Suche

Vatican News
Sr. Elisabeth Kampe von der Congregatio Jesu Sr. Elisabeth Kampe von der Congregatio Jesu  

Unser Sonntag: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“

In ihrem Kommentar zum Gleichnis vom Unkraut verdeutlicht Sr. Elisabeth Kampe, dass wir täglich unterscheiden und entscheiden müssen, welchen Weg wir gehen wollen. Gott habe dabei unendlich viel Geduld mit uns und lade uns dazu ein, auch mit uns selbst geduldig zu sein.

Sr. Elisabeth Kampe CJ

Mt 13, 24 -30 Das Gleichnis vom Unkraut 

Vielleicht geht es Ihnen manchmal so wie mir. In diesen Sommerwochen ist es wunderbar einmal in Ruhe einen Spaziergang durch die Felder zu machen. Weiter Blick in die Landschaft. Vogelstimmen sind zu hören, leichtes Rascheln, wenn man an einem Maisfeld vorbeikommt. Oder man nimmt den frischen Duft wahr, wenn man an einer Wiese vorbei geht, die gerade gemäht worden ist. Ein besonderes Erlebnis ist es für mich immer, wenn ich an einem reifen Ährenfeld vorbeikomme. Insofern der Regen die Ähren nicht platt geregnet hat, ist es ein wunderbarer Anblick. Wenn der Wind darüber fährt, ist es als gingen leichte Wellen durch das Ährenfeld und man hört das Knistern, wenn die Grannen aneinander reiben.

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Ich erinnere mich aber auch an Felder, wo es nicht nur Ähren gab sondern auch eine Fülle von Disteln. Kein schöner Anblick. Sie stören. Disteln gehören da einfach nicht hin. Sie überwuchern die Ähren, nehmen ihnen die Nährstoffe weg und behindern das Wachstum. Aber, so ist es. Unkraut gibt es überall. Es wächst, ob wir es wollen oder nicht. Es wächst zusammen mit den Pflanzen, die wir kultivieren, damit sie uns Nutzen bringen.
Im Text des heutigen Evangeliums hören wir auch von Weizen und Unkraut. Da heißt es: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.“

Der Gegenspieler des Himmelreiches

Wer ist dieser Feind? Verschiedene Gedanken kommen mir dazu. Er ist wie ein Gegenspieler des Himmelreiches. Er arbeitet in der Nacht im Verborgenen. Er will nicht gesehen und erkannt werden. Und er ist so listig und hinterhältig, dass man sein Tun gar nicht sofort erkennt. Erst sehr viel später wird deutlich, dass es auf dem Feld nicht nur Weizen gibt, sondern auch das Unkraut.  Fragen tauchen auf.
Warum gibt es keinen Acker auf dem nur das gute Getreide wächst? Warum wächst auf dem Feld auch das Unkraut? Warum gibt es keine Gemeinschaft der Christen, die nur auf Jesus ausgerichtet ist und die sich allen anderen Einflüssen verschließt? Warum gibt es unter Christen nicht nur die, die ausschließlich das Gute wollen. Warum entdecke ich auch in mir Verhaltensweisen, wo ich ausschließlich auf meinen eigenen Vorteil bedacht bin, ohne zu sehen, welche Wirkung sie für andere haben. 

„Es gibt Kräfte in uns, die uns vom Guten abbringen wollen.“

Wir erleben täglich Situationen, in denen wir unterscheiden und entscheiden müssen welchen Weg wir einschlagen. Es gibt die Kräfte in uns, die uns vom Guten abbringen wollen. Es gibt diesen Feind, von dem im Gleichnis die Rede ist. Der Blick in die Kirchengeschichte zeigt, wie viel Unrecht im Namen Gottes geschehen ist, um die wahre Lehre der Kirche zu verteidigen: die Kreuzzüge des Mittelalters, die Hexenprozesse, das grausame Vorgehen der Inquisition, Kirchenausschlüsse usw. Bis in die jüngste Zeit hinein gab es Schreib-, Rede-, und Berufsverbote für Menschen, die klar das ausgesprochen haben was sie als Wahrheit erkannt haben. Die Spannung zwischen dem, was als Weizen und was als Unkraut gesehen wird, zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte.

Und immer wieder gibt es Gruppen in der Kirche, die für sich beanspruchen im Recht zu sein und die wahre Gestalt der Kirche repräsentieren. Sie grenzen sich ab, entwickeln ein Eigenleben und im schlimmsten Fall kommt es zur Trennung. Die Knechte, von denen im Gleichnis die Rede ist, wundern sich auch über das Unkraut. Herr, hast du nicht guten Samen auf deine Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Sie gehen zum Gutsherrn und fragen, ob sie das Unkraut ausreißen sollen. 

Unterscheidung der Geister

Nein! Der Gutsherr sagt ein klares Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Reißt das Unkraut nicht aus. Macht das nicht zum Grundsatz eures Handelns sonst besteht die Gefahr, dass alles zugrunde geht. Und macht es auch nicht zum Grundsatz eures eigenen Lebens. Habt Geduld mit euren eigene Fehlern und Schwächen. Ertragt die Spannung. Es ist eine Gratwanderung. Es gibt keine Kirche, in der man nicht fallen kann, keine christliche Gemeinschaft, die mir das Heil dadurch schenkt, dass ich einfach zu ihr gehöre. Wie schön wäre es, wenn es in mir nur das geben würde was gut und heilig ist. Dann wäre ich aber in der Gefahr, an mich selber zu glauben und brauchte keinen anderen Halt mehr als den, den ich mir selber geben kann. Das ist mir aber dadurch verwehrt, dass ich beides in mir trage: den Weizen und das Unkraut.

