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Jesuit Sosa: „Mehrere Länder haben diese Pandemie ausgenutzt"

Rückschritte in der Sozialpolitik, Rückfall in autoritäres Gebaren – solche beunruhigenden Tendenzen beobachtet zur Zeit der Corona-Pandemie der Generalobere des Jesuitenordens, Arturo Sosa. Viele Staaten hätten die Pandemie ausgenutzt, um eine restriktivere Migrationspolitik einzuführen, kritisiert der Jesuit im Interview mit Vatican News. Auch Grundrechte im Bereich der Arbeit und Gesundheit würden eingeschränkt.

Antonella Palermo und Anne Preckel – Vatikanstadt


COVID-19 ist ein ernstes Gesundheitsproblem, doch bereits jetzt ließen sich auch „die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen“ der Pandemie beobachten, berichtet Sosa. Diese Folgen seien „sehr ernst“ zu nehmen, betont der Generalobere.

„Ich habe oft gesagt, dass eines der Opfer der Pandemie die Demokratie sein könnte, wenn wir uns nicht um unsere politische Lage kümmern. In diesem Moment zum Beispiel den Weg des Autoritarismus einzuschlagen, ist die große Versuchung vieler Regierungen, auch der so genannten demokratischen Regierungen.“

Restriktionen in der Migrationspolitik

Die Gesellschaft Jesu ist weltweit stark in der Flüchtlingshilfe engagiert. In diesem Bereich werde der Orden derzeit Zeuge von ernüchternden Entwicklungen – ebenso in den Bereichen Arbeit und Gesundheitsversorgung, so der aus Venezuela stammende Ordensmann:

„Mehrere Länder haben diese Pandemie ausgenutzt, um die Migrationspolitik dahingehend zu ändern, dass die Durchreise von Migranten oder die Aufnahme von Migranten eingeschränkt wird. Das ist ein großer Fehler, wenn man bedenkt, dass wir die Welt brüderlicher und gerechter machen wollen. Zu diesem Zeitpunkt wäre und ist die erneute Diskriminierung von Migranten eine große Gefahr und wäre Zeichen einer Welt, die wir nicht wollen! Auch beim Thema Arbeit gibt es viele Unternehmen, die diese Gelegenheit nutzen, um Arbeitnehmer zu entlassen oder die Löhne zu kürzen oder nicht das zu zahlen, was sie zu zahlen haben, oder um Leistungen der öffentlichen Gesundheit zu kürzen ... Kurz gesagt, die Pandemie ist eine Gelegenheit, Schritte vorwärts oder rückwärts zu gehen. Und dessen müssen wir uns als katholische Kirche und als Menschen, die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, sehr bewusst sein, um eine aufnahmebereitere, demokratischere Gesellschaft aufzubauen.“

Der 71-jährige Venezolaner steht dem Jesuitenorden seit 2016 als Leiter in der Ordenszentrale in Rom vor. Mit Blick auf die rasante Entwicklung der Pandemie in Lateinamerika und den Umgang damit vor Ort zeigt sich Sosa erschüttert: „Es tut mir sehr weh zu sehen, dass die Pandemie nicht aufhört. Ich bin sehr besorgt, weil es keine sozialen oder politischen Strukturen gibt, um dieser Notlage wirklich zu begegnen.“

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Klares Kriterium

Den Armen nahe zu sein – dieses wesentliches Kriterium würde der heilige Ignatius von Loyola auch angesichts der aktuellen Notlage hochhalten, zeigt sich der Jesuit Sosa überzeugt. An diesem 30. Juli begeht die katholische Kirche den Gedenktag dieses charismatischen Gründers des Jesuitenordens. Dazu Sosa:

„Wenn wir nicht in der Lage sind, die Welt aus der Nähe zu betrachten und den Blick der Armen zu teilen, der der Blick Jesu am Kreuz ist, dann liegen wir mit unseren Entscheidungen falsch. Dies ist ein sehr klares Kriterium. Wenn die Armen nicht versorgt werden können, keine Arbeit haben, dann ist die Welt nicht gut.“

Neben der Flüchtlingsarbeit sind weitere Schwerpunkte der jesuitischen Hilfsarbeit zur Zeit der Corona-Pandemie die Jugendarbeit und der Schutz der Schöpfung, so Sosa. Für die Hilfsarbeit und spirituelle Begleitung der Menschen würden auch verstärkt soziale Netzwerke genutzt.


(vatican news)
 

31 Juli 2020, 10:03