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ELN-Chefunterhändler Pablo Beltran mit Venezuelas Vize-Präsidentin Delcy Rodriguez beim Start der Verhandlungen in Caracas ELN-Chefunterhändler Pablo Beltran mit Venezuelas Vize-Präsidentin Delcy Rodriguez beim Start der Verhandlungen in Caracas  (AFP or licensors)

Kolumbien: Verhandlungen mit ELN-Guerilla

Es ist die vierte und möglicherweise entscheidende Verhandlungsrunde: Seit dem 14. August finden in Venezuela Gespräche zwischen Unterhändlern der kolumbianischen Regierung und der „Nationalen Befreiungsarmee“, also der ELN-Guerilla statt. Das Ziel: einen Schlusspunkt zu setzen hinter fünfzig Jahre Kämpfe.

Die ELN ist die größte und wichtigste bewaffnete Gruppe, die nach dem Friedensabkommen von 2016 zwischen der Regierung und den Farc-Rebellen immer noch in Kolumbien aktiv ist. Die Gespräche in Caracas sollen bis zum 4. September dauern, Garanten sind unter anderem die Vereinten Nationen und die kolumbianische Kirche. Gleichzeitig läuft ein sechsmonatiger Waffenstillstand, der Anfang August letzten Jahres begann.

„Zunächst einmal ist es wichtig zu betonen, dass die ELN zum ersten Mal ein solches Abkommen über einen bilateralen Waffenstillstand bis Januar nächsten Jahres unterzeichnet hat. Damit gibt es einen rechtlichen, politischen und praktischen Rahmen für diese Verhandlungen.“ Das sagt der Lateinamerika-Experte der römischenBasisgemeinschaft Sant’Egidio, Gianni La Bella, in unserem Interview.

Präsident Petro
Präsident Petro

Das Traumprojekt des Präsidenten

„Der Dialog ist Teil eines Traumprojekts der neuen Regierung von Gustavo Petro: Der Präsident wünscht sich einen integralen oder totalen Frieden für Kolumbien. Die Themen, die auf der Tagesordnung stehen, sind die üblichen, d.h. es geht darum, eine gemeinsame Basis für eine Einigung in einer Reihe von Fragen zu finden, die von der Agrarreform bis zum Problem von institutionellen Reformen reichen.“

In Havanna, der kubanischen Hauptstadt, sind die Verhandlungen von Petro und dem ELN-Kommandeur Antonio Garcia persönlich auf die Schiene gesetzt worden. Petro ist selbst ein Ex-Guerillero – und der erste sozialistische Präsident Kolumbiens seit Menschengedenken. Allerdings kommen die Verhandlungen mit der ELN zu einem sehr heiklen Zeitpunkt für das politische Leben Kolumbiens.

Demo in Bogotà nach einem ELN-Anschlag von 2019
Demo in Bogotà nach einem ELN-Anschlag von 2019

Nicht die letzte aktive Guerilla-Gruppe

„Denn es gibt noch ungeklärte Skandale rund um Geld aus illegalen Quellen im Wahlkampf des Präsidenten, und das sorgt für ein Klima großer Unruhe im Land. Das soll allerdings nicht heißen, dass diese Gespräche mit der ELN nicht in die richtige Richtung gehen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die vor kurzem erfolgte Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Kolumbien und Venezuela. Denn Venezuela ist ein Land, das einen günstigen Einfluss auf die ELN ausübt.“

Hoffnungen auf einen Frieden für Kolumbien - ein Experte analysiert für Radio Vatikan die Verhandlungen der Regierung mit der ELN-Guerilla

Die ELN ist in den 1960er Jahren entstanden, inspiriert von der kubanischen Revolution. Der Verband mit geschätzt etwa fünftausend Kämpfern ist allerdings nicht der letzte Punkt auf der Strichliste von Präsident Petro: Um wirklich Frieden im Land herzustellen, muss er auch noch mit einer Abspaltung der Farc-Rebellen reden, die die Friedensabkommen mit Präsident Santos nicht unterzeichnet hat und circa dreitausend Mann zählt. Und dann wäre da noch der „Golf-Clan“, in dem ehemalige Paramilitärs und Drogenhändler zusammengeschlossen sind.

Nach einem Attentat von Farc-Abtrünnigen in Timba, am 13. August
Nach einem Attentat von Farc-Abtrünnigen in Timba, am 13. August

Etwas wackliger Waffenstillstand

Zum Start des Waffenstillstands hat sich die ELN verpflichtet, die kolumbianische Armee und Polizei nicht anzugreifen. Zuvor war die Guerilla in den letzten Monaten beschuldigt worden, drei Polizisten an der venezolanischen Grenze getötet, einen Offizier und seine beiden Söhne entführt und mehrere Bombenanschläge im Land verübt zu haben. Trotz der Feuerpause ist es zu einer Reihe kleinerer lokaler Zwischenfälle gekommen.

„Aber das passiert in solchen Situationen immer. Es handelt sich um eine Guerillagruppe, die vor mehr als 50 Jahren entstanden ist und intern, so könnte man sagen, in zwei Generationen gespalten ist: die ältere Gruppe, zu der der Chef-Unterhändler gehört, und das, was man als zweite oder dritte Generation bezeichnen könnte. Zwischen diesen beiden Generationen gibt es kein gemeinsames Gefühl in Bezug auf die Verhandlungspolitik. Die ältere Generation will unbedingt, dass diese Verhandlungen weitergehen; die jüngere Generation steht der Regierung sehr viel kritischer gegenüber und fürchtet, dass bei den Verhandlungen Ergebnisse herauskommen, die nicht mit ihren Vorstellungen übereinstimmen.“

Präsident Petro und ELN-Führer Beltran Anfang August beim Start des Waffenstillstands
Präsident Petro und ELN-Führer Beltran Anfang August beim Start des Waffenstillstands

Die Sache mit den Drogen

Einer der heikelsten Aspekte der Gespräche wird das Thema Drogen sein. Viele Mitglieder der ELN-Guerilla werden beschuldigt, sich durch Drogenhandel zu finanzieren, und die Regierung fürchtet, dass die alte Garde, die sich eher für die politischen Aspekte interessiert, nicht in der Lage ist, in dieser Hinsicht die jüngere Generation zu kontrollieren.

„Kolumbien ist ein Land, das territorial in große Gebiete aufgeteilt ist, die untereinander sehr autonom handeln. Die Führung der ELN hat große Schwierigkeiten, mit den verschiedenen Segmenten dieser Bewegung in Kontakt zu bleiben. Das macht es auch schwieriger, zu einer gemeinsamen Politik zu gelangen…“

(vatican news – sk)

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18. August 2023, 10:36