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Zerbrochene Fenster in einem Geschäftsgebäude in Khartoum Zerbrochene Fenster in einem Geschäftsgebäude in Khartoum  (AFP or licensors)

Sudan: „Ende des Konfliktes wohl nur durch Sieg einer Seite möglich“

Die andauernden Kämpfe im Sudan können wohl nicht durch Dialog, sondern nur durch den eindeutigen Sieg einer der beiden Konfliktparteien gelöst werden. Diese pessimistische Einschätzung der Lage teilt ein Missionar im Land mit Radio Vatikan. Unterdessen werden weltweit die Rufe nach einer Waffenruhe lauter.

„Im Moment kommt es zu einer heftigen Konfrontation zwischen der regulären Armee und den paramilitärischen Kräften, den so genannten Rapid Support Forces, bei der sehr schwere Waffen eingesetzt werden“, berichtet uns ein Missionar mit Sitz im Sudan, der nicht namentlich genannt werden will, von der aktuellen Lage vor Ort. „Am heftigsten sind die Auseinandersetzungen in Khartum, vor allem in der Nähe des Präsidentenpalastes, des Armeehauptquartiers und des Flughafens, der sich neben dem Armeehauptquartier befindet. In diesen Gebieten sind die Schießereien sehr heftig und dauern seit Samstag, dem 15. April, an, ohne dass es zu einer wirklichen Feuerpause gekommen wäre.“

Dabei wäre diese dringend nötig, denn zahlreiche Menschen sitzen seit dem Beginn der Auseinandersetzungen nicht nur in ihren Wohnungen, sondern auch an ihren Arbeitsplätzen in Khartum fest, teils ohne Strom und Wasser. Hoffnungen ruhen nun international auf einer dreitägigen Waffenruhe zum Ende des Fastenmonats Ramadan an diesem Freitag.

Zerstörte Hubschrauber auf der Jebel Awliya Airbase im Süden von Khartum
Zerstörte Hubschrauber auf der Jebel Awliya Airbase im Süden von Khartum

Menschen hängen teils am Arbeitsplatz fest

„Das muss der erste Schritt sein, eine Atempause von den Kämpfen zu verschaffen und einer anhaltenden Waffenruhe den Weg zu ebnen“, erklärte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres am Donnerstag (Ortszeit) in New York. Das Ende des Ramadan wäre eine „überzeugende Gelegenheit für die Armee- und Paramilitärführer, den Krieg zu stoppen, eingeschlossenen Zivilisten eine Pause und Vermittlern die Chance zu geben, nach Khartum zu fliegen, um Gespräche aufzunehmen“, hatte in der Nacht zu Freitag auch die International Crisis Group mitgeteilt. Die Denkfabrik warnte Sudans Nachbarländer und Verbündete davor, sich in dem Konflikt auf eine Seite zu schlagen. Stattdessen brauche es Vermittlungen: „Wenn dieser Konflikt nicht gestoppt wird, könnte er in einen verheerenden Bürgerkrieg übergehen.“

Tatsächlich hatten sich die Konfliktparteien unter internationaler Vermittlung bereit erklärt, ab diesem Freitag eine 72-stündige Feuerpause einzuhalten. Allerdings hielt sie nur wenige Stunden.

Zerbrochene Scheiben an einem Wohnhaus in Khartum
Zerbrochene Scheiben an einem Wohnhaus in Khartum

Waffenruhen werden sofort gebrochen

„In anderen Städten des Sudan ist der Konflikt weit weniger intensiv“, erzählt der Missionar weiter. „Hier und da kommt es zu Zwischenfällen. Eine davon war gestern in El Obeid, wo eine Rakete auf dem Gelände der katholischen Kathedrale einschlug und das Gebäude beschädigte, aber Gott sei Dank nicht die Menschen. Auch in anderen Städten kommt es zu Schießereien, die aber bei weitem nicht so heftig sind wie in Khartum.“

Als Beispiel nennt der Missionar Omdurman, die Stadt auf der anderen Seite des Flusses praktisch gegenüber von Khartum. Dort sei zwar das Leben nicht wieder normal, doch zumindest seien die Geschäfte offen und eine Versorgung mit dem Nötigsten sichergestellt. Die Menschen in Khartoum warteten indessen weiter auf eine belastbare Feuerpause, für die es derzeit jedoch keine Anzeichen gebe.

„Im Moment warten die Menschen nur darauf, dass sich eine der beiden Gruppen durchsetzt und die Macht übernimmt“

„Ehrlich gesagt gibt es keine wirkliche Hoffnung auf eine Vermittlung zwischen den beiden Gruppen. Im Moment warten die Menschen nur darauf, dass sich eine der beiden Gruppen durchsetzt und die Macht übernimmt. Aber es scheint, dass wir über den Punkt des Dialogs hinaus sind, und das ist bedauerlich,“ so die resignierte Einschätzung des Missionars.

