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Marienkirche in Danzig (Gdansk) Marienkirche in Danzig (Gdansk)  (ANSA)

Polen: Missbrauchsskandal erschüttert die Kirche

368 Anzeigen wegen Missbrauchs von Heranwachsenden hat Polens katholische Kirche von Juli 2018 bis Ende 2020 erhalten. Der Vatikan verhängte Strafen gegen fünf Bischöfe, weil sie Vorwürfen nicht nachgingen.

Wegen des Missbrauchsskandals in Polens katholischer Kirche äußert deren Primas Erzbischof Wojciech Polak „große Scham, ungeheuren Schmerz und Mitgefühl“ für die Betroffenen. Am Montag legte Polak bereits zum zweiten Mal nach 2019 Zahlen zum Ausmaß der sexuellen Gewalt von Geistlichen gegen Kinder und Jugendliche vor.

Gegen 292 Priester und Ordensleute gingen demnach zwischen Juli 2018 und Ende 2020 Missbrauchsanzeigen bei der Kirche ein. „Die statistischen Daten drücken nicht die ganze Tragödie des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen aus“, betonte Polak. Man müsse sich bewusst machen, dass nicht jeder Geschädigte die Tat melde, so der Erzbischof von Gnesen (Gniezno).

Hälfte der Anzeigen kommen von Betroffenen

Umso mehr drückte Polak seinen Respekt für jene aus, die über das ihnen zugefügte Leid sprächen. Fast die Hälfte der 368 Anzeigen zu Taten aus den Jahren 1958 bis 2020 stammten laut Kirchenangaben von Betroffenen, 19 Prozent von Geistlichen.

Polens Gerichte haben bereits über mehrere Schmerzensgeldforderungen gegen Bistümer und Ordensgemeinschaften entscheiden müssen. So verfügten sie etwa eine Zahlung von 230.000 Euro an eine Frau, die als Kind mehrfach von einem Ordensmann vergewaltigt wurde.

Zu den Zivilprozessen kommt es auch deshalb, weil die Kirche in Polen im Gegensatz zu den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz bisher „Schadenersatzzahlungen“ an Missbrauchsopfer ablehnt, die über eine Übernahme von Therapiekosten hinausgehen. Sie sieht hierbei die Missbrauchstäter in der Verantwortung, nicht Bistümer und Orden.

Wojciech Polak
Wojciech Polak

Bischöfe prüfen Bischöfe

Der Vatikan hat in den letzten Monaten Disziplinarstrafen gegen mehrere polnische Bischöfe wegen Versäumnissen im Umgang mit Missbrauchsfällen verhängt. Sie dürfen entweder in ihren ehemaligen Diözesen oder überhaupt an keinen öffentlichen Gottesdiensten mehr teilnehmen. Der Vatikan verpflichtete die Bischöfe zudem zur Zahlung eines „angemessenen“ Geldbetrags an eine Kirchenstiftung, die Präventionsmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen unterstützt.

In all diesen Fällen führten polnische Bischöfe die Untersuchungen gegen ihre Mitbrüder selbst durch. Mit der Prüfung des Vorwurfs der Vertuschung gegen einen der prominentesten Kirchenmänner Polens, Kardinal Stanislaw Dziwisz, beauftragte der Vatikan nun jedoch den Vorsitzenden des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und emeritierten Erzbischof von Genua, Kardinal Angelo Bagnasco.

Bagnasco ermittelt zu Kardinal Dziwisz

Der 82-Jährige Dziwisz war Privatsekretär des heiligen Papstes Johannes Paul II. (1978-2005) und anschließend bis 2016 Erzbischof von Krakau. Bagnasco besuchte Polen vom 17. bis 26. Juni, sah Dokumente ein und führte Gespräche, wie die Vatikanbotschaft in Warschau am Wochenende mitteilte. Der italienische Kardinal werde nun dem Heiligen Stuhl über die Ergebnisse seiner Visite berichten. Dziwisz selbst hatte mehrfach eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe gegen ihn vorgeschlagen, die Anschuldigungen hingegen stets zurückgewiesen.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki, hatte sich bereits im November dafür ausgesprochen, dass der Vatikan die in einer polnischen TV-Reportage erhobenen Vorwürfe gegen Dziwisz prüft. Zugleich betonte er, „dass die Kirche in Polen dem Kardinal für seinen langjährigen Dienst an der Seite des heiligen Johannes Paul II. dankbar“ sei.

(kna - sk)
 

29 Juni 2021, 10:25