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Vatican News
Flüchtlinge warten am Hafen von Pemba auf nachkommende Verwandte, die wie sie über das Meer vor den Attacken auf die Stadt Palma geflohen sind Flüchtlinge warten am Hafen von Pemba auf nachkommende Verwandte, die wie sie über das Meer vor den Attacken auf die Stadt Palma geflohen sind  (AFP or licensors)

Mosambik: „Zeitfenster für Friedenspolitik nutzen, bevor Krieg ausbricht!“

In Mosambik besteht jetzt noch die Möglichkeit, den Ausbruch eines wirklichen Krieges zu verhindern. Doch dafür muss das derzeitige „Windows of opportunity“, also das immer kleiner werdende Zeitfenster, in dem dies gelingen kann, mit internationaler humanitärer und friedenspolitischer Hilfe gefüllt werden. Das sagt im Gespräch mit Radio Vatikan Andreas Wenzel, langjähriger Mitarbeiter und heutiger Berater für die Caritas Österreich in dem afrikanischen Land.

Tausende Menschen sind in den letzten Tagen in der Provinz Cabo Delgado wegen ausufernder Gewalt durch mutmaßlich islamistische Terroristen gezwungen worden, ihre Häuser zu verlassen - die angegriffene Stadt Palma ist „praktisch menschenleer“, unterstreicht Wenzel. Wer es geschafft habe, mit dem Leben davon zu kommen, sei mittlerweile in der Provinzhauptstadt Pemba gelandet, wo Hilfsorganisationen versuchen, dem Flüchtlingsansturm bestmöglich gerecht zu werden.

Unübersichtliche Lage

Die Lage sei allerdings unklar, betont Wenzel weiter. Medien aus angrenzenden Ländern berichten von Dutzenden Toten; etliche von ihnen seien durch Islamisten enthauptet worden, heißt es übereinstimmend. Auch ansässige Fachkräfte aus anderen Nationen seien betroffen, davon rund 200 aus Südafrika. Die Nothilfekoordination der Vereinten Nation (UNOCHA) spricht mit Bezug auf Augenzeugenberichte davon, dass viele der Überlebenden die Ermordung von Verwandten und Bekannten mit ansehen mussten. Des weiteren berichteten sie davon, wie sie sich tagelang ohne Nahrung und Wasser versteckt hätten, um den bewaffneten Angreifern zu entkommen, so UNOCHA.

„Wir vermuten, dass die Stadt jetzt komplett leer ist“

Andreas Wenzel lebt in der zentral am Indischen Ozean gelegenen Stadt Beira und kennt die Unruheprovinz Cabo Delgado, die er selbst jahrelang bereist hat, sehr gut. Wir fragten ihn, wie er vor Ort die Situation wahrnimmt.

Lage hat sich weiter verschärft

Andreas Wenzel (Berater Caritas Österreich): „Die Unruhen sind vor vier Jahren ausgebrochen, 2017, ausgelöst durch Attacken von Gruppen, die dem IS nahestehen. Die sind im August 2020, also letztes Jahr, sehr heftig geworden mit der Folge, dass damals schon über eine halbe Million Menschen geflohen sind. Mittlerweile spricht man etwa von einer Million Flüchtlingen im Land, also so genannten intern Vertriebenen. Die Situation hat sich jetzt in den letzten Tagen nochmals verschärft. Im Norden sind auch Gasvorkommen; dort ist die nächste Stadt, Palma, die auch schon an der Grenze zu Tansania liegt. Diese wird seit einigen Tagen angegriffen und es finden heftige Kämpfe statt.

Landkarte von Mosambik - Palma liegt nördlich von Pemba in der Provinz Cabo Delgado
Landkarte von Mosambik - Palma liegt nördlich von Pemba in der Provinz Cabo Delgado

Palma hatte vorher etwa 30-35.000 Einwohner, wir vermuten, dass die Stadt jetzt komplett leer ist, weil praktisch die gesamte Bevölkerung, sofern sie es geschafft hat, aus der Stadt geflohen ist. Es sind bei der Flucht sehr viele Menschen gestorben, wie viele es sind, wissen wir nicht, aber wir wissen halt, dass etwa zwischen 30- und 35.000 Menschen aus Palma in der Provinzhauptstadt der nördlichsten Provinz Cabo Delgado, also in Pemba, angekommen sind. Es gibt auf der einen Seite jetzt die Flüchtlinge, die innerhalb der Provinz geflohen sind, aus den Orten, die von den Terroristen eingenommen wurden, in die Hauptstadt der Provinz. Aber es sind auch schon viele aus der Provinz heraus geflohen, in die Nachbarprovinzen wie Nampula, Niassa und andere. Auf der Ebene der humanitären Hilfsorganisationen rechnen wir etwa einer Million intern vertriebener Menschen, die jetzt natürlich stark unsere Hilfe brauchen.“ 

Eine Botschaft, mit der Einheimische und Ausländer während der Attacke um Hilfe bitten, auf dem Gelände des Hotels Amarula. Das Foto stammt von der Duck Advisory Group
Eine Botschaft, mit der Einheimische und Ausländer während der Attacke um Hilfe bitten, auf dem Gelände des Hotels Amarula. Das Foto stammt von der Duck Advisory Group

Schwierige Bedingungen für die Hilfe

Radio Vatikan: Wie sorgen Sie denn für die Menschen, die jetzt diese Stadt praktisch überschwemmen?

