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Gaza in Zeiten der Coronavirus-Pandemie Gaza in Zeiten der Coronavirus-Pandemie  (ANSA)

Corona im Gazastreifen: Einsatz für Christen wie Muslime

Covid-19 verbreitet sich immer weiter und ist nun auch endgültig im dicht besiedelten Gazastreifen angekommen. War zu Wochenbeginn noch von vier Fällen außerhalb spezieller Quarantäne-Einrichtungen die Rede, so waren es Mitte der Woche schon mehr als doppelt so viele, wie das von der islamistischen Hamas geführte Gesundheitsministerium berichtete. Doch die katholische Gemeinschaft im Gazastreifen gibt nicht auf und hilft, unabhängig der Religionszugehörigkeit. Das und mehr berichtet im Interview mit Radio Vatikan Pater Gabriel Romanelli.

Gabriella Ceraso und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Vor einigen Monaten noch, da war Gaza was Corona angeht eine Insel der Seeligen, weil es keine Corona-Infektionen gab. Die katholische Kirche vor Ort erkannte diese besondere Gelegenheit - und nutze sie:

„ Wir wussten, dass das quasi ein Wunder war. Für mich war es ein Wunder. Da wir schon damals ahnten, was auf uns zukommen könnte – haben wir die Zeit genutzt: Wir haben Aktivitäten im Freien organisiert, und natürlich Gottesdienste, aber auch Seminare und Ausflüge ans Meer – alles immer mit der entsprechenden Erlaubnis natürlich. Es hatte was Surreales, aber irgendwie müssen wir ja versuchen, unsere christliche Gemeinde spirituell zu stärken – und auch alle anderen, die wir erreichen können. Mit solchen Angeboten hilft die Kirche tausenden Menschen und zwar Mitbürgern christlichen wie muslimischen Glaubens“, berichtet Pater Romanelli Radio Vatikan. Der Italiener lebt seit mehr als einem Jahr in Gaza und leitet dort die Gemeinde der „Heiligen Familie“.

Zum Nachhören

„Es war fast irgendwie eine surreale Zeit, aber irgendwie müssen wir ja versuchen, unsere christliche Gemeinde spirituell zu stärken – und auch alle anderen, die wir erreichen können.“

Ökumene im Alltag

Seine Pfarrei habe schon immer einen guten Draht zur Bevölkerung gehabt, das sei „etwas ganz Besonderes“, sagt der Geistliche:

„Die Pfarrei war den Leuten immer sehr nahe und diese gute Beziehung hat sich in diesen Monaten noch verstärkt, als wir noch in die Häuser gehen konnten, die Familien besuchen, den Leuten die Heilige Kommunion bringen. Aber auch andere Aktionen haben dazu beigetragen, wir haben auch Wettkämpfe für die jungen Leute organisiert, Angebote für Kinder und ein besonderes Programm im Marienmonat Mai. Immer haben ganz viele Leute mitgemacht, auch die griechisch-Orthodoxen. Ökumene ist für uns Alltag.“

Und dann... Corona

Doch nun sieht der Alltag für Pater Romanelli und seine Gemeinde anders aus. Corona ist da. Die ersten vier Fälle wurden zu Wochenbeginn im Flüchtlingslager Al-Mughasi in der Mitte des Gazastreifens entdeckt. In dem Lager wohnen etwa 120.000 Menschen. Pater Romanelli kennt die prekäre Lage dort nur zu gut:

„Die Flüchtlingslager sind quasi die ärmsten Viertel Gazas“

„Die Flüchtlingslager sind quasi die ärmsten Viertel Gazas. Früher waren dort meistens Zelten, inzwischen gibt es Baracken. Es ist schwierig, sich dort an Ausgangssperren oder Abstandsgebote zu halten. In einem Raum leben oft 10, 12, 14 Familienmitglieder. Daher lässt sich nicht sagen, wie das enden wird. Der Gazastreifen wurde nun unterteilt, um den Übergang von der ,roten Zone‘ zu anderen zu verhindern und weitere Ansteckungen innerhalb des Gazastreifens zu vermeiden...“

Ungeachtet dieser Maßnahmen meldete das von der islamistischen Hamas geführte Gesundheitsministerium zur Wochenmitte weitere Corona-Fälle. Zu Armut und Arbeitslosigkeit kommt nun noch die Angst vor Ansteckung – und strenge Ausgangssperren. Die Hamas-Regierung verhängte schon zu Wochenbeginn einen zweitägigen Lockdown. Auch wenn die Leute in Gaza Abriegelung ja schon gewohnt sind, war das nochmal besonders hart:

„Strom gib es normal so für vier bis sechs Stunden, wenn alles gut läuft. Und rein oder raus darf natürlich keiner – abgesehen von den Schwerstkranken, damit sie in Krankenhäuser nach Israel können“

„Klar, das war wirklich noch einmal eine weitere Abgrenzung und eine ganz andere Art des Abgeschottet-seins. Und nach den jüngsten Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern oder dem Embargo, mit dem wir seit Jahren schon leben, ist so auch der Alltag noch einmal härter geworden. Strom gib es normal so für vier bis sechs Stunden, wenn alles gut läuft. Und rein oder raus darf natürlich keiner – abgesehen von humanitären Notfällen,“ beschreibt Pater Romanelli die aktuelle Lage im im Gazastreifen.

Von Politik wird man nicht satt

Politische Entwicklungen, wie etwa die jüngste Annäherung Israels und der Arabischen Emirate interessieren die Menschen da kaum:

„Viele Menschen haben keine Hoffnung. Es gibt natürlich immer Leute, die nicht einverstanden sind und sich beschweren. Politik ist quasi das täglich Brot hier. Aber letztlich ist Brot, um den Hunger zu stillen, dann wichtiger: Die meisten interessieren sich nicht für Politik und ändern auch ihr Leben nicht, denn alle sind viel zu sehr in Sorge um die Gesundheit, ums Geld für Bildung der Kinder, um Arbeit, um etwas zu essen. Das Wichtigste ist: überleben.“

Von daher ist Pater Romanelli, der Leiter der „Heiligen Familie“ im Gazastreifen froh, wenn er und seine Gemeinde den Menschen Hilfe und Hoffnung bringen können – und zwar egal, welcher Religion sie angehören.

(vatican news - sst)

27 August 2020, 08:00