Ignatius von Loyola, ein hervorragender Lehrer des geistlichen Lebens, hatte ein sehr feines Gespür für diese widerstreitenden Kräfte in unserem Inneren. Er hat sie beschrieben in seinen Regeln zur Unterscheidung der Geister. Es sind Regeln, die uns einzuladen, dem guten Geist zu folgen, der uns immer näher zu Gott führen will und den verdeckten Schlichen des bösen Geistes auf die Spur zu kommen, die uns vom rechten Weg abbringen wollen. Gewissensbisse sind ein Weg des guten Geistes. Sie sind wie eine innere Stimme, die uns auf dem Weg zu Gott weiterführen wollen. Dem bösen Geist dagegen ist es eigen, das eigene Ego in die Mitte zu stellen, immer auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, egal welche Wirkung das für andere hat.

Unser Gewissen ist im Alltag gefordert

Zwei Beispiele aus dem Alltag mögen dies verdeutlichen. Vor einiger Zeit habe ich in einem Kleidergeschäft eine schöne Stoffjacke gekauft. Ich habe bezahlt, hatte aber da schon das Gefühl, dass irgendwas mit der Rechnung nicht stimmt. Der Preis, den ich auf dem Etikett las, war höher. Aber nachdem es ja für mich nicht zum Nachteil war, bezahlte ich das geforderte Geld und ging meiner Wege. Aber es ließ mir keine Ruhe. Die eine Seite sagte: Ok, Du hast den Betrag bezahlt, der gefordert war. Alles andere ist nicht deine Sache. Die andere Stimme sagte: Du weißt ganz genau, dass auf dem Preisschild 199 Euro stand und nicht 99 Euro. Ich ging dann doch zurück in das Geschäft und sagte, dass ich die Vermutung habe, dass ich zu wenig für die Jacke bezahlt habe. Die Verkäuferin ist mir fast um den Hals gefallen, als sie sie mich kommen sah. Sie bestätigte, dass sie den falschen Betrag in die Kasse eingegeben hatte. Und sie erzählte, dass sie aus eigener Tasche die Differenz hätte zahlen müssen. Sie versprach einige Vater unser für mein Seelenheil zu beten. Ich habe die Jacke bis heute und ziehe sie immer noch gerne an.
Ein anderes Beispiel geht nicht so gut für mich aus. Beim Rausfahren aus einer Parklücke habe ich einen gelben Golf gestreift und eine Beule im vorderen rechten Kotflügel hinterlassen. Ich habe es wohl gesehen, wollte es aber nicht sehen und bin einfach weitergefahren. Warum hat er auch so nah an meinem Auto geparkt. Hätte er mehr Platz gelassen, hätte er die Beule jetzt nicht. Ich kann auch nichts dafür. Sein Problem. So viele Argumente fielen mir ein, die mein Verhalten rechtfertigten. Und übrigens, es war eh schon ein altes Auto, da kommt es auf eine Beule mehr oder weniger nicht an. An den Ärger des Autobesitzers mag ich gar nicht denken. Wie leicht wäre es gewesen, einen Zettel mit meinem Namen und meiner Telefonnummer zu hinterlassen.

Folge ich dem Weg, den Jesu uns gewiesen hat?

Jeden Tag bin ich vor die Wahl gestellt, welchem Weg ich folgen will. Folge ich dem Weg, den Jesus uns gewiesen hat; dem Weg, der das Wohlwollen des anderen im Blick hat oder bin ich nur auf meinen Vorteil und Gewinn bedacht, egal welche Auswirkungen das für den anderen hat.

Der Blick auf die Realität unserer Welt lässt einen fast erschaudern und daran zweifeln, ob es überhaupt noch Weizen gibt. Da geht es um brutale persönliche Bereicherung auf Kosten anderer, erbitterten Konkurrenzkampf multinationaler Konzerne, Missachtung der Rechte anderer Menschen, besonders von Frauen und Kindern, Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die die Umwelt nachhaltig schädigen. usw.
Aber es gibt auch die anderen Erfahrungen. Die Corona Krise macht deutlich, dass es unerwartet viel Hilfsbereitschaft gibt, besonders auch bei der jüngeren Generation. Viele engagieren sich und kaufen ein für die Großeltern und Nachbarn, so dass sie sich nicht der Gefahr der Ansteckung aussetzen müssen.  Ich kenne junge Menschen, die nach dem Abitur ein soziales Jahr in einem Entwicklungsland gemacht haben, was oft ihr Leben nachhaltig geprägt hat. Leider hört man von diesen guten Beispielen viel zu wenig.

„Die Aussonderung ist nicht die Sache des Menschen. Sie kommt allein Gott zu.“

Gott kann beides wachsen lassen. Hier geht es nicht um einen Laissez-faire Stil des Handelns, bei dem das Böse nicht ernst genommen wird. Der Feind ist der Feind. Alles Ausgrenzen und Aussortieren jedoch geht davon aus, dass wir selbst uns die Kompetenz anmaßen, über Gut und Böse, Richtig und Falsch entscheiden zu können.

Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Zwischen Saat und Ernte ist die Zeit des Wachsen Dürfens. Es ist die Zeit der immerwährenden Chance, auch für uns ganz persönlich. Gott hat unendlich viel Geduld mit uns und lädt auch uns dazu ein Geduld mit uns selbst zu haben. Wichtiger als der Blick auf das Unkraut ist das Vertrauen auf den Herrn, der auch dem Weizen sein Wachsen gewährt. Die Tatsache des Unkrauts bleibt.

Die Zeit der Trennung und Aussonderung kommt erst am Ende. Und, was ganz wichtig ist, die Aussonderung ist nicht die Sache des Menschen. Sie kommt allein Gott zu.

(radio vatikan - claudia kaminski)
 

18 Juli 2020, 09:18