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Kosmetikladen in Ghana Kosmetikladen in Ghana  (AFP or licensors)

Afrika boomt: Was tun, um Entwicklung nachhaltig zu gestalten?

Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller wünscht sich von der deutschen Wirtschaft mehr Engagement in Afrika, denn davon hätten alle etwas. Aber bringen die Vorschläge des CDU-Ministers wirklich voran?

Darüber sprachen wir mit einem katholischen Afrika-Kenner, Peter Meiwald, Abteilungsleiter für Afrika und Nahen Osten beim katholischen Hilfswerk misereor. Er sagte uns:

„Die eigentliche Entwicklung Afrikas muss in Afrika selbst stattfinden. Und da ist ja auch so viel Kreativität, da sind so viele Menschen mit guten Ideen, mit viel Engagement. Dh. Entwicklung muss in Afrika stattfinden! Und wenn es da mal Inspiration von außen gibt oder auch mal Investitionsgelder, dann ist das ein kleiner Aspekt, aber das wird sicherlich nicht die Fragen lösen, wie wir in Afrika zu besserer Entwicklung, zu gerechteren Lebensverhältnissen für die Menschen kommen.“

Vatican News: Afrika hat wirtschaftlich ein ungeheures Wachstumspotential, letztes Jahr hatten 42 von den 54 Ländern Afrikas ein höheres Wirtschaftswachstum als Europa. Afrikas Menschen haben Bedarf nach vielen Dingen. Worauf wäre denn auch aus europäischem Interesse zu achten, damit dieser berechtigte Bedarf der Afrikaner nach Waren und Dienstleistungen nachhaltig gedeckt wird?

Peter Meiwald: „Ich glaube, zwei Dinge sind besonders wichtig. Das eine ist: Wenn man sich nur an den Zahlen orientiert und sagt wir, kreieren jetzt Wirtschaftswachstum im Sinne von Bruttoinlandsproduktsteigerung, dann sagt das noch gar nichts darüber aus, was bei den Menschen ankommt, die am bedürftigsten sind. Es geht also auch um Verteilung und um Partizipation. Es geht darum, auch wenn man Märkte öffnet, dass das nicht nur Märkte sind für Großunternehmen, sondern eben auch für Kleinbauern oder für Menschen, die in Start-ups arbeiten, so dass alle die Möglichkeiten haben, daran teilzuhaben. Das ist der eine ganz wichtige Punkt.“

Vatican News: Und der andere?

Peter Meiwald: „Der andere ganz wichtige Punkt ist die Frage: Wie bekommen wir das hin, dass Afrika nicht wieder zu einem billigen Rohstoff-Lieferanten wird?, was es schon lange ist und was jetzt nur durch die sinkenden Rohstoffpreise sich in den Bilanzen nicht mehr so sehr niederschlägt. Aber die Wertschöpfung, die muss vor Ort stattfinden. Das heißt, wenn es um Entwicklung geht, geht es nicht darum, wir produzieren jetzt in Afrika noch mehr Agrargüter, exportieren die billig nach Europa. Die Europäer haben günstige Rohstoffe, und die Afrikaner haben am Ende des Tages wenig davon, sondern im Gegenteil haben sie noch mehr Druck auf Landflächen, Landgrabbing wird attraktiver. Es muss ganz grundsätzlich darum gehen, die Wertschöpfung, die Verarbeitung in Afrika zu stimulieren.“

Hier unser Interview zum Hören:

Vatican News: Müller will dem wachsenden Energiebedarf des Kontinents mit Technologien für erneuerbare Energie begegnen. In dem Punkt zumindest kann es keine Einwände geben, nicht?

