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Welt ohne Hunger bis 2030? „Durchaus realistisch“

Für eine Welt ohne Hunger bis 2030 braucht es eine neue Ethik, die Bereitschaft der Politik und jedes Einzelnen, eine ertragreichere Landwirtschaft sowie Geld reicher Länder – dann ist das Ziel Null Hunger realistisch. Das sagte uns am Tag vor dem Welternährungstag (16. Oktober) der deutsche Agrarökonom Joachim von Braun, Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Die COVID-19-Pandemie zeige, „dass drastische Maßnahmen möglich sind“, Ähnliches könne bei der Hungerbekämpfung gelingen. Auch die Forderungen von Papst Franziskus zur Beendigung des globalen Hungers, wie er sie in Fratelli tutti erneuert hat, stoßen nach Einschätzung von Brauns inzwischen auf offenere Ohren bei Entscheidungsträgern.

Gudrun Sailer -  Vatikanstadt

Eine Welt ohne Hunger ist aus Sicht zweier neuer Studien machbar, wenn die Industrieländer und Entwicklungsländer zusammen bis 2030 jährlich 33 Milliarden US-Dollar zusätzlich investieren. Wie sieht dieses Modell genau aus?

Joachim von Braun: Hinter diesen Kalkulationen zu den Kosten der Hungerbeseitigung stehen zwei unterschiedliche, sich ergänzende Konzepte. Zum einen haben wir aus 22 erfolgsversprechenden Programmen und Politikveränderung jeweils die Kosten ermittelt, die pro Reduzierung von einer Million Menschen in Hunger erforderlich sind, und zum anderen ein komplexes allgemeines Gleichgewichtsmodell, in dem auch makroökonomische Faktoren berücksichtigt sind, gerechnet. Diese beiden Vorgehensweisen führen zu diesen ähnlich großen Investitionserfordernissen, die allerdings gemessen an dem, was wir zur Zeit zur Bewältigung der Covid-19-Krise ausgeben, relativ bescheiden sind.

Hier zum Hören:

Über Jahre war die Zahl der Hungernden weltweit zurückgegangen. Doch das ändert sich gerade. Die Corona-Pandemie bringt bis zu 130 Millionen Menschen in Hunger und Armut zurück, so lauten Schätzungen. Was ist zu tun? Was sind die wichtigsten Ansatzpunkte im Kampf gegen Hunger heute?

Joachim von Braun: Wir müssen zwischen kurzfristigen und langfristigen Maßnahmen unterscheiden. Kurzfristig müssen jetzt soziale Sicherheitsnetzte ausgebaut werden, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern. Und die tun das auch, allerdings stürzt sie das in zusätzliche Verschuldung. Zum anderen müssen wir langfristig investieren in die Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft, in die Einbeziehung von Kleinbauern in die Wirtschaftsketten, in Bildung. Wir finden auch, dass das landwirtschaftliche Beratungssystem enorm viel zur Hungerbeseitigung beiträgt. Und schließlich wird langfristig solide Forschung, die Innovation in der Landwirtschaft vorantreibt, einen sehr hohen Effekt haben.

„Wir haben in der COVID-19-Krise gesehen, dass drastische Maßnahmen möglich sind. Das brauchen wir jetzt auch zur Hungerbekämpfung.“

„Andere hungern zu lassen ist ein Verbrechen; Ernährung ein unveräußerliches Recht“, schreibt Papst Franziskus in Fratelli tutti. Bei wem liegt heute die größte Verantwortung, Hunger zu bekämpfen?

