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Freundschaft zwischen "Hutu" und "Tutsi" - alles andere als selbstverständlich Freundschaft zwischen "Hutu" und "Tutsi" - alles andere als selbstverständlich  (ANSA)

Ruanda: „Völlig beherrscht“ vom Genozid – seit 25 Jahren

Der kleine Staat in Ostafrika ist fortschrittlicher als die meisten Länder des Kontinents. Dass hier vor nur einem Vierteljahrhundert ein Völkermord wütete, der Hunderttausende Opfer forderte, die Infrastruktur zerstörte und massive Spaltungen verursachte, kann man sich angesichts des in vieler Hinsicht modernen Standes kaum vorstellen.
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Doch der positive Schein trügt. Nach wie vor kämpfen die Menschen auf dem Land um ihr Überleben, das Tabu-Thema Genozid schwelt überall, Kirche und Politik verweigern den für den Heilsprozess dringend notwendigen Dialog. Das dürfen Kirche und internationale Gemeinschaft sich nicht länger mitansehen, mahnt Peter Meiwald von Misereor im Gespräch mit Vatican News  kurz vor dem 25. Jahrestag am 7. April.

Vatican News: Während des Völkermords 1994 in Ruanda wurden binnen dreier Monate bis zu 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu von radikalen Hutu-Milizen ermordet. Das Land erlitt einen Totalzusammenbruch. Heute jedoch entstehen in der Hauptstadt Kigali internationale Bürokomplexe, im Parlament sitzen 60 Prozent Frauen und die Lebenserwartung hat sich seit 1994 verdoppelt. Viele Einwohner profitieren davon allerdings nicht und leiden unter großer Armut. Wie konnten sich die Dinge im Land so konträr entwickeln?

Meiwald: Wenn man es sich genau anschaut, muss man sagen, dass Bildungs- und Gesundheitswesen recht gut sind, insbesondere verglichen mit den Nachbarländern. Aber die Ernährungssituation auf dem Land ist natürlich von vielen Faktoren abhängig: von Entwicklungsangeboten, aber auch von den massiven Konsequenzen des Klimawandels in der Region. In Ruanda merkt man im Grunde schon seit 20 Jahren, dass Regen- und Trockenzeit sich verschieben oder ausfallen und es einfach sehr viel schwieriger geworden ist, sich von der Landwirtschaft zu ernähren. Das Volk hat Anfang der 90er Jahre noch zu über 90 Prozent von Subsistenz-Landwirtschaft gelebt. Man muss also damit rechnen, dass es auf dem Land noch eine ganze Weile dauern wird, bis die Menschen ein Leben im geordnetem Wohlstand ohne ständige Angst um das tägliche Überleben führen. Die Strukturen im internationalen Handel haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht zugunsten von Ländern, die eher von der Agrarwirtschaft leben, verbessert. Insofern muss man eine gewisse Geduld haben. Zum anderen muss man sagen, dass Ruanda trotz seines Entwicklungsmodells ein zentralisiertes Land geblieben ist, wo sehr viel auf die Hauptstadt konzentriert ist. Die Regierung steht vor der großen Herausforderung, auch die ländliche Bevölkerung mehr einzubeziehen.

Vatican News: 70 Prozent der ruandischen Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt, haben also den Genozid gar nicht miterlebt. Dennoch prägen die damaligen Gräueltaten die Gesellschaft auch heute noch. Inwieweit?

Meiwald: Völlig. Ruandas Gesellschaft wird völlig von diesem nationalen Trauma beherrscht. In jedem kleinen Ort gibt es Mahnmale und Gedenkstätten. Es gibt die großen Gedenkstätten und die große Erinnerungswoche ab dem 7. April, in der nun bald des 25. Jahrestags gedacht wird. Zum anderen sind die Tabus und das Misstrauen untereinander nach wie vor sehr präsent im Land. Auch wenn die Regierung und verschiedene NGOs versucht haben, zur Versöhnung beizutragen, gibt es nach wie vor eine große Tabuisierung all der Dinge, die im Rahmen des Genozids passiert sind, insbesondere, wenn man versucht, kritisch zu hinterfragen, welche Rolle auch FPR-Kämpfer [„Front patriotique rwandais“, deutsch: Ruandische Patriotische Front] gespielt haben. Das sind Themen, über die man in Ruanda nach wie vor nicht laut sprechen kann.

Auch die Frage, wen man miteinander versöhnen kann, wird immer wieder an den Rand gedrängt. Einerseits gibt es die große Kampagne „Wir sind alle Ruander“, nach der es keine Hutu und Tutsi gibt, andererseits wird in allen öffentlichen Verlautbarungen immer wieder von dem Völkermord an den Tutsi gesprochen. Das hat zwar unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten eine gewisse Berechtigung, führt aber natürlich zu einer Verfestigung der Gegensätze. Insofern gibt es da noch einen großen Bedarf, zu einer wirklichen Versöhnung zu kommen. Immerhin werden Menschen zurück in die Gemeinschaft eingeladen, wenn sie sich dazu bekennen, dass sie Täter waren. Sie erhalten das Angebot der Versöhnung und die Möglichkeit, wieder in die Gesellschaft integriert zu werden. Aber von der Seite der Opfer des Genozids fehlt die Bereitschaft zu sagen, dass es in einem Krieg auf beiden Seiten Kriegsverbrechen gibt. Darüber kann nach wie vor nicht offen gesprochen werden. Das ist bedauerlich und ein Hindernis auf dem Weg zu einer wirklich tiefgreifenden Versöhnung. Ruanda hat also noch einen weiten Weg vor sich.

