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Vatican News
Weißrussische Kommunisten bei der 101-Jahrfeier der Russischen Revolution in Minsk am 7. November Weißrussische Kommunisten bei der 101-Jahrfeier der Russischen Revolution in Minsk am 7. November  (ANSA)

„Vatikan sah in Lenins Revolution 1917 zunächst eine Chance“

Dass Papst Benedikt XV. während des Ersten Weltkriegs eine Friedensinitiative lancierte, die leider scheiterte, ist bekannt. Aber wie kam der Vatikan dann eigentlich mit der neuen Welt zurecht, die sich vor hundert Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bildete?

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Ein Kongress des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften und der Päpstlichen Universität Gregoriana wird von Mittwoch bis Freitag über diese bisher eher unterbelichtete Epoche sprechen. Mit Überraschungen kann man dabei schon jetzt rechnen.

„Die neue Welt bringt neue Möglichkeiten“, erzählt der Historiker und Priester Roberto Regoli von der Gregoriana über die Lage nach dem Weltkrieg aus Vatikansicht. „Klassischer Fall: Russland. Dort hatte der Katholizismus bisher wenig zu vermelden. Doch sobald es den politischen Wechsel gibt, sieht man im Vatikan diese Vorgänge zunächst als eine goldene Gelegenheit, um Religionsfreiheit zu erreichen. Erst mit der Zeit erkennt Rom, dass das nur fromme Hoffnungen waren.“

Kaum zu glauben - doch offenbar setzte man damals im Vatikan einige Erwartungen in den Umsturz durch Lenin.

Vatikan bemüht sich, in neuer Weltordnung nicht außen vor zu bleiben

„Doch in anderen Teilen dieser neuen, fragilen Welt gelingt es dem Heiligen Stuhl durchaus, Chancen aufzutun und zu nutzen. Beispiel: die neuen Staaten, die sich aus gestürzten Reichen bilden. Nicht so sehr aus dem osmanischen Reich, sondern vor allem in den neuen Nationalstaaten in Mitteleuropa. Es setzt eine Konkordatspolitik ein, die dann vor allem im Pontifikat von Pius XI. ihre Früchte tragen wird. Doch schon unter Benedikt XV. werden – formell und informell – solche Verträge entworfen. Vor allem mit dem Ziel, den Heiligen Stuhl im neuen geopolitischen Rahmen zu verankern, damit er bei den Beziehungen der neuen Regierungen untereinander nicht außen vor bleibt.“

Zum Nachhören

Denn der Heilige Stuhl ist damals viel isolierter als heute: Zerstritten mit Italien seit Gründung Italiens von 1870, ist er noch weit davon entfernt, als Vatikanstaat wirklich völkerrechtlich anerkannt zu werden. Dazu wird es erst 1929 kommen.

„Katholiken hatten sich mit Begeisterung in den Krieg gestürzt“

Immerhin zehrt der Heilige Stuhl nach dem Ende des Weltkriegs vom Renommee des Papstes, das dieser sich durch seine Friedensinitiative während des Krieges erworben hat.

„Für Benedikt XV. und seine Mitarbeiter war die neue Welt aus einer Riesen-Katastrophe entstanden. 1914 hatten sich allerdings viele Katholiken in Europa mit Begeisterung in den Krieg gestürzt, weil er ihnen nach schwierigen Zeiten (denken wir zum Beispiel an den Kulturkampf in Preußen!) endlich die Gelegenheit gab, ihre Anhänglichkeit an ihren Staat unter Beweis zu stellen. Und um zu zeigen, dass sie keine Untertanen bzw. Bürger zweiter Klasse waren. Nun hatte aber der Verlauf des Krieges Benedikt XV. und seiner Friedenslinie recht gegeben. Auch die Katholiken in den einzelnen Ländern begannen also, den Ersten Weltkrieg als Katastrophe wahrzunehmen.“

Wie heute mit China, so damals in Europa: Streit um Bischofsernennungen

Der Heilige Stuhl sieht sich 1918 und in den folgenden Jahren um – und registriert: Großreiche sind nicht mehr. Das preußische, das russische, das ottomanische, Österreich-Ungarn. „Große Teile der damaligen Welt stehen infolge des Krieges unter Einfluss der USA und Großbritanniens. Dem Vatikan stellt sich also die Aufgabe, mit den USA und Großbritannien immer stärker in Kontakt zu treten. Ergebnis: Der Vatikan setzt auf eine Strategie des Eingreifens, um seine Anliegen vorzubringen. Allerdings meistens nicht direkt, sondern er versteckt sich hinter den Bischöfen des jeweiligen Landes. Der Nuntius spielt dabei die entscheidende Rolle, der auf Anweisung aus Rom tätig wird.“

Die Beziehungen und Konkordate, um die sich Rom mit anderen Staaten bemüht, haben noch ein Ziel: Der Papst soll die Ernennung von Bischöfen völlig in die eigene Hand bekommen. Die neuen Nationalstaaten versuchen dagegen, an das Modell Österreich-Ungarn anzuknüpfen, in dem der Kaiser die Bischöfe ernannte. Das Ergebnis sind Konkordate, die die Frage der Bischofsernennungen in jedem Land etwas anders regeln; nicht immer setzt sich der Heilige Stuhl völlig durch.

Der Papst als internationaler Schiedsrichter?

„Es gab damals eine katholische Weltsicht, die im Papst eine wichtige Größe sah; viele in der damaligen Kurie hofften darauf, der Papst werde als eine Art internationaler Schiedsrichter anerkannt. Dazu in Konkurrenz stand der Völkerbund-Gedanke. Das war damals eine heiße Diskussion: Wer bekommt die Macht, als Vermittler aufzutreten? Die katholische Welt blickte anfangs eher mit Verachtung auf den Völkerbund; wir sehen in den Akten von damals, wie Kardinäle an Wilson oder Clémenceau kein gutes Haar ließen. Es gab damals eben mehrere universalistische Modelle, die in Konkurrenz zueinander standen. Da sind auch die Freimaurer zu erwähnen – auch mit ihnen werden wir uns auf dem Kongress beschäftigen.“

Dabei wollen die Forscher nicht nur in den historischen Rückspiegel schauen, sondern auch Lehren für heute ziehen. Das sagt der vatikanische Chef-Historiker, Prämonstratenserpater Bernard Ardura.

„Der Krieg hat zu neun bis zehn Millionen Toten geführt, sechs Millionen Invaliden, vier Millionen Witwen, acht Millionen Waisen. Er war, wie Benedikt XV. damals sagte, ein ‚unnützes Schlachten‘… Wir wollen durch unseren Kongress neue Wege des Nachdenkens gehen, damit man mit den Lehren von damals heute eine Welt des Friedens und des harmonischen Zusammenlebens bauen kann.“

(vatican news)
 

13 November 2018, 13:59