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Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg  (Roger Nilles, www.cathol.lu)

Afghanistan: „Erst Hoffnungen wecken, dann davonschleichen?"

Der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich macht sich mit Blick auf die Afghanistan-Flüchtlinge für humanitäre Korridore in die EU stark und übt Kritik an Ländern, die sich dem verweigern. Mit Blick auf eine mögliche diplomatische Lösung für das nun von den Taliban regierte Land erteilt er rein machtpolitischen Interessen eine Absage.

Anne Preckel und Gudrun Sailer – Vatikanstadt

„Ich glaube, man hat auch eine politische Verantwortung“, machte der Präsident des Dachverbands der EU-Bischofskommission (Comece) mit Blick auf die Aufnahme von Afghanistan-Flüchtlingen an diesem Donnerstag deutlich. „Man hat Hoffnungen geweckt – und dann sozusagen sich davonschleichen, die Türen schließen, ist sicher keine christliche Haltung“, so Hollerich im Interview mit Radio Vatikan. Der Jesuiten-Kardinal hat selbst Flüchtlinge und Migranten in Luxemburg aufgenommen.

Österreichs Regierung hatte eine Aufnahme afghanischer Kontingent-Flüchtlinge in diesen Tagen entschieden zurückgewiesen: „Das wird es unter meiner Kanzlerschaft nicht geben“, so Bundeskanzler und ÖVP-Politiker Sebastian Kurz. Im Vergleich zu Deutschland hatte sich das neutrale Österreich mit nur wenigen Soldaten und ohne eigene Ortskräfte an der westlichen Militärmission in Afghanistan beteiligt. 2020 kamen in Österreich rund 40.000 Flüchtlinge aus Afghanistan unter, die zweithöchste Zahl in Europa nach Deutschland mit 148.000.

Kardinal Hollerich äußerte sich im Gespräch mit Radio Vatikan an diesem Donnerstag auch über einen möglichen diplomatischen Spielraum in einem Dialog mit den Taliban in Afghanistan. Man müsse manchmal „Kompromisse“ eingehen, um Leben zu retten, sagte er grundlegend. Die Politik müsse sich dabei „immer einsetzen für die konkreten Menschen“ und dürfe nicht zur Machtpolitik degradieren.

Auf die Frage, inwiefern wohl der Heilige Stuhl und die katholische Kirche das Potential hätten, in Afghanistan diplomatisch etwas zu bewirken, äußerte sich Hollerich nicht konkret. Der Kardinal zeigte sich aber grundsätzlich davon überzeugt, dass die Dialog-Politik des Heiligen Stuhles „in den Dialog geht, wo es möglich ist und wo Leben geschützt und gerettet werden kann“. Sofern die Caritas in Afghanistan vor Ort weiter arbeiten könne, werde sie sicher „richtig reagieren“, so der Kardinal. Caritas international hatte etwa eine Kooperation mit den Taliban nicht ausgeschlossen, um die Hilfsarbeit nicht abbrechen zu lassen.

Kardinal Hollerich im Gespräch mit Radio Vatikan (Interview: Anne Preckel)

Ein Gebot der Humanität

Radio Vatikan: Migranten aufnehmen, schützen, fördern und integrieren - dazu lädt Papst Franziskus ein. Sie selbst, Herr Kardinal, haben sich mit Blick auf Afghanistan für die humanitären Korridore stark gemacht. Doch viele Menschen in Europa fürchten eine massive Zuwanderung von bedrohten Menschen aus Afghanistan. Wäre aus ihrer Sicht „Asyl auf Zeit“ ein guter Kompromiss?

Kardinal Jean-Claude Hollerich (Comece-Vorsitzender): Asyl sollte immer auf Zeit sein. Man muss ja unterscheiden zwischen normalen Migranten und Zuflucht. Asyl gibt man, weil die Leute in ihrer Heimat verfolgt sind und nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Deshalb müssen die Leute immer eine Perspektive haben, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Das ist auch ein Gebot der Humanität und der christlichen Nächstenliebe, des Respektes vor der Kultur, der Sprache, den Leuten.

Manchmal ist es aber auch so, dass es nicht geht, dass sich die Situation nicht ändert, dass die Kinder in den Schulen Freunde finden – man integriert sich. Und diese Integration ist auch etwas sehr Gutes, Erstrebenswertes. Und dann muss man auch die Humanität haben und den Leuten sagen können: Ihr seid willkommen hier, ihr gehört zu uns. Meistens haben ja immer Menschen Angst vor Asylbewerbern und Migranten, die keine kennen, die das nur als Schreckgespenst am Horizont sehen, ohne dass sie wirklich normalen menschlichen Kontakt mit solchen Leuten haben.

Politische Verantwortung

Radio Vatikan: Mitten in Europa sagt ein Land wie Österreich, es werde keine weiteren afghanischen Flüchtlinge aufnehmen, weil es ja schon sehr viele Menschen auf Afghanistan aufgenommen hat. Was würden Sie der Politik in Wien gerne sagen?

