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Papst Franziskus und Menschen mit Behinderung Papst Franziskus und Menschen mit Behinderung  (AFP or licensors)

Papstbotschaft zum Welttag der Menschen mit Behinderung

Hier lesen Sie in einer offiziellen Übersetzung den Wortlaut der Papstbotschaft.

»Ihr seid meine Freunde« (Joh 15,14)

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung möchte ich mich direkt an euch wenden, die ihr in einer Situation der Behinderung lebt. Ich will euch sagen, dass die Kirche euch liebt und jeden von euch braucht, um ihre Sendung im Dienst des Evangeliums zu erfüllen.

Jesus, der Freund

Jesus ist unser Freund! Er selbst sagt es seinen Jüngern beim Letzten Abendmahl (vgl. Joh 15,14). Seine Worte gelangen bis zu uns und erleuchten das Geheimnis unserer Beziehung zu ihm und unserer Zugehörigkeit zur Kirche. »Die Freundschaft mit Jesus ist unverbrüchlich. Er verlässt uns nie, auch wenn er manchmal zu schweigen scheint. Wenn wir ihn brauchen, lässt er sich von uns finden, und er bleibt an unserer Seite, wo immer wir auch hingehen« (Nachsyn. Apost. Schreiben Christus vivit, 154). Wir Christen haben ein Geschenk erhalten: den Zugang zum Herzen Jesu und die Freundschaft mit ihm. Wir haben das Glück, ein solches Privileg zu besitzen, und es wird zu unserer Berufung: Unsere Berufung ist es, seine Freunde zu sein!

Jesus zum Freund zu haben ist der größte Trost. Das kann aus jedem von uns einen dankbaren, fröhlichen Menschen machen, der zu bezeugen vermag, dass die eigene Gebrechlichkeit kein Hindernis darstellt, um das Evangelium zu leben und weiterzugeben. Die vertrauensvolle und persönliche Freundschaft mit Jesus kann in der Tat der geistliche Schlüssel sein, um die Grenzen anzunehmen, die wir alle erfahren, und um in versöhnter Weise unsere eigene menschliche Verfassung zu leben. Daraus erwächst eine Freude »die das Herz und das gesamte Leben erfüllt« (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 1). Denn wie ein großer Exeget einmal geschrieben hat, ist »Freundschaft mit Jesus […] auch heute zündender Funke, der Begeisterung und Einsatz für die Sache des Glaubens, Dienstbereitschaft für leidende Menschen und Hingabe der eigenen Person weckt«.[1]

Die Kirche ist euer Zuhause

Die Taufe macht jeden von uns zu einem vollgültigen Mitglied der Gemeinschaft der Kirche und schenkt jedem, ohne Ausschluss oder Diskrimination, die Möglichkeit auszurufen: „Ich bin Kirche!“. Die Kirche ist in der Tat euer Zuhause! Wir alle zusammen sind Kirche, weil Jesus sich entschieden hat, unser Freund zu sein. Sie ist – das wollen wir immer besser in dem synodalen Prozess lernen, den wir eingeschlagen haben – »keine Gemeinschaft der Vollkommenen, sondern eine Gemeinschaft von Jüngern auf dem Weg, die dem Herrn nachfolgen, die seiner Vergebung bedürfen« (Generalaudienz, 13. April 2016). In diesem Volk, das unter den Ereignissen der Geschichte durch das Wort Gottes voranschreitet, ist »jeder ein Protagonist, keiner kann als bloßer Statist betrachtet werden« (An die Gläubigen der Diözese Rom, 18. September 2021). Daher ist auch jeder von euch eingeladen, seinen eigenen Beitrag mit auf die synodale Route zu bringen. Ich bin davon überzeugt: Wenn es wirklich ein kirchlicher Prozess wird, »an dem alle teilnehmen können und von dem niemand ausgeschlossen wird«[2], wird die Gemeinschaft der Kirche daraus tatsächlich bereichert hervorgehen.

