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Papst Franziskus hat in Mossul für die Opfer von Krieg und Verfolgung gebetet Papst Franziskus hat in Mossul für die Opfer von Krieg und Verfolgung gebetet  (Vatican Media)

Malteser: Papstbesuch im Irak verbessert Lage der Christen vor Ort

Der Papstbesuch im Irak hat eine entscheidende positive Wendung für die religiösen Minderheiten im Land eingeleitet. Davon zeigt sich im Gespräch mit Radio Vatikan der Generalsekretär von Malteser International, Graf Clemens von Mirbach-Harff, überzeugt.

Der Ökonom und gelernte Landwirt war für die Malteser mehrere Jahre im Libanon tätig. Den Papstbesuch im Irak Anfang März hat er aufmerksam verfolgt, an der Messe in Erbil hat er selbst teilgenommen. Wir haben ihn gefragt, was für eine Stimmung er bei dieser Gelegenheit wahrgenommen hat.

Graf von Mirbach-Harff (Generalsekretär Malteser International): Ich lebte ja selbst drei Jahre lang im Nahen Osten (im Libanon, Anm.) und habe diese typische Stimmung der... ich nenne es mal der „absoluten drei Überschriften“ wahrgenommen. Das eine war wirkliche Freude, die die Menschen da ja noch mal ganz anders zum Ausdruck bringen. Freude. Das zweite war Gemeinschaft, die Leute waren froh, dass sie sich als Gemeinschaft identifizieren und wahrnehmen konnten, und das dritte war großer Respekt vor der heiligen Handlung. Ich kenne ja viele Papstmessen, ich kenne viele Veranstaltungen auch in Rom, und da muss ich wirklich sagen, war da noch mal eine ganz besondere tiefe respektvolle Haltung zu spüren, die ich woanders jetzt teilweise vermisse oder eben nicht mehr erfahre. 

Radio Vatikan: Man hatte ja generell den Eindruck, dass die Reise des Papstes als solche und auch seine Äußerungen, die er in deren Verlauf getätigt hat, insgesamt sehr positiv insgesamt aufgenommen wurden. Würden Sie denn sagen, dass der Besuch insgesamt auch konkret etwas an der Situation der religiösen Minderheiten ändern wird? 

„Papstreise war ein game changer“

Graf von Mirbach-Harff: Ganz klar. Es besteht auch in kirchenfernen Kreisen die Auffassung, dass das für die religiösen Minderheiten ein „Game Changer“ war. Allein schon die Tatsache, dass die irakische Zentralregierung einen Feiertag für Minderheiten ausgerufen hat anlässlich des Papstbesuches, der jetzt jährlich im staatlichen Kalender steht und auch als solcher begangen wird. Das ist schon ein erster Ansatz. Das zweite ist, dass mir Christen und auch Muslime gesagt haben, dass sie froh sind, dass die Christen endlich nicht mehr als Gäste angesehen werden, sondern dass endlich klar wird, dass die Christen im Zweifel schon die viel ältere Kultur in diesem Landstrich stellen, die ihre Minderheitsrechte immer auch leben konnte und nicht zwangsislamisiert wurde, mal abgesehen von den Gräueltaten des islamischen Staates. 

Radio Vatikan: Wie helfen die Malteser vor Ort?

Graf von Mirbach-Harff: In der Ninive-Ebene, die der Papst unter anderem bereist hat, haben die Malteser Ende 2018 die Rückkehr christlicher und anderer ethno-religiöser Minderheiten mit einem umfassenden Wiederaufbau-Projekt unterstützt, das bisher mehr als 150.000 Menschen erreichte. Das Projekt umfasste vier Säulen. 1. Wiederaufbau: Malteser International hat beschädigte oder auch ganz zerstörte Häuser repariert bzw. wieder aufgebaut; 2. Bildung: Es wurden Schulen gebaut und Lehrer geschult; 3. Sicheres Einkommen: kleinen und mittleren Betrieben wurde bei ihrem Neustart geholfen und neue Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen; 4. Friedliches Zusammenleben: Malteser International förderte den sozialen Zusammenhalt und ein friedliches Zusammenleben auf Gemeindeebene. Ende April soll das Projekt abgeschlossen werden. Es wurde mit 30 Millionen Euro vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert.

Eine Mutter weint, während ihr bei dem Artillerieangriff bei Aleppo verletztes Kind auf dem Operationstisch liegt
Eine Mutter weint, während ihr bei dem Artillerieangriff bei Aleppo verletztes Kind auf dem Operationstisch liegt

Radio Vatikan: Ja, also insgesamt eine positive Entwicklung für die Bevölkerung und insbesondere die christlichen Minderheiten vor Ort, könnte man sagen... Aber wenn wir jetzt nach Syrien blicken, das liegt nicht weit weg - und dort wurden viele Hoffnungen enttäuscht. Der Krieg tobt seit zehn Jahren, gerade hatten wir den traurigen Jahrestag. Wie ist denn die Situation Ihrer Wahrnehmung nach dort? 