Kardinal Hollerich: Das macht mich traurig, wenn ich das höre. Vor allem, weil man sich auch noch manchmal auf das Christentum beruft – das sollte man in diesem Fall nicht mehr tun. Denn: Das Christentum verpflichtet uns, den Leuten zu helfen. Fratelli tutti sagt uns, dass ich der Nächste sein muss für die Leute, die jetzt aus Afghanistan fliehen müssen. Und das können wir dann ja konkret in der Politik deklinieren. Ich freue mich, dass Luxemburg gesagt hat, dass alle Afghanen, die jetzt schon im Land sind, auch Aufenthaltsgenehmigungen bekommen. Es sind noch so viele Afghanen auch auf den griechischen Inseln, die schon jahrelang dort warten. Ich glaube, man hat auch eine politische Verantwortung. Man hat Hoffnungen geweckt – und dann sozusagen sich davonschleichen, die Türen schließen, ist sicher keine christliche Haltung.

Radio Vatikan: Sie selbst haben mehrfach die Aufnahme von Flüchtlingen in Luxemburg ermöglicht. Und pflegen ein offenes Bischofshaus, in dem Sie solche Menschen und Migranten willkommen heißen.

Kardinal Hollerich: Ich habe im Bischofshaus, das ist ein großes Haus in Luxemburg mit vielen Zimmern, immer ein paar Leute wohnen. Studenten, die kein Geld für ein Zimmer haben, und jetzt auch einen jungen Mann aus Marokko. So Mitte 30 schätze ich ihn, der geflohen ist, weil er Christ werden möchte. Wenn man ihn sieht, hat er den Leuten, die bei mir arbeiten vielleicht etwas Angst gemacht – dunkle Haut, schwarzer Bart usw., er entspricht also dem Stereotyp eines Terroristen. Inzwischen ist er beim ganzen Personal äußerst beliebt, weil er ein netter Mensch ist, der sich gerne integriert, der auch kochen lernt von meiner Köchin, ihr auch einige Sachen beibringt aus seiner Heimat. Ja, dieser Mann könnte nach Marokko zurückgehen, wenn dort Religionsfreiheit herrscht. Aber vielleicht lebt er sich so ein in Luxemburg, dass er das dann gar nicht mehr möchte. Und dann wäre es ja auch aus Sicht der Luxemburger sehr schade, wenn er wieder weggehen würde.

Also -  ich glaube, dass das Ziel der Rückkehr von Asylsuchenden immer vorhanden sein muss, aus Respekt vor den Leuten, aber man muss auch verstehen, wenn das nachher nicht geht.

„Manchmal muss man ja auch schmutzige Kompromisse eingehen in der Politik, um Leben zu retten“

Menschen statt Machtpolitik

Radio Vatikan: Soll die katholische Kirche, soll der Heilige Stuhl das Gespräch mit den Taliban suchen? Welche Möglichkeiten hat die Kirche, in Afghanistan diplomatisch zu helfen?

Kardinal Hollerich: Das müssen Sie den Kardinalstaatsekretär fragen, nicht mich. Ich habe ja jetzt keine konkreten Informationen über die Christen und die Katholiken in Afghanistan. Ich versuche mir das aus den Medien zusammenzulesen, um da Berichte zu bekommen. Ich bin aber überzeugt, dass die Politik des Heiligen Stuhles, die ja immer auf Dialog ausgelegt ist, dass die in den Dialog geht, wo es möglich ist und wo Leben geschützt und gerettet werden kann. Manchmal muss man ja auch schmutzige Kompromisse eingehen in der Politik, um Leben zu retten. Und man muss mit Leuten zusammenarbeiten, wo man genau weiß, welche Zielvorstellungen die haben, dass die nicht mit denen der Kirche unbedingt zusammenfallen. Politik heißt immer sich einsetzen für die konkreten Menschen. Wenn Politik nur Machtpolitik wird, und der konkrete Mensch aus dem Blickfeld verloren wird, dann sind wir auf dem Holzweg.

Radio Vatikan: Hilfsorganisationen wie Caritas international haben angekündigt, ihre Afghanistan-Hilfe weiter aufrecht erhalten zu wollen und dabei auch mit den Taliban zu kooperieren, um eben dies gewährleisten zu können. Mit Blick auf die Taliban, halten Sie es denn da für möglich, wahrscheinlich, da einen Dialog aufzunehmen von Seiten des Heiligen Stuhles?

Kardinal Hollerich: Das ist sicher eine sehr schwierige Sache, das ist ganz klar. Und dieser Dialog kann auch scheitern. Das ist glaube ich auch jedem bewusst, der diesen Dialog eingeht. Man geht diesen Dialog ja nicht mit Naivität an. Aber gerade Caritas ist ja eine Organisation, die ihre Leute vor Ort hat, die die Situation kennt, auch die Not der Leute kennt. Und ich habe volles Vertrauen in Caritas, dass sie richtig reagieren, um den Leuten zu helfen. Wie gesagt, der Einzelne muss immer im Mittelpunkt stehen.

(vatican news)

 

26 August 2021, 12:00