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Die Caritas hilft in den Gebieten, die vom Erdbeben betroffen sind Die Caritas hilft in den Gebieten, die vom Erdbeben betroffen sind 

Türkei nach dem Erdbeben: Solidarität und Wut über Baumängel

Einen Monat nach dem schweren Erdbeben, das die Türkei und Syrien getroffen und insgesamt knapp 53.000 Tote mit sich brachte, bestimmen wieder andere Themen die Schlagzeilen. Für die Menschen vor Ort wird der Schmerz mit der Zeit nur größer, sagt Haddad Nuran von der Fokolarbewegung im Interview mit Radio Vatikan.

Adriana Masotti und Christine Seuss - Vatikanstadt

Haddad Nuran lebt heute in Istanbul, doch zuvor war sie für rund 40 Jahre in der Gegend von Antakya, dem antiken Antiochia, das nahezu vollständig vom Beben zerstört wurde. „Es ist ein großer Schmerz, und ich würde sagen, dass er mit der Zeit noch größer wird“, meint sie im Gespräch mit Radio Vatikan. „Vor allem, weil immer noch Tote unter den Trümmern geborgen werden. Bis heute sind wir bei etwa 46.000 türkischen Opfern angelangt, aber leider wird diese Zahl weiter steigen“.

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In Antakya und Iskanderun gab es besonders schlimme Schäden
In Antakya und Iskanderun gab es besonders schlimme Schäden

Immer wieder erfahre man über die Medien von der schwierigen Lage einzelner Familien oder von Menschen, die völlig allein gelassen wurden. Auch verwaiste Kinder müssten ohne die Unterstützung ihrer Familien mit den äußerst schwierigen Lebensbedingungen zurechtkommen.

„Das macht den Schmerz noch größer. Es wird viele Jahre dauern, und auch wir befürchten, dass sich die Aufmerksamkeit der Medien, sobald diese erste große Hilfswelle vorüber ist, woanders hin wenden wird. Wir wollen nicht vergessen werden.“

„Wir wollen nicht vergessen werden“

Zwar hätten viele Menschen ihre normalen Aktivitäten wieder aufgenommen, doch werde die Türkei immer noch von Beben getroffen, mehr als 13.000 Erschütterungen unterschiedlicher Stärke seien mittlerweile registriert worden, berichtet Haddad Nuran.

„Viele Menschen sind immer noch sehr verängstigt. In der Stadt wurden Bereiche mit Zelten eingerichtet, aber es ist unmöglich, alle diese Bereiche zu erreichen. Viele sind zu Verwandten in anderen Teilen der Türkei gegangen. Vielen Menschen fehlt es an den nötigsten Dingen, in mehreren Gebieten gibt es immer noch kein Wasser und keinen Strom. Wo es möglich ist, kehrt allmählich die Normalität zurück, Büros und Geschäfte werden geöffnet. Aber die Schulen sind geschlossen, auch das ist ein ernstes Problem.“

Der Wiederaufbau wird lange dauern
Der Wiederaufbau wird lange dauern

Langsame Öffnung, Schulen geschlossen

Die internationale Hilfe, die direkt nach dem Beben angelaufen war, sei außerordentlich und für die Menschen vor Ort unglaublich wichtig gewesen, erläutert Haddad Nuran die Empfindungen der Betroffenen. „Sie haben das Gefühl, dass ihnen aus der ganzen Welt geholfen wird, und auch die Bürokratie hat ihnen geholfen. Es muss aber gesagt werden, dass die ersten Hilfsaktionen, gerade um die noch Lebenden aus den Trümmern zu holen, nur langsam vorankamen. In einigen Gebieten, zum Beispiel in Antalya, wartete man mehrere Tage.“

Viele Häuser wurden entgegen der geltenden Regeln nicht erdbebensicher gebaut
Viele Häuser wurden entgegen der geltenden Regeln nicht erdbebensicher gebaut

Das Beben habe ein enorm großes Gebiet betroffen und die zu leistende Hilfe habe alles übertroffen, was man zuvor erlebt habe. Überall in der Bevölkerung herrsche große Solidarität, und zahlreiche Organisationen, darunter auch die Fokolarbewegung, organisierten die Hilfslieferungen bestmöglich, berichtet Haddad Nuran. Allerdings herrsche in großen Teilen der Bevölkerung auch Wut darüber, dass sich bei den Überprüfungen der beschädigten Häuser herausgestellt habe, dass nur ein Bruchteil nach den in der Türkei geltenden erdbebensicheren Standards gebaut worden sei.

„Es gibt auch viel Glauben und viel Solidarität in der Bevölkerung. Das ist eine wunderbare Sache. Die große Frage für viele ist: Bleiben oder gehen. Trotz der Versprechungen der Behörden scheint es nicht möglich zu sein, in relativ kurzer Zeit wieder ein normales Leben zu führen.“

„Die große Frage für viele ist: Bleiben oder gehen“

Zwar sei die Kirche zahlenmäßig klein, aber sehr lebendig und bemüht, allen zu helfen, berichtet Haddad Nuran. So gebe es viele Beispiele von Kirchen, die selbst zu Notunterkünften oder zu zentralen Sammel- und Ausgabestellen für Hilfsgüter geworden seien. „Leider ist in der Stadt Antiochia, von der wir aus der Apostelgeschichte wissen, dass wir den Namen Christen erhalten haben, niemand mehr übrig. Alle sind weg, sogar die Kapuzinerpatres. Nach 15 Tagen, in denen sie die Begräbnisse feierten, waren sie gezwungen, abzureisen. In Iskanderun, wo sich der Sitz des Bistums der lateinisch-katholischen Kirche befindet, ist die Kathedrale eingestürzt, doch zum Glück sind noch einige Räume zugänglich. Dort konzentriert sich die örtliche Caritas-Hilfsorganisation, bietet Mahlzeiten an und verteilt die eintreffenden Hilfsgüter. Sie haben auch versucht, einige Räume zu öffnen, damit die Kinder dort lernen können. Dann ist da noch die Nähe, das Zuhören, die moralische Unterstützung. Das ist sehr wichtig. Man tut, was man kann. Man erlebt eine große Harmonie in der bunten Realität der Türkei, in ihrer kulturellen und religiösen Vielfalt. Und das gibt Hoffnung und Mut.“

(vatican news)

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06. März 2023, 14:54