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Papst Franziskus: Antworten auf die strukturellen Probleme der Weltwirtschaft finden Papst Franziskus: Antworten auf die strukturellen Probleme der Weltwirtschaft finden  (AFP or licensors)

Franziskus an Jungunternehmer: Gegenwärtige Wirtschaft verändern

Mit einem Brief lädt Papst Franziskus junge Ökonomen, Unternehmerinnen und Unternehmer aus aller Welt zur Veranstaltung „Economy of Francesco“ ein. Dabei soll durch einen „gemeinsamen Bund“ ein Prozess des globalen Wandels eingeleitet werden.
Zum Nachhören

Mario Galgano und Silvia Kritzenberger – Vatikanstadt

Das Treffen in Assisi ist auf den 26. bis 28. März 2020 anberaumt. Ziel der Zusammenkunft: jungen Männern und Frauen zu begegnen, die Wirtschaftswissenschaften studieren und eine andere Art von Wirtschaft umsetzen möchten. So das Anliegen des Papstes, das er in einem Schreiben an junge Ökonomen und Unternehmer zum Ausdruck bringt. Das Treffen soll  helfen, an einem Strang zu ziehen und „einen ,Bund´ zu schließen, der uns die Verpflichtung eingehen lässt, die Wirtschaft von heute zu verändern und der Wirtschaft von morgen eine Seele zu geben“.

Hier der Brief des Papstes in einer eigenen Arbeitsübersetzung:

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Schreiben Seiner Heiligkeit Papst Franziskus an junge Ökonome und Unternehmer der ganzen Welt

Liebe Freunde,

            mit diesem Schreiben möchte ich euch einladen, an einer Initiative teilzunehmen, die mir sehr am Herzen liegt. Einer Initiative, die es mir ermöglicht, jungen Männern und Frauen zu begegnen, die Wirtschaftswissenschaften studieren und eine andere Art von Wirtschaft umsetzen möchten: eine, die Leben bringt, und nicht Tod; die inklusiv ist und nicht exklusiv; menschlich und nicht entmenschlichend; eine, die für die Umwelt Sorge trägt und sie nicht ausbeutet. Eine Initiative, die dazu beitragen wird, einander besser kennenzulernen und einen „Bund“ zu schließen, der uns die Verpflichtung eingehen lässt, die Wirtschaft von heute zu verändern und der Wirtschaft von morgen eine Seele zu geben.

            Die Wirtschaft muss „wiederbelebt“ werden! Und welche Stadt ist dafür besser geeignet als Assisi, das seit Jahrhunderten für einen Humanismus der Geschwisterlichkeit steht? Johannes Paul II. machte Assisi zum Sinnbild für eine Kultur des Friedens. Für mich ist es auch ein Ort, der Inspiration für eine neue Wirtschaft sein kann. Dort hat Franz von Assisi alles Weltliche abgelegt und Gott zum Kompass seines Lebens gemacht, indem er mit den Armen arm wurde, ein Bruder aller Menschen. Seine Entscheidung, die Armut anzunehmen, hat eine Vision der Wirtschaft entstehen lassen, die auch heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Eine Vision, die uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt und nicht nur den Ärmsten der Armen zugutekommt, sondern der ganzen Menschheitsfamilie. Eine Vision, die auch für das Schicksal unseres Planeten, unseres gemeinsamen Hauses – „unserer Schwester Mutter Erde“, wie der heilige Franz in seinem Sonnengesang sagt –  notwendig ist.

            In meiner Enzyklika Laudato sì habe ich betont, dass heute mehr denn je alles eng miteinander vernetzt ist und der Schutz der Umwelt nicht davon getrennt werden darf, den Armen  Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und Antworten auf die strukturellen Probleme der Weltwirtschaft zu finden. Wir müssen Wachstumsmodelle korrigieren, die nicht in der Lage sind, den Schutz der Umwelt, die Offenheit für das Leben, die Sorge um die Familie, die soziale Gleichstellung, die Würde der Arbeitnehmer und die Rechte künftiger Generationen zu gewährleisten. Leider hat der Appell, den Ernst der Lage zu erkennen und ein neues Wirtschaftsmodell zu schaffen, das Ergebnis einer Kultur der Gemeinschaft ist, die auf Brüderlichkeit und Gleichheit beruht, nur bei wenigen Gehör gefunden.

            Niemand ist ein besseres Vorbild für die Sorge um die Schwächsten und eine ganzheitliche Ökologie als Franz von Assisi. Ich denke an den Auftrag, den er vor dem Kreuz in der kleinen Kirche San Damiano vernahm: „Geh, Franziskus, repariere mein Haus, das, wie du siehst, in Trümmer liegt.“ Diese Haus, das  repariert werden muss, betrifft uns alle. Es betrifft die Kirche, die Gesellschaft, das Herz jedes einzelnen von uns. Und es betrifft auch zunehmend die Umwelt, die dringend einer gesunden Wirtschaft und einer nachhaltige Entwicklung bedarf, damit ihre Wunden geheilt und eine würdige Zukunft für uns alle gewährleistet werden kann.

