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Papst Franziskus auf einem Archivfoto Papst Franziskus auf einem Archivfoto  (Vatican Media)

Papst Franziskus teilt Brief von Missbrauchsüberlebender: „Werdet gute Priester!“

Eine Missbrauchsüberlebende hat sich in einem Brief an den Papst und an alle Seminaristen gewandt. Darin appelliert sie an die Seminaristen, „gute Priester“ zu werden; fordert aber auch, dass die Wahrheit immer den Vorrang haben müsse und es nicht zu neuem Missbrauch kommen dürfe.

„Ich habe Angst vor Priestern. In letzter Zeit kann ich nicht zur Heiligen Messe gehen. Es tut mir sehr weh… Die Kirche, dieser heilige Ort, war mein zweites Zuhause… und er hat es mir weggenommen“: das schreibt die Überlebende, deren Name aus Privacy-Gründen entfernt wurde, in ihrem Brief an den Papst, der an alle Seminaristen gerichtet war. Die päpstliche Kinderschutzkommission hat den Brief an diesem Montag auf ihrer Webseite veröffentlicht.

Sie selbst sei über „mehrere Jahre“ von einem Priester misshandelt worden, den sie „Brüderchen“ habe nennen sollen, beschreibt die Frau ihre Situation. Sie habe sich dazu entschieden, den Brief zu schreiben, weil die „liebenswürdige Wahrheit“ gewinnen sollte. „Bitte, kehren wir die Dinge nicht unter den Teppich, weil sie sonst anfangen werden, zu stinken, zu verfaulen, sich der Teppich selbst zersetzen wird… Werden wir uns dessen bewusst, dass, wenn wir diese Tatsachen verbergen und verschweigen, wir den Schmutz verbergen und so zum MITTÄTER werden.“

„Bitte, kehren wir die Dinge nicht unter den Teppich, weil sie sonst anfangen werden, zu stinken, zu verfaulen, sich der Teppich selbst zersetzen wird…“

Wie Kardinal O’Malley auf der Webseite der Kinderschutzkommission in seiner Einführung zu dem Schreiben erläutert, habe der Papst in „dieser Zeit der Erneuerung und pastoralen Umkehr, in der die Kirche mit dem Skandal und den Wunden des sexuellen Missbrauchs konfrontiert ist“, das „mutige Zeugnis“ einer Überlebenden erhalten, „das allen Priestern angeboten wurde“.

Damit wolle der Papst „die Stimme aller verwundeten Menschen aufnehmen und allen Priestern, die das Evangelium verkünden, den Weg zu einem authentischen Dienst an Gott zum Wohle aller Schwachen weisen“.

Werkzeuge Gottes unter den Menschen

Sie seien von Gott dazu gerufen, seine „Werkzeuge unter den Menschen“ zu sein, wendet sich auch die Verfasserin des Schreibens an die künftigen Priester. Sie dürften nicht erlauben, dass diese durch Missbrauch verursachten Wunden im Leib der Kirche „noch tiefer“ würden oder neue entstünden, so der Appell der Überlebenden, die eindrücklich beschreibt, was Missbrauch mit der Seele der Betroffenen anstellt.  

„Die Erwachsenen, die diese Scheinheiligkeit als Kinder erlebt haben, werden sie niemals aus ihren Leben löschen können. Sie können sie für eine Weile vergessen, versuchen, zu vergeben, versuchen, ein erfülltes Leben zu leben, aber die Narben in ihren Seelen werden bleiben, sie werden nicht verschwinden.“ Sie, so schreibt die Missbrauchsüberlebende weiter, sei hier auch im Namen der anderen Opfer, der Kinder, die beschmutzt wurden und denen ihre Kindheit geraubt worden sei, „der Kinder, deren Herzen schlagen, die atmen (und) leben… aber sie haben sie einmal (zwei, mehrere Mal) getötet… ihre Seelen sind zu kleinen blutigen Stücken gemacht worden.“

Schwere Wunden bei den Opfern

Sie habe sich auch zu diesem Schritt entschlossen, weil die Kirche ihre „Mutter“ sei, und es ihr wehtue, wenn sie verletzt und schmutzig sei, unterstreicht die Verfasserin weiter. Für sie selbst sei es ein „unglaublich schwieriger Kampf“, zu überleben und Freude zu empfinden, beschreibt sie ihren Schmerz. Geblieben sei ihr eine schwere posttraumatische Störung mit Persönlichkeitsspaltung, Depression und Angstzuständen.

Die angehenden Priester hätten mit ihrer Berufung eine große Verantwortung erhalten, die keine Last, sondern eine Gabe sei, die es nach dem Beispiel Jesu mit Demut und Liebe zu behandeln gelte. Jesus habe seine Augen nicht vor der Sünde oder dem Sünder verschlossen, sondern die „Wahrheit“ mit „Liebe“ gelebt: „Mit der liebenswürdigen Wahrheit hat er auf die Sünde und den Sünder gezeigt.“

„BITTE SEI EIN GUTER PRIESTER“

Die Priester müssten sich dessen bewusstwerden, dass sie ein enormes Geschenk erhalten hätten, indem sie die Verkörperung Christi in der Welt darstellten. Die Menschen, und insbesondere die Kinder, sähen in ihnen nicht eine Person, sondern Jesus Christus, dem sie grenzenlos vertrauten. „Das ist etwas ENORMES und STARKES, aber auch sehr FRAGILES UND VERLETZLICHES. BITTE SEI EIN GUTER PRIESTER“, schließt die Überlebende ihr Schreiben.

(vatican news - cs)

19 Oktober 2021, 11:28