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Prof. Kamil Samaan wirkt auch im Kinderheim "Barmherziger Samariter" in Kairo, das durch Kirche in Not gefördert wird Prof. Kamil Samaan wirkt auch im Kinderheim "Barmherziger Samariter" in Kairo, das durch Kirche in Not gefördert wird 

Ökumene und Dialog in Ägypten: „Sind auf einem guten Weg“

Die ökumenischen Beziehungen in Ägypten haben sich in den letzten Jahren - auch dank einer weitsichtigen Personalpolitik des Kopten-Papstes Tawadros II. - deutlich verbessert. Das sagt im Gespräch mit Radio Vatikan der ägyptische Priester und Professor für Altes Testament Kamil Samaan. Auch er selbst trägt mit ökumenischen und interreligiösen Initiativen für eine positive Veränderung des Klimas bei.

„Tawadros II. ist sehr offen, bereit zum Dialog und er hat Achtung für andere Konfessionen. Er sagt, natürlich gibt es Unterschiede, aber es bleibt immer die Liebe und dass wir an denselben Christus und denselben Gott glauben,“ meint Samaan. Unter Tawadros‘ langjährigem Vorgänger im Amt, Koptenpapst Shenouda, seien die Fronten im ökumenischen Dialog recht verhärtet gewesen. Das habe tiefe Spuren hinterlassen, erinnert der Priester, der an verschiedenen Universitäten des Landes Altes Testament unterrichtet. 43 Jahre lang stand Shenouda an der Spitze der koptischen Kirche, er war seit 1.500 Jahren der erste Koptenpapst, der mit dem Papst in Rom (damals Paul VI.) zusammengetroffen war. Die Begegnung mündete in einer gemeinsamen Erklärung.

Hier der Beitrag mit dem ägyptischen Prof. Kamil Samaan zum Nachhören

Einige der Bischöfe, die Shenouda ernannt hatte, träten immer noch gegen die Dialogbemühungen ein, aber die junge Generation, die nachwachse, verändere das Bild mittlerweile spürbar, so Samaan. „Die Zahl der toleranten (Bischöfe, Anm. d. Red.) nimmt immer weiter zu, weil er tolerante Leute aussucht und zu Bischöfen weiht. Auch stirbt die Alte Garde langsam aus.“ In seinem letzten Lebensjahr habe Shenouda III. in Ägypten den Rat der Kirchen bewilligt, in dem die Kirchen des Landes vertreten seien, erläutert Kamil Samaan. Ein Forum, das die Katholiken, Anglikaner, Protestanten und Orthodoxen an einen Tisch bringe. „Und es gibt dort Kommissionen, die in vielen verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. Auch in der Gesellschaft merkt man, dass die Menschen langsam toleranter werden.“

Die Basis erreichen

Auch er selbst trage sein Scherflein dazu bei, merkt der Priester an: „Mit einigen Freunden aus Libanon und Syrien haben wir vor acht Jahren ein Ökumene-Institut mit virtuellem Sitz im Libanon für den Mittleren Osten gegründet. Das ist für Sudan, Ägypten, Jordanien, Palästina, Libanon, Syrien und den Irak zuständig. Jedes Jahr tagen wir drei Wochen im Libanon, halten Vorlesungen, beten, leben und spielen zusammen und halten danach für ein Jahr Online-Studien ab. Jeder Professor folgt etwa fünf oder sechs Studierenden und am Ende werden sie verabschiedet. Das spielt auch eine große Rolle an der Basis.“ Denn genau dort müsse man ansetzen, wenn man wirkliche Veränderungen erreichen wolle, zeigt sich Samaan überzeugt.

Deshalb hält er auch nur bedingt etwas von den großen Konferenzen, mit denen beispielsweise das Dokument für die Geschwisterlichkeit unter den Menschen, das als Meilenstein des interreligiösen Dialogs gilt, diskutiert wird: „Das werden Bemühungen auf höchster Ebene unternommen, aber etwas ,Offizielles‘ bringt meiner Ansicht nach wenig. Es bleibt bei der höchsten politischen Klasse, in Hörsälen von Universitäten, in intellektuellen Kreisen und erreicht nicht die Bevölkerung.“ Derzeit sei jedoch das Sekretariat der katholischen Schulen Ägyptens dabei, Unterrichtsmaterial vorzubereiten, das das Dokument über die Brüderlichkeit und die darin vertretenen Ideale aufgreifen und zumindest in den katholischen Schulen des Landes gelehrt werden solle. „Das ist die Basis. Ich meine, das wird viel mehr bringen, als die Konferenzen unter Intellektuellen und hochrangigen Leuten.“

Katholische Schulen bekannt für gute Ausbildung

Schließlich werden die katholischen Schulen lange nicht nur von Christen besucht; etwa 80 Prozent der Schüler sind Muslime. Die katholischen Bildungseinrichtungen genössen einen hervorragenden Ruf und trügen dazu bei, dass das Ansehen der Christen in Ägypten grundsätzlich sehr hoch sei - auch wenn es vereinzelt zu Diskriminierungen komme, erläutert Samaan.

