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Eine Kirche im Schatten (Symbolbild) Eine Kirche im Schatten (Symbolbild) 

Portugal: „Es wird sehr wenig hinterfragt“

Eine Missbrauchsstudie zu kirchlichen Missbrauchsverbrechen hatte Anfang des Jahres in Portugal für Aufruhr gesorgt. Beim Weltjugendtag scheint das Thema – abgesehen vom privaten Papsttreffen mit Überlebenden am Mittwochabend – wenig sichtbar zu sein.

Christina Weise lebt und arbeitet als freie Journalistin in Portugal. Im Interview mit unserem Partnerradio Domradio Köln berichtete die Deutsche, dass die portugiesische Missbrauchsstudie Anfang des Jahres hohe Wellen geschlagen habe, „weil weder die Bevölkerung noch die Regierung erwartet hatten, dass die Zahlen so hoch sein werden“.

In Portugal soll es laut der im Februar vorgestellten Studie zwischen 1950 und 2022 mehr als 4.800 Fälle kirchlichen Missbrauchs gegeben haben. Eine Unabhängige Kommission (IC) sammelte Zeugenaussagen und stufte 512 dieser Aussagen als glaubwürdig ein. Aus ihnen lasse sich ein „viel umfangreicheres“ Opfernetzwerk ableiten, so Koordinator Pedro Strecht, ein portugiesischer Kinderneuropsychiater. Die Übergriffe hatten vor allem in katholischen Seminaren, Heimen, Schulen oder Sporteinrichtungen stattgefunden. Das Durchschnittsalter der Opfer lag bei knapp elf Jahren; in 77 Prozent der Fälle waren Priester die Täter.

Weise ordnet die Studie ein:

„Es sind sehr viele Fälle, gerade für ein kleines Land im Vergleich zu Deutschland. Und das sind auch nur die wirklich absolut bestätigten Fälle. Das heißt, die Dunkelziffer ist sehr groß. Es gibt noch viele weitere Fälle. Und die meisten, die sich gemeldet haben, sind aus den 1950er, 1960er und 1970er-Jahren. Die sind nicht von heute, die sind nicht aktuell.“

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Betroffene erinnern beim WJT an die Opferzahlen

Auf das Ausmaß verwies am Mittwoch im Kontext des Weltjugendtages die Betroffenengruppe „This is our memoria“, die an einer der belebtesten Straßen Lissabons eine große Plakatwand errichtete. Darauf stand: „4.800+ von der katholischen Kirche in Portugal missbrauchte Kinder #WYT #JMJ“. Daneben waren 4.815 Punkte zu sehen, die jedes einzelne Opfer repräsentieren sollten.

„Es gab die Ankündigung, dass während des Weltjugendtages ein großes Denkmal der Missbrauchsopfer eingeweiht werden soll, um zu sagen: Wir sehen euch und es ist ein Thema. Da wurde jetzt vor ein paar Tagen gesagt: Das wird nicht passieren. Das Denkmal sei noch nicht fertig“, berichtete Weise über die Absage der Bischöfe. Das habe zu Kritik von Opfergruppen und Verbänden geführt. Mehr als ein Mahnmal wünschten sie sich allerdings eine gründliche Aufarbeitung, so die in Portugal lebende Journalistin.

Keine finanziellen Entschädigungen

Als Reaktion auf den Missbrauchsbericht hatte Portugals Bischofskonferenz ein Komitee eingerichtet, an das sich Opfer von Missbrauch wenden können. Sie versprachen weitere Aufarbeitung und „spirituelle, psychologische und psychiatrische“ Unterstützung für die Überlebenden. Finanzielle Entschädigungen lehnten die portugiesischen Bischöfe im März allerdings mit der Begründung ab, es handele sich um individuelle Straftaten. Am 20. April führten sie einen nationalen Gebetstag für die Opfer von sexuellem Missbrauch, Machtmissbrauch und Gewissensmissbrauch in der Kirche durch. 

Anders als etwa in Deutschland hätten die Missbrauchsfälle in Portugal bislang zu keiner Austrittswelle aus der Kirche geführt, so Christina Weise über Reaktionen im Kirchenvolk.

„Es gab schon auch viele, die gesagt haben: Ja, das ist passiert, das ist aber auch in anderen Ländern passiert; wir machen weiter. Es ist schwierig, das beispielsweise mit Deutschland oder auch Frankreich zu vergleichen, weil die portugiesische Bevölkerung sehr ruhig ist. Bis hier jemand auf die Straße geht, bis es hier Revolte gibt, bis jemand laut wird und es Proteste gibt, das dauert sehr lange. Auch was dieses Thema angeht. Das heißt, es ist ein Thema, es wird darüber gesprochen, aber es wird nicht richtig auf den Tisch gehauen und es werden keine Forderungen aufgestellt, sondern es ist dann eher ein passiver und ruhigerer Protest.“

Viel aushalten

Die Kirche in Portugal beschreibt die Journalistin als sehr lebendig und aktiv - gerade in kleineren Orten und ländlichen Gemeinden. Auch gebe es viele katholische Organisationen, Pfadfinder-Gruppen, und auch in Schulen werde der Glaube gelebt. Allerdings würde sie sich im Raum der Kirche mehr Problembewusstsein und Selbstkritik wünschen, fügte sie hinzu, die katholische Bevölkerung in Portugal sei auch eine unkritische katholische Bevölkerung".

Es wird sehr wenig hinterfragt. Und sie sind, ich sage das jetzt mit einem deutschen Blick, sehr obrigkeitshörig insgesamt. Kritik wird nicht unbedingt gerne gesehen, wird auch nicht gerne geäußert. Wer kritisiert, stellt sich in den Mittelpunkt. Es wird viel ausgehalten. Teilweise ist man auch ein bisschen stolz darauf, dass man viel aushalten kann als Volk. Es ist eine andere Kultur und ein anderer Umgang mit Schwierigkeiten, als wir das machen oder angehen würden.“

(podcast himmelklar domradio köln / vatican news - pr mit Material von Renardo Schlegelmilch)

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03. August 2023, 14:24