Leider gibt es auch heute noch viele, »die als Fremdkörper der Gesellschaft behandelt werden. [...] Sie fühlen sich ohne Zugehörigkeit und Beteiligung« und »es gibt immer noch vieles, was sie an einer vollen Teilhabe [hindert]« (Enzyklika Fratelli tutti, 98). Die Diskrimination ist immer noch viel zu präsent auf den verschiedenen Ebenen sozialen Lebens, sie nährt sich aus Vorurteilen, aus Gleichgültigkeit und einer Kultur, die sich schwer tut, den unschätzbaren Wert jedes Menschen zu verstehen. Insbesondere, wenn man die Behinderung auffasst – die das Ergebnis einer Interaktion zwischen den sozialen Schranken und den Grenzen des Einzelnen ist –, als wäre sie eine Krankheit trägt dazu bei, eure Existenzen auf Distanz zu halten und das Stigma gegenüber euch zu nähren.

Was das Leben der Kirche angeht, ist »die schlimmste Diskriminierung […] der Mangel an geistlicher Zuwendung« (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 200), der sich gelegentlich in einer Verweigerung des Zugangs zu den Sakramenten zeigt, was einige von euch leider erlebt haben. Das Lehramt ist diesbezüglich sehr klar und hat kürzlich im Direktorium für die Katechese explizit deutlich gemacht, dass »niemand Menschen mit Behinderungen die Sakramente verweigern kann« (Nr. 272). Angesichts der Diskriminationen ist es gerade di Freundschaft mit Jesus, die wir als unverdientes Geschenk erhalten, die uns frei macht und die Verschiedenheiten als Reichtum zu leben gestattet. Er nennt uns in der Tat nicht Knechte, Frauen und Männer mit halbierter Würde, sondern Freunde: Vertraute, die würdig sind, alles mitgeteilt zu bekommen, das er von seinem Vater gehört hat (vgl. Joh 15,15).

In der Zeit der Prüfung

Die Freundschaft mit Jesus schützt uns in der Zeit der Prüfung. Ich weiß zu gut, dass die Pandemie von Covid-19, aus der wir nur mühsam herauskommen, sehr schwere Auswirkungen auf das Leben vieler von euch hatte und noch immer hat. Ich beziehe mich da, zum Beispiel, auf die Notwendigkeit, für lange Zeit im Haus zu bleiben; auf die Schwierigkeit vieler Studenten mit Behinderung, aus der Ferne zu den didaktischen Hilfsmitteln zu gelangen; zu den Dienstleistungen, die in vielen Ländern für lange Zeit eingestellt waren; und an viele andere Unannehmlichkeiten, die jeder von euch in Kauf nehmen musste. Doch besonders denke ich an die vielen unter euch, die in Wohngemeinschaften leben, und die Leiden, die die erzwungene Isolierung von euren Lieben gebracht hat. An diesen Orten hat das Virus sehr gewütet, und trotz des aufopfernden Dienstes des Personals zu viele Opfer gefordert. Seid gewiss, dass der Papst und die Kirche euch in besonderer Weise nahestehen, mit Zuneigung und Zärtlichkeit.

Die Kirche steht denen von euch, die noch gegen das Coronavirus kämpfen müssen, zur Seite; wie immer bekräftigt sie die Notwendigkeit, dass man für jeden Sorge trägt, ohne dass die Situation der Behinderung eine Hürde für den Zugang zu den besten verfügbaren Behandlungen wäre. In diesem Sinne haben schon einige Bischofkonferenzen interveniert, wie die von England und Wales[3] und die der Vereinigten Staaten[4], und gefordert, dass das Recht aller respektiert und ohne Diskriminationen angewandt wird.

Das Evangelium ist für alle

Von der Freundschaft mit dem Herrn her kommt auch unsere Berufung. Er hat uns auserwählt, damit wir viel Frucht bringen und unsere Frucht bleibt (vgl. Joh 15,16). Indem er sich selbst als den wahren Weinstock darstellte, wollte er, dass jede mit ihm verbundene Rebe Frucht zu bringen vermag. Ja, Jesus möchte, dass wir das »Glück, für das wir geschaffen wurden [erreichen]. Er will, dass wir heilig sind, und erwartet mehr von uns, als dass wir uns mit einer mittelmäßigen, verwässerten, flüchtigen Existenz zufriedengeben (Apostolisches Schreiben Gaudete et Exsultate, 1).