Graf von Mirbach-Harff: Syrien ist eine Wüste, und diese Wüste ist einer vertrackten Situation geschuldet zwischen der Machthaber-Familie Assad - die in ihrer Zeit allerdings immer Minderheiten geschützt hat - und internationalen Interessen, die an Syrien auch ein Exempel statuieren wollen. Und als dritter Player natürlich die terroristischen Bewegungen, die sozusagen für alle beiden Erstgenannten die Entschuldigung dafür sind, warum sie so handeln, wie sie handeln. Das ist meine politische Einschätzung.

Christen müssen an einem Strang ziehen

Die geistliche Einschätzung ist, dass auch die christlichen Denominationen, von denen es dort ja mindestens mal - je nachdem wie man zählt - 6 bis 16 gibt, sich nicht einig sind. Sie streiten untereinander, sind untereinander verzankt und haben keine klare Vision, keine klare Hoffnung. Sie sind teilweise für das Regime, teilweise dagegen, und ich glaube aus geistlicher Sicht, dass wenn sich diese Minderheiten nicht am Riemen reißen und sagen, wir haben einen Herrn Jesus Christus und eine Lehre, die ja letztlich Frieden und Segen bringen will - das ist die Hoffnung des Christen - dann ist es auch schwierig, dass dort wieder Segen ins Land kommt. Ich glaube, der Papst sieht das genauso. Er hat ja gesagt, er will in den Libanon reisen, und ich denke, er hat auch große Sehnsucht, Damaskus zu besuchen. Aber selbst wenn er kommt, - ganz ehrlich, wem sollte er da die Hand schütteln außer dem Nuntius? Insofern ist es nicht nur eine politisch vertrackte Situation, sondern auch eine geistlich vertrackte Situation, für die wir beten und an der wir arbeiten. 

Radio Vatikan: Aber wenn wir jetzt noch einmal auf die humanitäre Situation zu sprechen kommen, die ja ganz besonders schwierig ist in vielen Gegenden und jetzt nochmals verschlimmert wurde durch einen kürzlich erfolgten Luftanschlag, bei dem auch viele Hilfsgüter zerstört wurden, in der Nähe von Aleppo - was können Sie uns darüber sagen?

Graf von Mirbach-Harff: Ich weiß sehr genau, was in Aleppo passiert, da gab es jetzt drei Artillerieanschläge, ein Krankenhaus war betroffen, mit sieben Toten, darunter auch Patienten, Frauen und Kinder, und 16 Verletzten, fünf davon medizinisches Personal. Das ist aber nicht ein Einzelfall, sondern ein Dauerzustand. Wir haben in Syrien insgesamt fünf Millionen Binnenflüchtlinge, und das Ganze ist ja bodenlos. 

„Wir sind unparteiisch, auch wenn es manchmal schwierig ist, das zu vermitteln“

Die Leute haben Angst; dazu kommt Corona. Ich kenne persönlich zwei Ärzte aus Aleppo, die gestorben sind. Das waren Ärzte, die sich entschieden haben, dort zu bleiben, die hätten auch ohne weiteres nach Europa auswandern können. Aber sie sind einfach da geblieben, auch wenn sie in Europa im Zweifel überlebt hätten, und dann sind sie gestorben, während sie ihren Dienst für die Malteser oder für andere Organisationen geleistet haben. Also, es ist ein Fass ohne Boden, da könnte ich jetzt eine Stunde darüber reden.... 

Radio Vatikan: Sie haben es schon angedeutet, aber können Sie uns noch konkret sagen, was die Malteser in dieser Situation tun? 

Graf von Mirbach-Harff: Also, wir sind im großen Stil mit großen Projekten in der Nord/Nordost- und Nordwest-Region tätig. Da betreiben wir mit mehreren syrischen Partnern Krankenhäuser und kümmern uns um die Gesundheitsvorsorge in den großen Flüchtlingslagern; und auf dem Regime-Gebiet selber haben wir auch Ordensbrüder, die allerdings jetzt aufgrund der Tatsache, dass sie Syrer sind und in Syrien im Rahmen ihrer Möglichkeiten leben, von uns unterstützt werden. Wir sind unparteiisch, auch wenn es manchmal schwierig ist, das zu vermitteln. Wir sind derzeit eine der letzten großen NGOs, die noch auf dem sogenannten Rebellengebiet tätig sind, wobei ich das Wort für etwas problematisch halte, denn beide Seiten haben Schuld auf sich geladen. Wir sind also unter den wenigen, die da noch helfen können, cross-border mithilfe des Auswärtigen Amtes von Deutschland.

Die Fragen stellte Christine Seuss.

(vatican news - cs)

25 März 2021, 14:46