Vatican News: Versöhnung braucht es in Ruanda auch in der Kirche, denn auch in Gotteshäusern wurden Menschen getötet oder von Hutu-Priestern und Ordensleuten an ihre Verfolger ausgeliefert. Wie groß ist das Ausmaß solcher Vorkommnisse und damit die Schuld der Kirche tatsächlich?

Meiwald: Man muss leider mit großem Bedauern sagen, dass die Kirche sich sehr schuldig gemacht hat. Sie war Teil der Gesellschaft und damit auch prägender Teil im Völkermord. Priester hat es natürlich auf beiden Seiten gegeben, bei den Opfern und bei den Tätern, bei denen die weggeschaut haben, bei denen, die das alte System stabilisiert haben. Aber als Institution hat die Kirche im Rahmen des Völkermords wirklich versagt und es hat viel zu lange gedauert, das öffentlich anzuerkennen und um Entschuldigung zu bitten.

Vatican News: Haben deswegen viele Ruander ein schwieriges Verhältnis zur Kirche?

Meiwald: Davon muss man ausgehen. Die Ruander sind eigentlich ein sehr religiöses Volk, fangen mit Gott und Religion viel an. Aber sie haben viel Vertrauen in die katholische Kirche und in andere Religionsgemeinschaften verloren. Dieses Vertrauen muss langsam wiederaufgebaut werden, indem die Kirche unterschiedliche Meinungen zusammenführt und sich klar an die Seite der Bevölkerung stellt – und auch den Mut hat, Kritik daran zu üben, wie sich Ruanda heute entwickelt.

Vatican News: Was müsste die Kirche denn kritisieren und wofür müsste sie sich einsetzen?

Meiwald: Ich glaube, dass die Kirche sich noch sehr viel deutlicher für eine Überwindung dessen, was immer noch als Hutu-Tutsi-Konflikt angesehen wird, einsetzen müsste. Da geht es um soziale Fragen, um Macht im Land, um Einfluss und um sozialen Status. Die Kirche sollte dafür sorgen, dass die ethnische Karte in der heutigen Zeit nicht mehr gespielt wird. Es wäre hilfreich, wenn die Kirche über ihre internationalen Kontakte die Frage aufwirft, wie die internationale Gemeinschaft Klarheit in den Flugzeugabsturz-Bericht [der Abschuss einer Maschine, die den Präsidenten Ruandas an Bord hatte, gilt als letzter Auslöser für den Völkermord, Anm.] bringen kann, damit diese offene Wunde der Vergangenheit endlich mal geschlossen werden kann. Im Umgang mit Kriegsverbrechern und beim Voranbringen einer nationalen Versöhnung kann die Kirche eine gute Rolle spielen, vor allem auch im Bereich der lokalen Versöhnung. Welche Hilfsangebote kann man auch heute noch traumatisierten Menschen machen? Das ist eine pastorale, seelsorgerische Aufgabe, wo die Kirche an manchen Stellen schon gute Arbeit leistet, wo aber noch sehr großer Bedarf ist.

Vatican News: Kann es auch 25 Jahre nach dem Völkermord noch riskant sein, über die damaligen Geschehnisse zu sprechen? Wenn ja, wer könnte etwas dagegen haben und warum?

Meiwald: Es gibt nach wie vor Täter, die sich im Kongo verschanzt haben, die nicht zurückkommen und nicht bereit sind, ihre Waffen niederzulegen. Wenn man in den Verdacht kommt, mit diesen zu sympathisieren, dann hat man es schwer in der heutigen Gesellschaft und muss mit Repressionen rechnen. Insofern gibt es eine beidseitige Verantwortung. Die Regierung muss offen dafür werden, Kritik an ihrem eigenen Handeln auch während des Genozids zuzulassen und im Sinne von freier Meinungsäußerung und offenem Dialog in der Gesellschaft darüber zu diskutieren. Auf der anderen Seite besteht eine wichtige Voraussetzung darin, dass diejenigen, die damals zu den Tätern gehört haben, oder die mit ihnen sympathisieren, sich ganz klar von Gewalt distanzieren, endlich ihre Waffen niederlegen und sich der juristischen Aufarbeitung ihrer Taten stellen, um Versöhnung und einen gemeinsamen Weg in Ruanda wieder möglich zu machen.

Das Gespräch führte Angela Prämassing.

(vatican news)

06 April 2019, 10:33