen gerade jetzt bei ihren alteren Familienmitgliedern um Rat - um Trost und Beistand in einer schwierigen Zeit. 

Die Generationen können wohl nicht ohne einander.

Dienstag, 24.03.2020 - Zeit zum Reden

In der heutigen Frühmesse in Santa Marta hat Papst Franziskus etwas über die Verbitterung gesagt: „Die Verbitterung ist ein Gift, ein Nebel, der die Seele umhüllt und sie abstumpfen lässt.“

Damit spricht er etwas aus, dessen man sich in schwierigen Zeiten immer wieder bewusst werden sollte. Schließlich macht Verbitterung doch immer alles Schlimme noch schlimmer, jede Last wiegt gepaart mit Verbitterung gleich doppelt so viel.

Und das Schlimmste: Verbitterung lässt uns nicht sehen, was gerade Schönes um uns herum passiert. Ich wohne hier in Rom in einer Wohngemeinschaft. Alle meine drei Mitbewohner sind derzeit ins Homeoffice versetzt. Wir führen schöne intensive Gespräche in der „Quarantäne“, zu denen wir unter normalen Umständen vielleicht gar nicht gekommen wären. Kein Grund also für Verbitterung.

Montag, 23.03.2020 - Neue Perspektive

Wer dieser Tage noch durch die Straßen Roms geht, zum Arbeiten oder um frische Luft zu schnappen, dem ergeht es wahrscheinlich ähnlich. Ich jedenfalls nehme die bekannten Plätze jetzt anders wahr als vor der Corona-Krise:

Wie schon der Name erahnen lässt, ist der Circus Maximus für seine Größe bekannt. Trotzdem habe ich ihn heute noch als viel größer und weiter wahrgenommen als sonst. Die Leere zeigt ihn in seiner ganzen Ausdehnung ohne den „Störfaktor“ Mensch. Die Wege scheinen viel heller und das Gras irgendwie grüner zu sein.

Der Circus Maximus ohne "Störfaktor" Mensch
Der Circus Maximus ohne "Störfaktor" Mensch

Im Gegensatz dazu wirkt der Mund der Wahrheit an diesem sonnigen Tag eher trostlos. Ich hätte ihn beinahe übersehen, bin zuerst an ihm vorbeigelaufen und musste umdrehen. Dabei ist die Bushaltestelle sogar nach ihm benannt und wer dort aussteigt, kann ihn eigentlich nicht verfehlen. Aber heute stehen keine Besucher an, um ihn nach Rat zu fragen. Corona hat auch meinen Blickwinkel verändert.

Ungewohnt: Keine Touristenschlangen vor dem "Bocca della verità"
Ungewohnt: Keine Touristenschlangen vor dem "Bocca della verità"

Sonntag, 22.03.2020 - Immer wieder sonntags

Auch in meiner Gemeinde in Berlin wurde diesen Sonntag das Hochamt erstmalig per livestream übertragen. So konnte ich trotz Ausgangssperre sehen, wie in Berlin Wilmersdorf in der Kirche Heilig Kreuz die Heilige Messe gefeiert wurde.

Eine schöne und zugleich wehmütige Erfahrung. Es ist nicht dasselbe vor einem Bildschirm zu sitzen und den anderen zuzusehen. Es fühlte sich komisch an: Ich konnte die Orgel spielen hören, aber sie klingt nicht so schön, wie vor Ort. Ich konnte den Altarraum sehen, aber mir fehlt der leichte Weihrauchgeruch, der hier üblicherweise in der Luft liegt, weil der Pfarrer äußerst gerne räuchert. Durch die Mosaiken schien die Sonne, aber ich konnte nicht sehen, wie sich die Farben vor mir auf der hellen Holzbank spiegeln, auf der ich jetzt eigentlich sitzen würde. Dennoch tat es gut, heute aus der Ferne dabei zu sein. 

Samstag, 21.03.2020 - Beschränkt

Joggen ist eine der wenigen Aktivitäten, die derzeit auf Roms Straßen noch erlaubt sind - zumindest in unmittelbarer Nähe zur eigenen Wohnung. Ich brauche die Bewegung dringend, um nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit zu bleiben. Daher bin ich sehr dankbar, dass mir das Laufen noch möglich ist.

