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Kurdische Vertriebene aus der syrischen Stadt Ras al-Ain nahe der Grenze zur Türkei Kurdische Vertriebene aus der syrischen Stadt Ras al-Ain nahe der Grenze zur Türkei  (AFP or licensors)

Syrien: „Der Krieg endet nur, wenn…“

„Damit der Krieg in Syrien aufhört, muss den Einmischungen aus dem Ausland Einhalt geboten werden.“ Das sagte der griechisch-katholische Patriarch Yousef I. Absi am Dienstagabend in Wien.

Der melkitische Patriarch nennt drei Voraussetzungen für eine Friedenslösung für Syrien: die Bereitschaft, Aufrechnungen der Vergangenheit zu unterlassen, den ehrlichen Willen, „miteinander“ zu leben, und den Aufbau des Staates auf einer Bürgerschaft mit gleichen Rechten und Pflichten für alle Syrer.

Gleichheit und Brüderlichkeit seien letztlich Werte aus dem Evangelium, unterstrich Yousef I., das habe er vor kurzem auch dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron gesagt. Für die Christen Syriens komme es darauf an, dass sie in der angestammten Heimat bleiben können. Keinesfalls seien sie bereit, sich als „Minorität“ behandeln zu lassen, eine Konzeption, die sowohl in muslimischen als auch in westlichen Kreisen verbreitet sei: „Wir sind die ursprünglichen Bewohner des Landes!“

Skepsis zur islamischen Reaktion auf Abu-Dhabi-Dokument

Eher zurückhaltend äußerte sich der melkitische Patriarch über die „Gemeinsame Erklärung über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“. Diesen Text haben Papst Franziskus und der Großscheich der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tayyeb, im Februar in Abu Dhabi unterzeichnet. Yousef I., der bei der Unterzeichnung anwesend war, stellte fest: „Wir als Christen haben dieses Dokument sehr ernst genommen. Aber der Großscheich wurde von islamischer Seite verschiedentlich kritisiert, er habe die islamische Konzeption nicht präsentiert“.

Er habe den Eindruck, dass viele Muslime sich nicht ernsthaft mit dem Dokument auseinandersetzen, bedauerte der Patriarch. Bei der Konferenz in Abu Dhabi sei viel Schönes gesagt worden, „aber dann hat uns die Wortmeldung eines Scheichs aus Libyen wieder den Unterschied im Denken bewusst gemacht, als er sagte: Wir glauben nicht an menschliche Brüderlichkeit.“

Ein Lob für Putin

Kritisch betrachtet der Patriarch auch die Haltung des Westens zur Rückkehr der Flüchtlinge nach Syrien, er habe das auch Präsident Macron sehr deutlich zu verstehen gegeben: „Der Westen will keine Rückkehr der Flüchtlinge vor dem Wiederaufbau. Und als Bedingung für den Beginn des Wiederaufbaus sieht er einen Regimewechsel in Damaskus an“.

Positiv bewertete Yousif I. das Treffen der orientalischen Patriarchen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Budapest am 30. Oktober. Putin habe damals während seines Besuchs bei Ministerpräsident Orban selbst den Wunsch geäußert, mit den Patriarchen zusammenzutreffen. Bei dem Treffen habe der russische Präsident seinen Willen bekundet, den Christen im Nahen Osten zu helfen, „einschließlich materieller Hilfe“.

Sorge über Zerstreuung der Emigranten

Mit Sorge sieht der Patriarch auch manche Entwicklungen in der Diaspora: „Die Kirche ist die einzige, die die Bewahrung von Sprache, Kultur, Spiritualität und Frömmigkeitsformen bei den neuen Generationen gewährleisten kann“. Aber die großflächige „Zerstreuung“ mache es für die melkitische Kirche schwierig, überall präsent zu sein. Aber die Kirche des lateinischen Ritus sei sehr hilfreich und unterstütze die Bemühungen des melkitischen Patriarchats.

Insgesamt zog Yousef I. eine gläubig-optimistische Bilanz „Wir Christen im Nahen Osten leben in einer schwierigen Situation. Aber Gott gibt uns Kraft.“ Trotz der Probleme sei es eine „innere Freude“, dass „wir an das Wort Christi glauben dürfen“. Man könne sich die Länder des Nahen Ostens ohne Christen nicht vorstellen.

„Gebt uns die Möglichkeit, unsere Sicht der Dinge zu erzählen“

In Begleitung des Patriarchen war auch der für Australien zuständige melkitische Bischof Robert Rabbat – der in Sydney residiert – nach Wien gekommen. Rabbat appellierte an die Katholiken im Westen, auch den orientalischen Christen die Möglichkeit zu geben, ihre Geschichte und ihre Sicht der Dinge zu erzählen.

Im Westen gebe es im Blick auf den Nahen Osten eine sehr „einseitige“ Sicht: „Ganz abgesehen davon, dass Jesus Christus in Bethlehem geboren wurde, niemand denkt daran, dass der Heilige Paulus aus unserer Gegend kam, dass Damaskus die älteste Stadt der Welt ist und dass Abraham aus Ur in Mesopotamien aufbrach, um den Willen Gottes zu erfüllen.“ Die nahöstlichen Christen hätten mitunter das Gefühl, wie andere Orientalen auch als „zweitrangig“ behandelt zu werden. Er sei Doppelstaatsbürger der USA und des Libanon, sagte der Bischof, er könne aus eigener Erfahrung berichten: „Wenn ich am Flughafen den US-amerikanischen Pass herzeige, werde ich durchgewinkt, wenn ich den libanesischen Pass vorweise, kann es schon vorkommen, dass ich beiseitegebeten werde und eine hochnotpeinliche Untersuchung und Befragung beginnt.“

Menschenrechte nur für Westler?

„Was wir als Orientalen wollen, ist Fairness“, so der Bischof: „Natürlich werden bei uns viele Fehler gemacht, das stimmt. Aber muss man uns deswegen so abqualifizieren? Man könnte sich auch daran erinnern, dass Europa durch die Vermittlung der orientalischen Christen die Schätze der antiken Wissenschaft aus dem Nahen Osten empfangen hat.“ Immer wieder gebe es das Gefühl, dass Menschenrechte gewissermaßen nur den Menschen des Westens zustehen, sagte Bischof Rabbat: „Das schmerzt und verletzt uns.“

(pro oriente – sk)
 

05 Dezember 2019, 10:31