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Fassade einer Synagoge in Paris Fassade einer Synagoge in Paris 

Tag des Judentums: Gemeinsame Herkunft, gemeinsame Zukunft

Am 17. Januar begehen jeweils die österreichische, die italienische, niederländische und polnische Bischofskonferenz einen so genannten „Tag des Judentums“, an dem der jüdischen Wurzeln des Christentums gedacht wird. Ein Gastbeitrag von Pater Norbert Hofmann, Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls.

Der jüdisch-christliche Dialog ist und bleibt von seiner Natur her etwas Lebendiges, Dynamisches, und Unvollendetes. Letztlich geht es um eine sich intensivierende Beziehung zwischen Juden und Christen, um eine Freundschaft auf dem Weg vor dem Angesicht Gottes. Wenn Politiker sich hinter verschlossenen Türen zu einer Sitzung treffen, fragen danach oft neugierige Journalisten, welche Entscheidungen getroffen wurden und was denn Neues und Umstürzendes dabei herausgekommen ist. Wenn aber Juden und Christen sich zu gemeinsamen Gesprächen treffen, kommt dort meistens nichts grundstürzend Neues oder Umwälzendes heraus, denn es geht in erster Linie um die Pflege von Beziehungen, um die Vertiefung von Freundschaften, auch wenn natürlich jeweils an einem bestimmten Thema gearbeitet wird. Vertrauen und Verlässlichkeit lässt sich in Beziehungen letztlich nicht mit einem objektiven Maßstab messen, man kann nur die äußeren Auswirkungen dieser inneren Grundhaltungen beobachten. Natürlich gibt es in Freundschaften markante Ereignisse und Wegstrecken, unruhige Zeiten intensiver Auseinandersetzung oder gelassene Zeiten harmonischen Verstehens. Manchmal bleiben auch intensive Beziehungen nicht ohne Konflikte, Missverständnisse oder Ungereimtheiten. Es gibt manchmal ein Auf und Ab, ein Hin und Her, letztlich aber bleibt man zusammen auf dem Weg und miteinander im Gespräch. Wie es in einer lebendigen Beziehung zugeht, so liegen die Dinge auch im jüdisch-christlichen Dialog. Letztlich sind und bleiben Juden und Christen aufeinander angewiesen, haben sie doch den gleichen Ursprung, von dem sie immer noch geprägt sind. Beide verbindet ein reiches gemeinsames spirituelles Erbe, das im Dialog mehr und mehr gehoben und benannt werden soll.

Konkretisierung von Nostra aetate

Diese Prämisse ist schon in der Erklärung Nostra aetate (Nr. 4) des Zweiten Vatikanischen Konzils zu finden, wenn es dort heißt: „Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist“. Nostra aetate (Nr. 4) wurde vom Konzil am 28. Oktober 1965 verabschiedet und promulgiert, es stellt gleichsam den Startschuss und die „Magna Charta“ für den systematischen Dialog der katholischen Kirche mit dem Judentum dar. Um den Dialog auch institutionell auf solide Beine zu stellen, wurde am 22. Oktober 1974 von Papst Paul VI. die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum eingerichtet, deren Aufgabe es ist, Nostra aetate (Nr. 4) zu verlebendigen und operativ zu realisieren. Ihr obliegt es, die Begegnungen und Konferenzen mit den jüdischen Partnern zu organisieren, aber auch innerhalb der katholischen Kirche den Dialog mit dem Judentum durch gezielte Maßnahmen zu fördern. Seit ihrer Gründung hat diese Kommission vier Dokumente zur Konkretisierung von Nostra aetate (Nr. 4) veröffentlicht, die als Leitlinien im jüdisch-katholischen Gespräch dienen sollen. Sie organisiert zwei institutionelle Dialoge, den einen seit 1970 mit dem so genannten „International Jewish Committee on Interreligious Consultations“ (IJCIC), einer weltweiten jüdischen Dachorganisation für den interreligiösen Dialog, und den anderen seit 2002 mit dem Oberrabbinat von Israel.

Tragfähige und belastbare Beziehungen

Über die Jahre hinweg sind in diesen beiden institutionalisierten Dialogen tragfähige Beziehungen entstanden, tiefe Freundschaften, die auch Konflikten standhalten können. In den letzten beiden Jahrzehnten gab es eigentlich nur zwei größere Irritationen, die aber entsprechend angegangen und aufgearbeitet werden konnten. Das war zum einen die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für den außerordentlichen Ritus im Februar 2008 und die Aufhebung der Exkommunikation für Bischof Williamson von der Piusbruderschaft im Januar 2009, der nachweislich den Holocaust geleugnet hatte. Beide schwierige Situationen im Dialog konnten aber hinter den Kulissen aufgrund gewachsener Beziehungen innerhalb kürzester Zeit entschärft werden. Gerade dann, wenn es Schwierigkeiten gibt, ist es wichtig, das gemeinsame und klärende Gespräch zu suchen, um eventuelle Missverständnisse auszuräumen.

Gemeinsamer Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden

Letztendlich sollen sich Juden und Christen gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt einsetzen. Diese Zielvorgabe gründet im gemeinsamen geistlichen Erbe, denn beide glauben, dass Gott sich durch sein Wort an die Menschen gewandt und sich ihnen offenbart hat, um ihnen einen Weg aufzuweisen, wie sie im rechten Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen ihr Leben gestalten sollen. Beide handeln grundlegend und weitestgehend nach einem gemeinsamen Grundkodex, was moralische und ethische Auffassungen anbelangt (vgl. die Zehn Gebote). Juden und Christen haben eine gemeinsame Herkunft, und daher haben sie zusammen im Dialog auch eine gemeinsame Zukunft. Letztlich gehen sie gemeinsam Schulter an Schulter dem kommenden Messias entgegen, wenngleich die Christen daran glauben, dass er schon einmal hier war und sie ihn kennen. Vom deutschen Religionsphilosophen Martin Buber wird folgende kleine Anektode überliefert: er meinte, dass man bei seiner Ankunft den Messias fragen würde, ob er nun das erste oder bereits das zweite Mal gekommen wäre. Und Buber fügt hinzu: „Ich wollte dann ganz nah bei ihm stehen und ihm ins Ohr flüstern: Antworte nicht!“

P. Norbert Hofmann SDB
Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls

17 Januar 2019, 11:58