Weniger schön ist es, wenn ich nicht einmal jetzt durch die Straßen laufen kann, ohne dass mir Männer hinterherrufen – oder wie meine englischsprachige Mitbewohnerin es nennt „mich eye-rapen“ (zu deutsch: mit den Augen vergewaltigen).

Ich würde lieber durch das Viertel San Lorenzo laufen, ohne mich ihren Sprüchen und ihren musternden Blicken auszusetzen. Es ist in diesen Situationen nicht Corona, das mich einschränkt. Es sind meine Mitmenschen.

Freitag, 20.03.2020 - Fragile Freiheit

Die italienische Regierung hat gestern Abend bereits damit gedroht, die Restriktionen noch einmal zu verschärfen. Wie schade wäre es, wenn die wenigen Freiheiten jetzt auch noch wegfallen, weil einige wenige sich immer noch nicht an die Ausgangsregelungen halten.

Auch in Berlin wird jetzt eine Ausgangssperre immer wahrscheinlicher. Zu viele treffen sich immer noch in Parks und Cafés und feiern „Coronapartys“. Sie scheinen immun gegen die Warnungen und den Appell der Kanzlerin, aufeinander Rücksicht zu nehmen und unnötige soziale Kontakte zu vermeiden.

Die Freiheit, die Gott uns geschenkt hat, darf nicht die Freiheit und die Gesundheit anderer einschränken. Bitte lasst uns das nicht vergessen in der Zeit von Corona.  

Donnerstag, 19.03.2020 - Alle guten Dinge

Es war im Jahr 2016 als wir uns das erste Mal begegneten. Trotz des Datums – Anfang Mai – war es noch recht kühl in Rom im Jahr der Barmherzigkeit. 

Ich war das erste Mal und nur für drei Tage in der Ewigen Stadt und hatte mir fest vorgenommen, eine Münze in den berühmten Trevibrunnen zu werfen. Daraus wurde aber leider nichts. Es standen so viele Touristen davor, dass ich den wunderschönen weißen Brunnen nur mit einigen Metern Abstand betrachten konnte.

Heute bin ich – auch ohne Münze – zurückgekehrt, und wieder einmal konnte ich mein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen – danke, Corona. Statt Touristenmassen hinderte mich heute die italienische Polizei und die Absperrgitter daran, dem Brunnen näher zu kommen. Fotos durfte ich immerhin machen, sicherlich besondere. Wir werden uns wiedersehen.

Niemand zu sehen: Der Trevi-Brunnen ohne Touristen
Niemand zu sehen: Der Trevi-Brunnen ohne Touristen

Mittwoch, 18.03.2020 - Home und Office

Seit zwei Tagen befinde auch ich mich im Home Office – gezwungenermaßen. Die Corona-Quarantäne hat auch mein Praktikum erreicht. 

Ich muss mich nicht anziehen, sondern kann in bequemen Klamotten auf der Couch sitzen bleiben. Die Digitalisierung macht’s möglich. Das ist wohl die größte Veränderung, denn mein Büroalltag sieht hier zuhause nicht wirklich anders aus als sonst. Keine schöne Erkenntnis. Sind nicht auch in der Redaktion mein Computer und ich weitestgehend auf uns allein gestellt?

Vielleicht sollten wir das Bürokonzept generell hinterfragen dieser Tage. Brauchen wir Bürotürme überhaupt noch oder könnte man den Raum nicht sinnvoller nutzen angesichts des Platzmangels und der Wohnungsnot in vielen europäischen Großstädten?  

Home Office ist jedenfalls auch nur das, was man daraus macht.

Einsamer Jogger am Tiberufer
Einsamer Jogger am Tiberufer

Dienstag, 17.03.2020 - Das große Hamstern

Dieser Tage sehe ich häufig Bilder von leeren Supermarktregalen in ganz Deutschland. Menschen decken sich mit Vorräten ein, dabei werden doch die Regale überall unermüdlich aufgefüllt. Die Medien berichten reihenweise von unschönen Szenen in Supermärkten, über den Kampf um die letzte Packung.

Hier in Rom habe ich noch kein leeres Regal gesehen, noch niemanden, der einen Jahresvorrat an Klopapier nach Hause trägt. Ich hoffe, das bleibt so.