Joachim von Braun: Die Verantwortung liegt bei uns allen. Wir dürfen es nicht nur auf die Politik, die Wirtschaft und die zivilgesellschaftlichen Organisationen wegschieben. Die Verantwortung liegt bei uns, zum Beispiel in unserem Beitrag zur Verschwendung von Lebensmitteln. Die Verantwortung liegt bei uns, dass wir nicht bereit sind, genug zu teilen. Die Kosten, von denen ich gerade gesprochen habe zur Beendigung des Hungers, rund 30 bis 35 Milliarden Dollar zusätzlich pro Jahr, müssen wir als Steuerzahler in den reichen Ländern aufbringen. Ohne Geld geht das nicht! Und die Verantwortung liegt bei der Politik auch in den Entwicklungsländern, die sachgerechten Reformen voranzubringen. Aber wir brauchen da eine neue Ethik und ein neues Weltbild, um tatsächlich zu einer Welt ohne Hunger zu kommen, und das ist durchaus realistisch: Wir haben in der COVID-19-Krise gesehen, dass drastische Maßnahmen möglich sind. Das brauchen wir jetzt auch zur Hungerbekämpfung.

„Ohne Geld geht das nicht!“

Franziskus hat - ebenfalls in Fratelli tutti - vorgeschlagen, mit dem Geld, das weltweit für Waffen und andere Militärausgaben verwendet wird, einen Weltfonds einzurichten, „um dem Hunger ein für alle Mal ein Ende zu setzen“. Stößt so etwas auf Gehör?

Joachim von Braun: Wir hatten gerade diese Woche, in der Woche der Welternährung und morgen ist der Welternährungstag, viele Gespräche auf hoher politischer Ebene, auch mit der deutschen Bundesregierung, die ähnliche wie Papst Franziskus einen Fonds und eine drastische Ausweitung des Investitionsvolumens von jetzt 14 Milliarden auf mindestens 30 Milliarden fordern – also eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe der Geberländer. Ja, Papst Franziskus´ Forderungen treffen auf Gehör, er ist nicht mehr alleine damit. In der Päpstlichen Akademie der Wissenschaft haben wir uns mit dieser Frage aus wissenschaftlicher Sicht detailliert beschäftigt und entsprechende Vorschläge erarbeitet.

Joachim von Braun
Joachim von Braun

Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an das Welternährungsprogramm der UN. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Hunger und Frieden?

Joachim von Braun: Ein erheblicher Teil des Hungers in der Welt heute hat mit kriegerischen Konflikten und Bürgerkriegen zu tun. Ein erheblicher Teil – aber nicht der größte Teil. Friedenspolitik ist absolut notwendig, friedenssichernde Diplomatie ist Teil der Hungerbekämpfung. Da muss auch investiert werden. Wir haben, daran ist zu erinnern, jetzt zum zweiten Mal einen Friedensnobelpreis für die Hungerbekämpfung. Vor 50 Jahren hat ihn der Weizenzüchter Norman Borlaug bekommen. Das war ein anderes Signal auf die langfristige Hungerbekämpfung ausgerichtet. Ohne Produktivitätssteigerung geht es nicht. Jetzt haben wir den Fall beim Welternährungsprogramm, und das ist wunderbar. Denn wir müssen auch kurzfristig, insbesondere die Ärmsten der Armen und die vulnerablen Frauen und Kinder, rasch in Hungersnöten unterstützen.

„Ja, ich glaube, das ist zu schaffen, und der politische Wille, das zu tun, hat auch stark zugenommen“

Glauben Sie, realistisch betrachtet, dass das Ziel „Null Hunger” weltweit bis 2030 tatsächlich gelingen wird?

Joachim von Braun: Ich denke, es ist durchaus realistisch. Denn der Hunger ist eine Geißel, die wir so nicht weiter akzeptieren können und wollen. Mehr und mehr Menschen engagieren sich. Ähnlich wie beim Klimathema – der Klimawandel und die Klimakrise sind auch eine wichtige Ursache des Hungers. Ja, ich glaube, das ist zu schaffen, und der politische Wille, das zu tun, hat auch stark zugenommen. In den letzten fünf Jahren haben die Entwicklungshilfegeber deutlich mehr Mittel, noch nicht genug, aber deutlich mehr Mittel aufgebracht, und wir können auf 20 Länder verweisen, die den Hunger in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent reduziert haben. Sehr arme Länder haben das angepackt. Das soll Schule machen.

Joachim von Braun (70) ist Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn, Vizepräsident der Welthungerhilfe und Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. 

(vatican news)

 

15 Oktober 2020, 10:56