Er weist darauf hin, dass die katholische Kirche – wie auch die anderen Kirchen im Land – kaum Voraussetzungen mitbringe, als Vermittler in den Konflikt aufzutreten: „Denn die institutionelle Kirche hat sich immer aus dem Diskurs herausgehalten, sowohl bei der Revolution, die Omar al Bashir stürzte, als auch bei dem, was danach kam, also dem politischen Kampf und der Konfrontation zwischen den Parteien und der Zivilbevölkerung und dem Militär. Die Kirche hat sich immer rausgehalten, und es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass die Kirche jetzt vermitteln kann.“

Ähnlich skeptisch zeigt er sich auch dahingehend, dass die Friedensbotschaft von Franziskus, die im Juli im Südsudan widerhallte, im Sudan Wirkung zeitigen könnte:

„Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber auch die Reise von Papst Franziskus nach Juba war sicherlich eine großartige Botschaft für die Bevölkerung des Südsudan, aber sie war kein Ereignis, das das Leben des Sudan berührt hat“, meint denn auch der Missionar aus dem Sudan. „Der Sudan ist ein Land, in dem die Christen vielleicht zwei oder drei Prozent der Bevölkerung ausmachen“, erläutert er weiter. „Ein größerer Teil der Christen kommt aus dem Südsudan, aber sie haben hier im Sudan keine Stimme, weil sie hier keine Bürger mehr sind. Es ist also schade, dass eine Botschaft wie die von Papst Franziskus in Juba in Khartum nicht gehört wird, aber so sehe ich das.“

Menschen stehen in Khartum an einer Bäckerei Schlange
Menschen stehen in Khartum an einer Bäckerei Schlange

Humanitäre Lage verschlechtert sich stetig

Seit Ausbruch der Kämpfe am vergangenen Samstag verschlechtert sich die humanitäre Lage immer weiter. Millionen Sudanesen verschanzen sich vor Luft- und Bodengeschossen in ihren Wohnungen, oft ohne Zugang zu Wasser, Strom und Nahrung. In der Hauptstadt Khartum musste ein Großteil der Krankenhäuser laut einer einheimischen Ärztevereinigung den Betrieb einstellen; Medikamente seien knapp. Mehr als 300 Personen kamen bislang bei den Gefechten zwischen Armee und Paramilitärs ums Leben. Zwischen 10.000 und 20.000 Menschen flohen den Vereinten Nationen zufolge in den benachbarten Tschad.

Zahlreiche Hilfsorganisationen appellieren in diesen Tagen eindringlich für eine Waffenruhe, die die erste Bedingung dafür sei, den eingeschlossenen Zivilisten helfen zu können. Wasser, Strom und Medikamente würden knapp, so die einhellige Warnung. Krankenhäuser seien am Limit. Besonders im Osten des Landes ist die medizinische Versorgung laut Ärzte ohne Grenzen kritisch. Einzig ein Krankenhaus in der Stadt El Fasher nehme noch Verletzte auf. Die medizinischen Vorräte gingen angesichts des hohen Patientenaufkommens zur Neige - etwa Blut für Transfusionen. Nachschub und Operationsteams könnten nicht eingeflogen werden, weil der Flughafen seit Samstag geschlossen sei.

Handfeste wirtschaftliche Interessen und Machtpolitik

Der Sudan ist nach Algerien und dem Kongo der drittgrößte Staat Afrikas. Angesichts der immer wiederkehrenden Gewalt und zahlreicher Konflikte mussten bereits 3,7 Millionen Menschen ihre Städte und Dörfer verlassen. Zudem benötige jeder dritte Sudanese nach Angabe der UNO humanitäre Hilfe. Jeder fünfte Einwohner leidet Hunger.

Dabei stehen handfeste wirtschaftliche Interessen im Mittelpunkt der immer wieder aufflammenden Konflikte. Während die offizielle Armee unter dem Kommando von Burhan, dem Präsidenten des Souveränen Übergangsrates, einen Großteil der Wirtschaftstätigkeit des Landes kontrolliert, haben die paramilitärischen Milizen der RSF unter dem Befehl seines Rivalen Mohamed Hamdan Dagalo mehrere Goldminen in ihrer Hand, eine davon sogar gemeinsam mit russischen Söldnern der Firma Wagner. Dagalo unterhält enge Beziehungen zu Moskau, während der größte Handelspartner des Sudan nach wie vor China ist.

Beiden lag schon seit dem gemeinsamen Putsch 2021 eine ernsthafte Zusammenarbeit kaum am Herzen, vielmehr reduzierte diese sich auf das Interesse, Zivilisten von der Macht zu verdrängen. Der eigentliche Dissens zwischen den beiden Kämpfern hat seine Wurzel in der geplanten Unterzeichnung des Abkommens zur Einleitung des politischen Prozesses ging. Dieses eigentlich für Anfang April geplante gemeinsame Dokument sollte die Macht im Sudan wieder in die Hände von Zivilisten legen.

(vatican news/kap - cs)

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21. April 2023, 12:55