Jeder geht mit einer Krise anders um, aber ich wünschte, wir hätten alle ein wenig mehr Zuversicht und Gottvertrauen.
Oder, um es mit Franz von Assisi zu sagen: „Wo die Barmherzigkeit und Klugheit ist, da ist nicht Verschwendung noch Täuschung."

Zwei Rotkreuz-Helfer sprechen auf einer römischen Straße mit einem Obdachlosen
Zwei Rotkreuz-Helfer sprechen auf einer römischen Straße mit einem Obdachlosen

Montag, 16.03.2020 - Gedanken zu Ostern

Die Osterfeierlichkeiten im Vatikan sollen ohne Öffentlichkeit stattfinden. Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen. Wie soll das aussehen, ein „Urbi et Orbi“ vor einem verwaisten Petersplatz. Na gut, ganz menschenleer ist er nicht. Die Polizei und das Militär patrouillieren.

Das wird dieses Jahr ein ganz anderes Ostern, als Rom es gewohnt ist. Aber anders heißt ja nicht schlechter. Es zeichnet sich ab: das wird ein ganz besonderes Fest. Wenn der Quarantänezustand bis dahin anhält, bin ich mir sicher, es wird kreative Wege geben, gemeinsam zu beten. Die Straßen und die Balkone Roms werden bestimmt nicht still bleiben, sie werden die Auferstehung Christi mit Freude begehen. 

Eine Schutzmaske auf der Gianicolo-Terrasse, von der aus man den schönsten Blick auf Rom hat
Eine Schutzmaske auf der Gianicolo-Terrasse, von der aus man den schönsten Blick auf Rom hat

Sonntag, 15.03.2020 - Komm nach Hause!

Seitdem ganz Italien unter häuslicher Quarantäne steht, erreichen mich täglich Nachrichten aus Deutschland. „Komm lieber nach Hause“, heißt es darin. Komm nach Hause, solange Du Italien noch verlassen kannst.

Lieb gemeinte Ratschläge von Familie und Freunden, über die ich mich sehr freue. Egal wie viele Kilometer zwischen uns liegen, wir denken aneinander.

Aber ich hatte mich längst dafür entschieden, hier zu bleiben, und das nicht erst seit Ausbrechen dieser internationalen Krise.

Die Entscheidung, nach Rom zu gehen, habe ich vor über einem Jahr getroffen. Sicher stellt Gott uns gerade vor eine besondere Herausforderung, aber die nehme ich gerne an. Er wird einen Plan haben.

Deshalb schreibe ich nach Deutschland: Ich kann nicht kommen, weil ich schon zuhause bin. Zuhause ist überall da, wo Gott ist.

Via del Corso in Rom, ganz hinten der Obelisk auf der Piazza del Popolo
Via del Corso in Rom, ganz hinten der Obelisk auf der Piazza del Popolo

Samstag, 14.03.2020 - Cantare - ohoh!

Sie singen, sie singen gemeinsam. Die Balkone Italiens werden jetzt zur Bühne. Ich selbst wohne hier in Rom an einer großen Straße ohne Balkon ohne direkte Nachbarn. Aber ich sehe sie singen, die sozialen Medien machen es möglich.

Von Siena bis Sizilien sehe und höre ich ihre Stimmen durch die leeren Straßen hallen. Plötzlich sind die Straßen gar nicht mehr so leer.

Und das klingt vielleicht albern: aber ich singe mit. Den Text kann ich nicht, aber ich mache es auf meine Art und das tut mir gut.

Es zeigt mir, worauf ich die ganze Zeit gehofft habe: Gott schenkt uns auch durch das Coronavirus schöne Momente. Darauf dürfen wir vertrauen.

Und es zeigt uns allen: Wir brauchen keine Angst haben, Gott ist da und zeigt uns den Weg. 

Rom singt
Rom singt

Freitag, 13.03.2020 - Beobachtungen am Rand

Jetzt sehe ich sie - erst jetzt, da die Straßen leergefegt sind. Einem Freund aus Berlin hatte ich noch am Telefon erzählt: ich sehe die Obdachlosen hier in Rom nicht, die Betrunkenen, die Bettler. Es sind viel weniger als in Berlin. In Roms eleganter Innenstadt schien es sie für mich nicht zu geben, diejenigen, die keinen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft gefunden haben.

