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Hadi Ali, der sein Bein bei Zusammenstößen mit irakischen Sicherheitskräften verlor, entzündet bei einer Demonstration in Basra ein Licht Hadi Ali, der sein Bein bei Zusammenstößen mit irakischen Sicherheitskräften verlor, entzündet bei einer Demonstration in Basra ein Licht 

„Arbeit, Dienstleistungen, Freiheit“: Hoffen im Irak

Die politisch angespannte Lage im Irak geht auch an der christlichen Gemeinschaft des Landes nicht spurlos vorüber: Aufgrund der prekären Sicherheitslage hat die chaldäische Kirche die nächtlichen Christmetten in der Hauptstadt Bagdad am Heiligen Abend abgesagt. Zugleich hoffen die Christen, dass am Ende der Proteste gegen die Regierung verbesserte Lebensbedingungen für das irakische Volk stehen.

Anne Preckel und Federico Piana – Vatikanstadt

Die chaldäische Kirche hat sich mit den Demonstranten solidarisiert, sofern diese friedlich für ihre Anliegen eintreten. Gleichwohl kam es bei den Protesten im Irak in den letzten Wochen zu heftigen Auseinandersetzungen, bei denen Demonstranten wie Polizisten starben.

Die Christen hätten Angst, und die Lage sei verwirrend, berichtet Kardinal Louis Raphaël Sako, das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche, im Interview mit Radio Vatikan. Schweren Herzens habe die chaldäische Kirche deshalb an Weihnachten Konsequenzen gezogen:

„Man hat uns geraten, an Weihnachten nächtliche Feiern zu vermeiden und sie stattdessen am Tag zu begehen. Und dazu haben wir uns entschieden, um mögliche Angriffe zu vermeiden.“

Forderungen nach unabhängiger Regierung

Im Rahmen der Proteste hatten am Wochenende tausende Menschen in Bagdad und anderen Landesteilen die Ernennung eines unabhängigen Regierungschefs gefordert. Sie sehen bei der aktuellen politischen Führung des Irak keinen Willen, die Lage der Bürger zu verbessern und gehen deshalb seit Oktober landesweit auf die Straßen. Auch werfen sie ihr Korruption und Vetternwirtschaft vor. Die Motive der Proteste seien durchaus legitim, erläutert Kardinal Sako:

„Die Menschen, die öffentlich demonstrieren, wollen ein würdiges Leben: Arbeit, Dienstleistungen, Freiheit. Die aktuelle Politik arbeitet jedoch nur für die eigenen Interessen und hat nichts in diese Richtung unternommen. Wir wissen nicht, wo die öffentlichen Gelder hingehen, die Stromversorgung im ganzen Land ist sehr schwach, in vielen Häusern gibt es kein Wasser. Auch die Situation der Schulen und Krankenhäuser ist nicht gut. Wer demonstriert, will eine Politik, die nicht korrupt ist, eine Politik, die dem Land dient und die sich jener Kultur des Konfessionalismus entgegenstellt, die sich mit der Zeit gebildet hat… Denn eigentlich sind wir doch alle Bürger dieses Landes – die Demonstranten wollen deshalb Wandel.“  

Wer tötete die Demonstranten?

Adil Abdel Mahdi war infolge der Proteste Ende November als Ministerpräsident zurückgetreten, was den Unmut der Protestbewegung allerdings nicht lindern konnte. Mehrfach war es zudem zu Angriffen auf Protestcamps in Bagdad, Basra und anderen Städten gekommen, bei denen hunderte von Menschen starben.  Verantwortlich dafür waren teils Sicherheitskräfte, aber auch unbekannte Angreifer. Schilderungen von Patriarch Sako nach ist die Lage unübersichtlich und angespannt, auch weil ungewiss sei, was auf die Menschen noch zukommt.

„Es gibt aktuell keine Regierung, und die Milizen können machen, was sie wollen. Wer tötet die Wortführer der Demonstrationen? Man weiß es nicht. Und warum gelingt es den Behörden nicht, die Schuldigen zu finden? Das Volk hat Angst, doch die Protestierenden denken gar nicht daran, zu Hause zu bleiben…“

Patriarch Sako hat Politiker und Sicherheitskräfte des Irak in seiner Weihnachtsbotschaft dazu aufgerufen, auf „die Stimme ihres Volkes in diesem gesegneten Land Abrahams“ zu hören und eine militärische Austragung des Konfliktes zu verhindern. Er sprach von einer „beängstigenden Zunahme der Toten und Verletzten“ und eines Eskalation der Gewalt.  Das christliche Weihnachten steht deshalb im Irak in diesem Jahr einmal mehr im Zeichen der Unsicherheit. Immerhin sollen die Gottesdienste am 25. wie geplant stattfinden. Dazu Sako:

„Wir feiern die Messen am Weihnachtstag, mit Gebeten für den Frieden und für Stabilität in unserem Land. Doch zugleich haben uns die Demonstrierenden eingeladen, zu ihnen zu kommen und zu beten und mit brennenden Kerzen einen großen Weihnachtsbaum einzuweihen. Wir haben uns entschieden, keine Weihnachtsbäume aufzustellen; das damit eingesparte Geld soll den Krankenhäusern und Armen zukommen. Was uns beeindruckt hat, war die Solidarität der Protestbewegung: in einem Brief haben sie uns dafür gedankt.“

Es geht um Rechte und die Zukunft einer Generation

Ganz ohne Weihnachtsbäume ist der Irak in diesem Jahr dennoch nicht: so wären in Nadschaf und Kerbala, zwei schiitisch dominierten Städten, derzeit zum ersten Mal Weihnachtsbäume zu sehen. Kardinal Sako wertet dies als Zeichen der Hoffnung. Die Verteidigung der Menschenrechte ist im Irak aktuell ein gemeinsamer Nenner der Christen und derjenigen Generation junger Iraker und Irakerinnen, die ihre Hoffnung rastlos auf die Straßen treibt.

(vatican news)

24 Dezember 2019, 10:07