Andreas Wenzel: „Das ist sehr schwierig, denn sie sind praktisch unangekündigt gekommen, und wir müssen uns jetzt irgendwie durchschlagen. Wir tun das, was wir jetzt als Soforthilfe anbieten können. Wir versuchen auch, uns mit verschiedenen Organisationen zu koordinieren, um eine möglichst koordinierte Hilfe in, ja man kann sagen, in dem Chaos zu leisten, das dort gerade herrscht. Leider Gottes sind die Informationen, die wir zu Verfügung haben, zum Teil sehr widersprüchlich oder unzureichend, und das erschwert natürlich unsere Arbeit als humanitäre Hilfsorganisation.“  

Radio Vatikan: Aber wissen Sie denn, was diese explosionsartige Verschärfung der Lage gerade jetzt ausgelöst hat?

Andreas Wenzel: „Nein, das weiß ich nicht. Wir vermuten halt, dass es einfach diese kontinuierlichen Angriffe dieser dem IS nahestehenden oder eigentlichen IS-Truppen sind. Aber auch da haben wir eben sehr unterschiedliche Informationslagen, die teils nicht nur unterschiedlich, sondern auch widersprüchlich sind. Und das erschwert uns auch die Einschätzung der Lage derzeit. Wir sehen nur, wie viele Flüchtlinge wir in den Provinzen Nampula, Niassa und auch intern innerhalb von Cabo Delgado empfangen. Und da müssen wir irgendwie darauf reagieren.

Ich muss auch sagen, dass jetzt die Koordination dieser Hilfsleistungen eigentlich noch nicht richtig stattfinden kann, weil halt die Basis sehr unterschiedlich ist. Wir kennen die Zahlen der Flüchtlinge relativ genau, und da sehen wir auch, wie sich das relativ kontinuierlich nach oben entwickelt. Und derzeit gibt es noch keine Entwicklung hin zu einer Rückkehr. Von daher können wir aus diesen Tendenzen der Entwicklung der IDP, als der internally displaced persons oder Binnenvertriebenen, schon sagen, dass sich die Krise weiterhin in einer verschärfenden Situation befindet und entsprechend auch geantwortet werden muss, humanitär und friedenspolitisch, wenn das noch möglich ist.“ 

Binnenvertriebene warten am Flughafen von Pemba darauf, Notquartiere zugewiesen zu bekommen.
Binnenvertriebene warten am Flughafen von Pemba darauf, Notquartiere zugewiesen zu bekommen.

Stärkung ziviler Strukturen notwendig

Radio Vatikan: Was kann denn die Internationale Gemeinschaft tun, um in dieser Situation irgendeine Art von Hilfe oder Unterstützung zu leisten?

Andreas Wenzel: „Derzeit hat ja Portugal die EU-Ratspräsidentschaft inne und als einen der Themen-Schwerpunkte hat sie neben der Corona-Pandemie eben auch die Situation in Mosambik auf ihre Agenda der internationalen Arbeit gesetzt und ich hoffe, dass damit internationale Aufmerksamkeit vor allem von Seiten der europäischen Länder erreicht wird, damit im Bereich der Friedensförderung aktiv gearbeitet wird in Zusammenhang mit humanitärer Hilfe.

Man spricht in der humanitären Hilfe von einem „Windows of Opportunity“, also einem „Fenster der Möglichkeiten“. Das ist ein zeitliches Fenster, in dem ein Konflikt sich noch nicht richtig zu einem Krieg entwickelt hat. Und in dieser Zeit – und die haben wir jetzt in Mosambik – kann durch humanitäre Hilfe und durch Stärkung von zivilen Strukturen sehr viel erreicht werden, also dass praktisch diesem IS der Nährboden entzogen wird, und sie keine Leute mehr finden, die sie für ihre Gräueltaten rekrutieren können. Sie begehen Gräueltaten, indem sie beispielsweise Leute köpfen und dann deren Leichen herumliegen lassen, um so ein Klima der Angst zu produzieren. Das löst dann natürlich die Flüchtlingswellen aus, das ist ja vollkommen logisch. Und wir müssen da durch eine konzertierte Aktion mit viel humanitärer Hilfe handeln, die auch gerichtet ist auf zivile Friedensförderung. Das ist denke ich die Möglichkeit, die wir jetzt ergreifen sollten, und das mit Unterstützung der Länder der Europäischen Union.“

(radio vatikan - cs)

 

 

31 März 2021, 15:41