Suche

Vatican News

Amazonien-Synode nimmt Fahrt auf

Die Amazonien-Bischofssynode hat am Montag im Vatikan ihre Arbeit aufgenommen. In einer kurzen, frei gehaltenen Ansprache mahnte Papst Franziskus zu mehr Sensibilität im Umgang mit indigenen Kulturen am Amazonas.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Ungewöhnliche Tänze und Gesänge am Petrusgrab machten den Auftakt zu dem Bischofstreffen; dann zogen die fast 300 Teilnehmer der Synode zusammen mit dem Papst in die Synodenaula ein. Bis zum 27. Oktober wollen sie hier über die vielfältigen Herausforderungen für die Kirche in der „grünen Lunge der Welt“ reden; später soll ein Apostolisches Schreiben des Papstes eine pastorale „Roadmap“ für Amazonien erstellen.

„Amazonien – neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“ ist das Motto der außerordentlichen Bischofssynode – nicht der ersten übrigens, die sich mit einer regionalen Problematik befasst. „Wir können sagen, dass die Amazonien-Synode vier Dimensionen hat“, sagte Franziskus zur Einführung: „eine pastorale, eine kulturelle, eine soziale und eine ökologische Dimension. Die pastorale Dimension ist die wesentliche, von ihr geht alles aus. Wir nähern uns mit einem christlichen Herzen der Realität Amazoniens und betrachten sie mit Augen von Jüngern (Jesu).“

„Wir nähern uns den einheimischen Völkern auf Zehenspitzen“

Es gebe nämlich, so Franziskus, keinen „neutralen, aseptischen“ Blick, immer werde unser Blick durch irgend etwas konditioniert. Nun denn: „Unsere Ausgangsoption ist die von Jüngern… Wir nähern uns der amazonischen Realität mit den Augen von Jüngern und auch von Missionaren… Und wir tun es auf Zehenspitzen, um die Geschichte, die Kulturen, den Lebensstil der amazonischen Völker zu respektieren.“

Zum Nachhören

Diese Völker sollten „als Protagonisten ihrer eigenen Geschichte“ ernstgenommen werden, so der erste lateinamerikanische Papst in der Kirchengeschichte. „Und wir nähern uns ohne ideologische Kolonialisierung, wie sie heute so häufig ist. Wir nähern uns ohne unternehmerischen Eifer, der vorgefertigte Konzepte durchsetzen will, um die amazonischen Völker, ihre Geschichte und Kultur sozusagen zu disziplinieren – nein. Wenn die Kirche vergisst, wie sie sich einem Volk zu nähern hat, dann misslingt ihre Inkulturation, dann werden bestimmte Völker sogar gering geschätzt.“

Der blöde Kommentar über den Mann mit den Federn

Das führe dann in der Regel zu einem Scheitern, das „wir noch heute beklagen“ – Franziskus nannte als Beispiel die Arbeit des Jesuiten Matteo Ricci im China der Frühen Neuzeit. Ein „alles vereinheitlichender Zentralismus“ habe damals dazu geführt, dass die „Authentizität der Kultur der Völker keinen Raum bekam“. Ideologien seien, so fuhr der Papst fort, „eine gefährliche Waffe“, man dürfe nicht durch die ideologische Brille hindurch ein Volk beurteilen. „Ideologien reduzieren, und sie führen dazu, dass wir fälschlich glauben, intellektuell zu verstehen, aber ohne zu akzeptieren. Ohne zu bewundern. Ohne Konsequenzen zu ziehen. Dann wird die Realität zu Kategorien…“

Viele einheimische Kulturen in Lateinamerika – auch in seiner Heimat Argentinien – hätten sehr darunter zu leiden gehabt, dass eine vermeintliche Zivilisation sie als „Barbaren“ eingestuft und nur hochmütig beäugt habe. Da fielen Worte der Herablassung, da werde von einer „zweitrangigen Zivilisation“ gesprochen, da gälten Ureinwohner als „schwarze Schafe“.

„Und dann die Verachtung – gestern hat es mir sehr wehgetan, dass ich hier drin einen witzig gemeinten Kommentar gehört habe über diesen Herrn, der (bei der Gabenbereitung im Petersdom) die Gaben brachte und dabei Federn auf dem Kopf trug. Sagt mir bitte: Was gibt es denn für einen Unterschied dazwischen, Federn auf dem Kopf zu tragen oder aber so ein Birett, wie es einige von unseren (vatikanischen) Dikasterien tragen?“ Für diese Bemerkung des Papstes gab es (vielleicht etwas verschämten) Applaus.