            Angesichts dieser dringenden Notwendigkeit ist jeder von uns gerufen, seine geistigen und moralischen Prioritäten zu überdenken, damit sie den Geboten Gottes und den Anforderungen des Gemeinwohls besser entsprechen. Ganz besonders aber wollte ich euch, liebe junge Menschen, ansprechen, denn euer Wunsch nach einer besseren und glücklicheren Zukunft macht euch schon jetzt zu einem prophetischen Zeichen, das auf eine Wirtschaft verweist, die den Menschen und die Umwelt in den Mittelpunkt stellt.        

            Liebe junge Freunde, ich weiß, dass ihr in euren Herzen den immer lauter werdenden Hilferuf der Erde und ihrer Armen hören könnt, der um Menschen fleht, die Verantwortung übernehmen und Antworten geben, statt sich abzuwenden. Wenn ihr auf euer Herz hört, werdet ihr euch als Teil einer neuen und mutigen Kultur fühlen; und dann werdet ihr auch bereit sein, Risiken einzugehen und am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken. Der auferstandene Jesus ist unsere Stärke! Wie ich in Panama gesagt und auch in meinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Christus vivit geschrieben habe: „Ich bitte euch, lasst nicht zu, dass andere die Hauptdarsteller der Veränderung sind! Ihr seid die, denen die Zukunft gehört! Durch euch tritt die Zukunft in die Welt ein. Ich bitte euch auch, die Hauptdarsteller dieser Veränderung zu sein… Ich bitte euch, Konstrukteure der Welt zu sein und euch an die Arbeit für eine bessere Welt zu machen“ (Nr. 174).   

            Eure Universitäten, Unternehmen und Organisationen sind „Baustellen der Hoffnung“ für die Schaffung eines neuen Verständnisses von Wirtschaft und Fortschritt und für die Bekämpfung der „Wegwerfkultur“, damit jenen eine Stimme gegeben wird, die keine haben, und neue Lebensstile angeboten werden. Erst wenn unser Wirtschafts- und Sozialsystem kein einziges Opfer mehr fordert und niemanden mehr ausgrenzt, werden wir das Fest der universellen Geschwisterlichkeit feiern können.       

            Deshalb möchte ich euch in Assisi treffen: damit wir durch einen gemeinsamen „Bund“ einen Prozess des globalen Wandels fördern können. Einen, an dem nicht nur Gläubige, sondern alle Männer und Frauen guten Willens teilhaben können – ungeachtet aller Unterschiede in Glauben und Nationalität, inspiriert von einem Ideal der Geschwisterlichkeit, das vor allem die Armen und Ausgegrenzten im Blick hat. Ich lade euch ein, für diesen Bund zu arbeiten und euch einzeln und in Gruppen zu verpflichten, den Traum von einem neuen Humanismus, der den Erwartungen der Männer und Frauen und dem Plan Gottes entspricht, gemeinsam zu verwirklichen.

           Der Name dieses Events  – Economy of Francesco – erinnert an den Heiligen aus Assisi und das Evangelium, dass er so konsequent gelebt hat, auch auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene. Der heilige Franz schlägt uns ein Ideal und in gewisser Weise auch ein Programm vor. Für mich, der ich seinen Namen angenommen habe, ist er eine ständige Quelle der Inspiration.

          Mit euch und durch euch appelliere ich an einige unserer besten Ökonomen und Unternehmer, die auf globaler Ebene bereits daran arbeiten, eine Wirtschaft zu schaffen, die diesen Idealen entspricht. Ich bin zuversichtlich, dass eure Antwort nicht ausbleiben wird. Und ich setze mein Vertrauen vor allem auf euch junge Menschen, die ihr fähig seid zu träumen; bereit, mit Hilfe Gottes eine gerechtere und schönere Welt aufzubauen.           

            Unser Treffen ist auf den 26. bis 28. März 2020 anberaumt. Zusammen mit dem Bischof von Assisi, dessen Vorgänger Guido vor 800 Jahren den jungen Franz in seinem Haus empfangen hat, wo er mit der prophetischen Geste seiner Entkleidung alles Weltliche ablegte, freue ich mich darauf, euch willkommen heißen zu dürfen. Ich erwarte euch, sende euch schon jetzt meinen Gruß und meinen Segen. Und bitte: vergesst nicht, für mich zu beten. 

Aus dem Vatikan, 1. Mai 2019

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(vatican news)

11 Mai 2019, 13:06