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Dürren sind ein verstärkender Faktor Dürren sind ein verstärkender Faktor 

Bischof zu Hungersnot in Somalia: Noch schlimmer, als befürchtet

Hunger sei „ein immer wiederkehrendes Drama in Somalia", beklagt der Bischof von Dschibuti und Apostolische Administrator von Mogadischu, Giorgio Bertin, im Interview mit uns. Dürre und Terrorismus haben die Lage weiter verschlimmert. Auch das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnt vor einer verheerenden Hungersnot in Somalia: Mehr als einer halben Million Kindern drohe ohne sofortige Hilfe der Hungertod, sagte der Unicef-Geschäftsführer Deutschland Christian Schneider diesen Freitag.

Francesca Sabatinelli, Andrea De Angeli und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Schneider äußerte sich in der „Augsburger Allgemeinen". Die Menschen in Somalia könnten nicht warten, dass für internationale Hilfen eine offizielle Hungersnot ausgerufen wird. Es handele sich um die „schlimmste Dürre am Horn von Afrika seit 40 Jahren". Steigende Lebensmittelpreise und Instabilität hätten sich zu einem „Sturm zusammengebraut", so der UNICF Sprecher. Ganz ähnlich sieht das auch der Bischof von Dschibuti und Apostolische Administrator von Mogadischu, Giorgio Bertin. Der Kirchenmann war im August persönlich mit Mitarbeitern der Caritas in Mogadischu, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen:

„Es ist eine extrem verzweifelte Lage für viele Menschen, insbesondere für die Ärmsten und Schwächsten. Und zu den am meisten gefährdeten Personen gehören auch die Kinder“

„Wir wollten mit den Helfern vor Ort sprechen und haben auch den Sonderbeauftragten Somalias getroffen, der eine Antwort auf den Hunger finden soll. Die Hungersnot war bekannt, und Caritas Somalia war schon seit April aktiv. Aber je länger die Lage anhielt, desto schlimmer wurde es, und die Lage war dann noch viel katastrophaler, als wir uns vorgestellt hatten. Es ist ein Drama, das in Somalia immer wieder vorkommt: Alle acht, zehn Jahre haben wir Krisen, die mit Dürre und dann mit Hungersnot verbunden sind. Ich habe selbst vier solcher Jahre miterlebt und kann noch nicht mal sagen, ob es jetzt schlimmer ist als etwa 1991. Aber es geht nicht darum, ob es jetzt noch schlimmer ist. Fakt ist: Es ist eine extrem verzweifelte Lage für viele Menschen, insbesondere für die Ärmsten und Schwächsten. Und zu den am meisten gefährdeten Personen gehören auch die Kinder“, berichtet Bischof Bertin im Interview mit Radio Vatikan.

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Jede Minute ein unterernährtes Kind 

Im August musste in Somalia laut Unicef jede Minute ein Kind wegen akuter Unterernährung behandelt werden. Allein in den ersten sieben Monaten 2022 hat Unicef nach eigenen Angaben 730 Todesfälle schwer mangelernährter Kinder in stationärer Behandlung gezählt. Die tatsächliche Zahl sei vermutlich viel höher. Laut Unicef findet die Not in Somalia aber angesichts der globalen Krisenlage kaum Gehör. Teil des dramatischen Szenarios im Land ist neben den weltweiten Krisen, die auch dazu beitragen, den Hunger in Somalia zu verschärfen, nach wie vor auch die Frage der Sicherheit vor Ort:

„Gruppen wie Al Shabaab machen den somalischen Bürgern, aber auch denjenigen, die den Menschen helfen wollen, das Leben extrem schwer“

„Die staatlichen Institutionen, die wieder aufleben, sind noch nicht in der Lage, mit der Situation fertig zu werden. Hinzu kommt, dass islamische Fundamentalisten gegen die derzeitigen staatlichen Institutionen vorgehen: Gruppen wie Al Shabaab machen den somalischen Bürgern, aber auch denjenigen, die den Menschen helfen wollen, das Leben extrem schwer", erklärt Bischof Bertin. 

Hilfe ist kompliziert

Die Bevölkerung flieht daher in größere Städte, die entweder, wie Mogadischu, von der föderalen Exekutive oder von lokalen Regierungen verwaltet werden. Dort gibt es dann verschiedene Flüchtlingslager. Zu einigen von ihnen haben lokale Behörden aber auch Einrichtungen der internationalen Gemeinschaft, verschiedene humanitäre Organisationen wie die UN und die Caritas, Zugang - doch oftmals ist auch das kompliziert:

„Um zu den am stärksten von der Hungersnot betroffenen Menschen zu kommen, müssten wir quasi mit einer kleinen Armee ausrücken“

„Das große Drama ist auch, dass für den Zugang zu den Vertriebenen und Armen gewisse Sicherheitsmaßnahmen nötig sind, die wir oft nicht haben. Um zu den am stärksten von der Hungersnot betroffenen Menschen zu kommen, müssten wir quasi mit einer kleinen Armee ausrücken. Außerdem sind wir auf lokale Vermittlungen angewiesen. Wir sind oft auch gezwungen, sofern irgend möglich, aus der Ferne eingreifen auch über Beratungen per Computer. Es ist ein Drama und besonders schwierig für Ausländer: Sie ziehen besonders die Blicke derjenigen auf sich, die nicht wollen, dass die internationale Gemeinschaft eingreift oder die die Intervention humanitärer Helfer als Gelegenheit sehen, sich selbst zu bereichern oder die neu entstehenden staatlichen Institutionen weiter zu schwächen".

Bischof Bertin kennt das aus eigener Erfahrung: Im Gespräch mit Radio Vatikan erzählt er, dass es bei seinem jüngsten Besuch in Mogadischu nur möglich war, vom Flughafen ins Zentrum zu kommen, weil er und weitere Helfer einen Schutztrupp von rund 20 bewaffneten Leuten gestellt bekommen hatten. 

(vatican news/diverse -sst) 

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21. Oktober 2022, 08:08