„Pragmatisch sind auch die Zerstörer“

„Wir riskieren, lediglich pragmatische Maßnahmen vorzuschlagen, wo doch in Wirklichkeit von uns eine Betrachtung der Völker verlangt wird, eine Fähigkeit zur Bewunderung… Wenn hier jemand mit pragmatischen Absichten gekommen ist, dann möge er sich bitte bekehren und sein Herz öffnen für eine paradigmatische Perspektive, die aus der Realität der Völker herkommt. Wir sind nicht hergekommen, um soziale Entwicklungsprogramme oder Kultur-Schutzprogramme zu erfinden, oder Pastoralpläne…“

Rein pragmatisch dächten auch die, die den Regenwald ausbeuteten und zerstörten, so Papst Franziskus. „Auch die machen Programme, die nicht die Poesie, die Realität der Völker, die souverän ist, respektieren.“

„Eine Synode ist kein Parlament“

Auch vor der „Weltlichkeit“, die einen von der „Poesie der Völker“ entferne, warnte der Papst. „Wir sind hier, um die Völker zu betrachten, zu verstehen und ihnen zu dienen. Und wir tun es, indem wir einen synodalen Weg zurücklegen… Nicht am runden Tisch, nicht durch Konferenzen oder Debatten, sondern als Synode. Denn eine Synode ist kein Parlament…“

Hier gehe es nicht darum zu beweisen, „wer mehr Macht in den Medien oder in den sozialen Netzwerken hat, um irgendeine Idee oder irgendeinen Plan durchzusetzen“, so der Papst. „Wir forschen nicht per Umfrage danach, wer eine Mehrheit hat. Wir sind auch keine sensationshungrige Kirche… Synode bedeutet, voranzugehen unter der Inspiration und Führung des Heiligen Geistes. Er ist der Hauptakteur der Synode, bitte werfen wir ihn nicht aus dem Saal hinaus!“

„Instrumentum laboris ist nur ein Ausgangspunkt“

Das Grundlagenpapier der Synode, „Instrumentum laboris“, hat in den letzten Monaten viel Kritik erfahren. Der Papst nannte es am Montagmorgen in seiner Rede ein „Märtyrerpapier“, denn es sei „zur Zerstörung bestimmt“ und bilde ja nur „den Ausgangspunkt, um sich mit dem Heiligen Geist auf den Weg zu machen“. Die Synodenteilnehmer sollten in den kommenden Wochen „vor allem beten, nachdenken, zuhören“ und „mutig das Wort ergreifen“. Bei allem Freimut gelte es allerdings „die Geschwisterlichkeit zu bewahren, die hier drin herrschen soll“.

Nach jeweils vier Redebeiträgen werde es eine Pause geben, kündigte Franziskus an: „Jemand hat gesagt, das ist gefährlich, Heiliger Vater, die werden einschlafen. Aber bei der Jugendsynode (im letzten Jahr) haben wir genau die gegenteilige Erfahrung gemacht: Da schliefen einige während der Reden und wachten dann im Moment der Stille auf…“

Warnung vor „einer Synode drinnen und einer Synode draußen“

Ein Prozess sei die Synode, um kirchliche Prozesse müssten geschützt werden „wie ein Baby“: Darum bitte er um eine „Haltung des Respekts“ und eine „geschwisterliche Atmosphäre“, auch um ein gerüttelt Maß an Diskretion. „Man sollte also nicht alles, so wie es hier kommt, gleich nach draußen tragen!“ Kommunikation nach draußen brauche „Takt und Vorsicht“; werde nicht ein gewisses Maß an Vertraulichkeit gewahrt, dann komme es zu dem, was es bei einigen früheren Synoden gegeben habe: „eine Synode drinnen und eine andere Synode draußen“. „Die Synode drinnen, bei der sich die Mutter Kirche mit Achtsamkeit für alle Prozesse auf den Weg macht, und die Synode draußen, die durch eine leichtfertig durchgestochene Information zu Missverständnissen führt.“

Er danke allen, die sich für die Synode einsetzten, so der Papst. Und dann änderte er seinen Schlussspruch. Sagt er normalerweise: „Betet für mich“, äußerte er diesmal „Und bitte, verlieren wir nicht den Sinn für Humor!“

(vatican news)

07 Oktober 2019, 11:07