„Die nur etwa 300.000 gläubigen Katholiken in Ägypten, mehr sind es nicht, betreuen genau 172 Schulen im ganzen Land, in Städten, Kommunen und Dörfern. Diese Schulen nehmen Schüler aus dem gesamten Gebiet auf.“ Die Christen stellen in Ägypten gut zehn Prozent, wobei die orthodoxen Kopten den Löwenanteil ausmachen. Die Katholiken stellen insgesamt nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung von über 100 Millionen Ägyptern – was sich eben auch in der Zusammensetzung der Schülerschaft niederschlägt.

„Diese Schulen sind sehr gut, und alle Minister wetteifern darum, ihre Kinder zu diesen Schulen schicken. Die Kosten sind nicht hoch, aber die Erziehung ist sehr gut. Das ist ein Bereich, der uns stark macht,“ fasst es Kamil Samaan zusammen. Doch nicht nur der Schulsektor trage dazu bei, dass Christen und Katholiken staatlicherseits geschätzt würden. Auch die kirchlichen Anstrengungen im Sozialbereich und in den Gesundheitseinrichtungen würden sehr honoriert, in einem Klima, das nach den Jahren der Muslimbrüderherrschaft mittlerweile von mehr Toleranz geprägt sei. So wurde erst kürzlich entschieden, dass in jedem neuen Wohnviertel nicht nur eine Moschee, sondern auch eine Kirche gebaut werden solle.

„Ein zweiter Bereich, der uns stark macht, ist die soziale Aktivität“

„Ein zweiter Bereich, der uns stark macht, ist die soziale Aktivität. In jedem Bistum ist ein Entwicklungsbüro, das mit allen arbeitet, mit allen Religionen und allen Konfessionen. Davon profitieren auch Muslime. Ein dritter Bereich betrifft die Gesundheit, also Krankenhäuser und Krankenstationen, die im Dienst aller Bürgerinnen und Bürgerin stehen. Da genießen wir eine gute Anerkennung durch den Staat.“

Generell stünde es gut um die Beziehungen mit den politischen Autoritäten. Erst vor einer knappen Woche sei der höchste Richter des Obersten Gerichtshofes ernannt worden – erstmals handele es sich dabei um einen Christen, vermerkt Samaan stolz. „Und das ist eine gute Anerkennung. Aber auch wenn die höchste Klasse diese Mentalität hat, erreicht das doch nicht unbedingt die normale Bevölkerung. Dort ist das Gefühl sehr stark verwurzelt, dank der muslimischen Glaubenszugehörigkeit etwas Besseres zu sein. Es braucht viel, dass diese Mentalität sich von oben nach unten verändert.“

Interreligiösen Dialog und Tolanz in die Schulen tragen

Mit einigen Freunden, Christen und Muslimen, sei er auch im interreligiösen Dialog aktiv und versuche dabei, vor allem die jungen Menschen zu erreichen, merkt der Professor an. „Seit fünf Jahren haben wir zum Ziel, die Schulen zu besuchen. Das geschieht in drei Schritten. Mit den Lehrerinnen und Lehrern, die Religion unterrichten – Muslime und Christen – über Gleichberechtigung, Toleranz und gutes Zusammenleben zu sprechen, damit sie diese Werte ihren Schülern vermitteln. Der zweite Schritt: Mit den Eltern machen wir dasselbe. Dann, im dritten Schritt, mit Schülerinnen und Schülern. Bis jetzt haben wir etwa 180 Schulen besucht.“

Doch der Ehrgeiz des Priesters und seiner Weggefährten ist noch lange nicht erschöpft: als nächstes wollen sie auch an den staatlichen Schulen noch viel stärker aktiv werden, kündigt er an. Denn die paar Schulen in staatlicher Trägerschaft, die sie bereits besucht hätten, seien viel zu wenige. „Wir versuchen, die Türen dieser Schulen weiter zu öffnen. Und noch ein Ziel: wir versuchen die Studierenden an den Universitäten zu erreichen.“ 

Auf diese Weise könnten die Schülerinnen und Schüler, aber auch deren Eltern und das Lehrpersonal sich vertieft mit den Werten von Toleranz und friedlichem Zusammenleben auseinandersetzen, so dass es letztlich zu einem Umdenken komme, das allen Bewohnern Ägyptens Vorteile bringe, meint Kamil Samaan. „Wir sind jetzt in Ägypten auf dem richtigen Weg. Aber wir brauchen auch Ermutigung und Unterstützung von unseren Brüdern im Westen, sei es politischer, moralischer und auch spiritueller Art.“

Der katholische Priester und Hochschulprofessor Kamil Samaan ist derzeit auf Einladung von Kirche in Not Schweiz in der Eidgenosschenschaft unterwegs, um von der Situation in Ägypten zu berichten. Kirche in Not (ACN) unterstützt die katholische Kirche des Landes sowohl durch Stipendien für die Priesterausbildung als auch durch die Förderung pastoraler Projekte wie Sommerlager für Jugendliche. Das Hilfswerk stellte für Projekte im Jahr 2020 über 360.000 Schweizer Franken bereit.

(vatican news)

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15. Februar 2022, 10:27