Aber es lag an mir: Ich habe sie nur nicht wahrgenommen. Jetzt, seitdem die Touristen und die Hektik des Alltags auf den Straßen weg sind, sehe ich sie plötzlich überall. Jetzt stechen die hervor, die sonst in der Masse an Eindrücken untergehen. Sie bleiben auf der Straße, nach Hause können sie nicht. Ich bete dieser Tage besonders für sie.   

Wer nicht nach Hause kann, bleibt auf der Straße.
Wer nicht nach Hause kann, bleibt auf der Straße.

Donnerstag, 12.03.2020 - Lasset uns beten

Ganz Italien ist seit Mittwochabend im Tiefschlaf. Ganz Italien? Nein. Die Kirchen bleiben offen. Ich bin sehr dankbar dafür. Kirchen schließt man nicht, denke ich. Kirchen sollten immer offen sein, für jeden.

Abends noch durfte ich in der deutschsprachigen Gemeinde in der Kirche Santa Maria dell’Anima die heilige Messe feiern, am Seitenaltar, mit nur zwei Teilnehmern. Das war ungewöhnlich, doch es war auch eine ganz besondere Situation.

Viele Menschen suchen jetzt Zuflucht im Gebet.
Viele Menschen suchen jetzt Zuflucht im Gebet.

Die Frühmesse in der Kirche Santa Anna hingegen fiel am Donnerstagmorgen aus. Nur die stille Anbetung war möglich. Aber auch das tut gut dieser Tage. Wir haben jetzt die Zeit, also: Beten wir für Italien und alle, die unter dieser Stille leiden.

Mittwoch, 11.03.2020 - Warten auf Godot

Es ist eine traurige Situation. Der Trubel ist weg. Es fühlt sich komisch an, über die Via della Conciliazone zu laufen dieser Tage – ist man doch fast allein. Für die kleinen Läden, die hier in der Via della Conciliazione alle auf die Touristen angewiesen sind, ist diese Situation eine Katastrophe.

„Lohnt es sich überhaupt aufzumachen“, frage ich den Inhaber eines Buchladens für religiöse Schriften. Er zuckt mit den Schultern. „Sie sehen ja, was hier los ist“, entgegnet er. „Beziehungsweise, was hier nicht los ist.“ Nichts ist los. Das beschreibt die Situation rund um den Vatikan wohl am besten. Einfach nichts. Die meisten Läden und Restaurants haben geschlossen. Vor den noch geöffneten stehen ihre Inhaber und blicken – manche ungläubig, manche eher genervt – auf die leeren Straßen oder unterhalten sich mit ihren Nachbarn.

Im Souvenirladen wartet Bryan vergeblich auf Kundschaft
Im Souvenirladen wartet Bryan vergeblich auf Kundschaft

Er würde lieber zuhause bleiben, erklärt mir Bryan. Er arbeitet in einem Souvenirshop. Aber Zumachen könne er sich nicht leisten. Solange er darf, wird er den Laden offenhalten und auf Kundschaft hoffen. „Diese Tage sind besonders lang“, sagt er. Ein kleiner Lichtblick: Am Vormittag hat der Vatikan den gewerblichen Mietern seiner Immobilien in Rom angeboten, wegen der Coronakrise den Mietzins vorübergehend zu senken.

Dienstag, 10.03.2020 - Alles ist anders

Ich hatte mit vielem gerechnet im Vatikan. Aber nicht mit einem menschenleeren Petersplatz. Jetzt ist es also soweit. Platz und Dom bleiben zu. Immerhin eine gute Nachricht am Tag, nach dem Italiens Ministerpräsident Conte auch die Hauptstadt zur Sperrzone erklärt hat: Die deutschsprachige Gemeinde lässt die Türen der Kirche Santa Maria dell’Anima geöffnet. Auch Messen finden weiterhin im privaten Rahmen statt.

Auch in meiner Heimatstadt Berlin entscheidet sich der regierende Bürgermeister derweil gegen ein generelles Verbot von Großveranstaltungen. Zwei Dinge, die mir ein Stück Normalität lassen in diesen Zeiten. Im Vatikan ist momentan nichts normal.

(vatican news)

10 März 2020, 16:09