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Vatican News
Demonstration von Angehörigen der gefangenen Asow-Kämpfer in Kiew am Donnerstag Demonstration von Angehörigen der gefangenen Asow-Kämpfer in Kiew am Donnerstag  (AFP or licensors)

Caritas warnt vor dramatischem Winter in der Ukraine

Die österreichische Caritas warnt vor dramatischen Auswirkungen des kommenden Winters in der Ukraine. Millionen von Menschen hätten keinen Zugang zu lebenswichtigen Gütern wie Wasser, Strom und Gas sowie Gesundheitseinrichtungen.

„Es muss rechtzeitig vor dem Winter begonnen werden, gefährdete Bevölkerungsgruppen vor der Kälte zu schützen“, warnte Caritas-Auslandshilfechef Andreas Knapp am Donnerstag im Interview mit der Nachrichtenagentur kathpress.

Knapp hält sich derzeit im westukrainischen Lemberg auf. Seit Montag ist er mit einem österreicchischen Caritas-Team in der Ukraine unterwegs, um sich ein aktuelles Bild von der Lage zu machen und weitere Unterstützungsmöglichkeiten für die Partnerorganisationen vor Ort zu sondieren. Stationen waren bereits die Hauptstadt Kiew und ihre Vororte Butscha und Irpin. „Wir sehen hier in der Ukraine, in Kiew, in Irpin, in Butscha oder auch in Lemberg: Die Hilfe kommt an. Wir sehen aber auch: Sie wird weiterhin dringend notwendig sein; gerade im Hinblick auf den nahenden Winter“, so Knapp.

Butscha, im Juni 2022
Butscha, im Juni 2022

Unterkünfte winterfest machen

Aktuell liege der Fokus der Caritas und anderer Hilfsorganisationen darauf, Unterkünfte winterfest zu machen. Der Grad der Zerstörung sei in vielen Gegenden hoch: „Es müssen in sehr kurzer Zeit viele Gebäude so weit repariert werden, dass zumindest ein oder zwei Räume beheizt werden können. Also es braucht intakte Dächer und Fenster“, so Knapp. Andernfalls könnten die Menschen den Winter nur schwer überleben. Das erfordere eine massive Kraftanstrengung. Die Caritas arbeitet hier auch eng mit der Regierung zusammen.

„Auch die Psyche leidet schwer“

Die zweite große längerfristige Herausforderung ist laut Knapp die psychosoziale Unterstützung. Stress und kriegsbedingte Traumata würden immer mehr zum Problem. Die Angriffe hielten an; vor allem in der Ostukraine, aber auch in vielen anderen Regionen gebe es täglich Luftangriffe. Die dramatischen Erlebnisse, die damit einhergehen, würden die Menschen enorm belasten.

Laut Schätzungen des ukrainischen Gesundheitsministeriums sind 15 Millionen Menschen betroffen. Knapp: „Unsere Caritas-Kollegen vor Ort berichten uns von extrem traumatisierenden Erlebnissen. Tausende Menschen mussten ihr Leben lassen. Familien werden auf brutale Art und Weise auseinandergerissen. Dazu kommt, dass es hier an Erfahrung mit dem Umgang derartiger Traumata fehlt.“ Deshalb wolle sich die Caritas auch im psychosozialen Bereich besonders engagieren.

In einem Vorort von Kiew im April
In einem Vorort von Kiew im April

Heimkehrer müssen versorgt werden

Hinschauen müsse man auch, wenn es um die Rückkehr geflüchteter Menschen in die Ukraine geht, so Knapp: „Trotz Zuspitzung der Situation und anhaltender Kämpfe ist es eine Tatsache, dass Menschen in ihre Heimat zurückkehren. Auch in den nicht unmittelbar umkämpften Gebieten ist das teilweise eine Herausforderung - vor allem für die Unterbringung und die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern. Die Ressourcen sind extrem knapp, die humanitäre Lage vielerorts katastrophal.“

Auch die Betreuung älterer oder alleinstehender, kranker Menschen sei eine enorme Herausforderung. „Hier leisten die Caritas-Mitarbeiter, vor allem im Osten des Landes, jetzt schon schier Unmenschliches“, sagte Knapp. Nachdem vor allem junge Frauen und Kinder das Land verlassen haben, seien gerade in den ländlichen Gebieten zurückgelassene, ältere Menschen stark auf diese Hilfe angewiesen.

Zu jenen Gebieten, die von den Russen besetzt sind, habe die Caritas leider keinen Zugriff mehr, bedauerte Knapp. Caritas-Mitarbeiter aus diesen Regionen seien evakuiert worden. Sie würden nun teils in jenen frontnahen, aber noch halbwegs sicheren Regionen weiterarbeiten, zollte Knapp seinen ukrainischen Kollegen höchsten Respekt.

Ganz grundsätzlich würden Geldspenden derzeit mehr Sinn machen als Sachspenden, betonte der österreichische Caritas-Auslandshilfechef. Es sei erfreulich, dass in vielen Landesteilen die lokalen Märkte teilweise wieder funktionieren würden. „Die Hilfe vor Ort kann also lokal gekauft und verteilt werden“, so Knapp. So könnten die Organisationen vermehrt auf finanzielle Unterstützung umstellen, die schneller und wirksamer sei als Hilfsgüterlieferungen. „So können die Menschen selbst lokale Produkte einkaufen und das, was von der ukrainischen Wirtschaft noch übrig ist, stärken“, sagte Knapp.

(kap – sk)

05 August 2022, 11:49