Das Evangelium ist auch für dich! Es ist ein Wort, das an alle gerichtet ist, das tröstet und gleichzeitig zur Umkehr aufruft. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, wenn es von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit spricht, dass »alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind [...]. Zur Erreichung dieser Vollkommenheit sollen die Gläubigen die Kräfte, die sie nach Maß der Gnadengabe Christi empfangen haben, anwenden, um [...] sich mit ganzem Herzen der Ehre Gottes und dem Dienst des Nächsten hinzugeben (Lumen Gentium, 40).

Die Evangelien berichten uns von der Begegnung Jesu mit Menschen mit Behinderungen, deren Leben sich dadurch tiefgreifend änderte und die begonnen haben, seine Zeugen zu sein. Das ist zum Beispiel bei dem von Geburt an blinden Mann der Fall, der im Anschluss an seine Heilung durch Jesus vor allen mutig behauptet, er sei ein Prophet (vgl. Joh 9,17); und viele andere verkünden freudig, was der Herr an ihnen getan hat.

Ich weiß, dass einige von euch in Zuständen äußerster Gebrechlichkeit leben. Aber ich möchte mich gerade an euch wenden und allenfalls – wo es nötig ist – eure Familienangehörigen oder diejenigen, die euch am nächsten stehen, bitten, diese meine Worte vorzulesen oder diesen meinen Aufruf weiterzugeben, und euch um das Gebet zu bitten. Der Herr hört aufmerksam das Gebet derer, die ihm vertrauen. Niemand soll sagen: „Ich kann nicht beten“, denn, wie der Apostel sagt: »So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern« (Röm 8,26). In den Evangelien hört Jesus denjenigen zu, die sich in scheinbar unangemessener Weise, vielleicht nur durch eine Geste (vgl. Lk 8,44) oder einen Schrei (vgl. Mk 10,46), an ihn wenden. Im Gebet liegt eine Mission, die für alle zugänglich ist, und ich möchte sie euch auf besondere Weise anvertrauen. Es gibt niemanden, der so schwach wäre, dass er nicht beten, den Herrn anbeten, seinen heiligen Namen verherrlichen und für das Heil der Welt eintreten könnte. Vor dem Allmächtigen erkennen wir uns alle als gleich.

Liebe Brüder und Schwestern, euer Gebet ist heute dringender denn je. Die heilige Teresa von Ávila schrieb, dass »in schwierigen Zeiten starke Freunde Gottes gebraucht werden, um die Schwachen zu unterstützen«.[5] Die Zeit der Pandemie hat uns deutlich vor Augen geführt, dass uns der Zustand der Verletzlichkeit alle vereint: »Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern«.[6] Die erste Weise, dies zu tun, liegt eben im Beten. Wir alle können es tun; und selbst wenn wir wie Mose Unterstützung brauchen (vgl. Ex 17,10), sind wir sicher, dass der Herr unsere Anrufung erhören wird.

Ich wünsche euch alles Gute. Möge der Herr euch segnen und die Gottesmutter euch beschützen.

 

Rom, St. Johannes im Lateran, 20. November 2021

 

 

 

 

[1] Rudolf Schnackenburg, Freundschaft mit Jesus, Freiburg i. Brg. 1996, S.57.

[2] Bischofssynode, Vorbereitungsdokument. Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung, 2.

[3] Bishops’ Conference of England and Wales, Coronavirus and Access to Treatment, April 20th, 2020.

[4] USCCB - Public Affairs Office, Statement on Rationing Protocols by Health Care Professionals in Response to COVID-19, April 3rd 2020.

[5] Das Buch meines Lebens, 15,5.

[6] Besondere Andacht zur Zeit der Pandemie, 27. März 2020.

25 November 2021, 12:22