Peter Meiwald: „Dagegen kann es keine Einwände geben. Im Gegenteil, den Einwand, den man bringen muss, ist, dass das noch viel zu wenig propagiert wird. Afrika als Gesamtkontinent - und das soll jetzt nicht kolonialistisch von außen klingen - muss eigentlich das fossile Zeitalter überspringen, wenn wir weltweit unsere Klimaziele erreichen wollen und gleichzeitig den Menschen den Zugang zu Energien ermöglichen wollen. Die Menschen haben ja heute an ganz vielen Stellen Smartphones und sehen, was man alles in dieser Welt tun kann. Sie haben Bedarf, ihre Handys aufzuladen. Da ist ein ganz verständlicher Wunsch nach Zugang zu elektrischer Energie. Und die Technologien dazu sind ja vorhanden, Solarenergie, Windenergie, Wasserkraft. Wir haben ganz viele Möglichkeiten, in Afrika das fossile Zeitalter zu überspringen. Aber in dem Punkt vermisse ich schon seit langem wirklich kräftige Sprünge. Natürlich gibt es Ankündigungen und kleine Maßnahmen und kleine Projekte. Aber da könnte wir als Technologiestaaten viel mehr tun.“

Vatican News: Lassen Sie uns auf das Thema Migration einschwenken, das immer aufkommt, wenn von Europa und Afrika die Rede ist. Die EU-Staaten müssten Afrikanern auch legale Möglichkeiten eröffnen, um in Europa zu arbeiten. Was halten Sie von dieser Forderung des CDU-Entwicklungsministers?

Peter Meiwald: „Naja, das ist eine Forderung, die kommt aus der Zivilgesellschaft schon lange. Auch aus einigen politischen Kreisen wird seit Anfang der 90er Jahre spätestens gefordert, dass wir selbstverständlich ein Einwanderungs-, ein Zuwanderungsgesetz brauchen, um legale Wege abseits des Asylverfahren zu schaffen. Dass gerade Herr Müller das jetzt auch zu seinen Themen macht, ist insofern erfreulich, weil ja seine Partei diejenige ist, die das seit 30 Jahren auf Bundesebene blockiert hat. Also insofern auch da volle Zustimmung. Menschen brauchen Perspektiven, auch für Migration. Migration gehört zum Leben, zum Wesen der Menschen dazu. Sie bringt Dynamik in Gesellschaften und Wirtschaften hinein. Insofern volle Zustimmung, aber dann muss Herr Müller da auch einmal Taten folgen lassen.“

Vatican News: Immer öfter sehen wir in unseren Debatten über Migration, dass die Frage der Entwicklung Afrikas eher einseitig behandelt wird. Dann heißt es, wir wollen diese Migranten aus Afrika nicht haben, also lasst uns für bessere Lebensbedingungen dort sorgen, damit sie nicht zu uns kommen. Das Interesse an einem wirtschaftlichen Vorankommen Afrikas ist gut, aber so gedreht, hat es einen üblen Beigeschmack…

Peter Meiwald: „Ja, ich glaube, wenn wir anfangen zu sagen, wir kümmern uns jetzt, was auch Herr Müller sagt, verstärkt um den Chancenkontinent Afrika, dann kann die Motivation nicht sein zu glauben, dass wir dadurch Migrationsbewegungen bremsen können. Sondern es geht um die Menschen, um die Würde des Menschen selbst. Sie haben ein Recht auf menschenwürdige Entwicklungen und Bedingungen. Und das muss man von der anderen Debatte, nach meiner Sicht, ganz klar trennen. Es geht nicht um ein zweckgerichtetes Helfen, sondern es geht darum, dass die Menschen ein Recht auf eine vernünftige, menschenwürdige Entwicklung haben.“

Vatican News: Ist diese Gleichung denn überhaupt realistisch – also: Afrika entwickelt sich, dann hört die Migration von selber auf?

Peter Meiwald: „Nein. Dass man sagt, wir entwickeln jetzt Dinge und dann werden Migrationsströme langsamer werden oder abreißen, das halte ich kurz- oder mittelfristig gedacht für überhaupt nicht realistisch. Menschen, die ein höheres Bildungsniveau haben und mehr wirtschaftliche Möglichkeiten, werden von sich aus mobiler und haben einfach mehr Möglichkeiten, sich in der Welt zu bewegen. Also wird das nicht abrupt dazu führen, dass Menschen sagen, ich verlasse mein Land nicht mehr.“

Vatican News: Sie haben kritisiert: Worüber Müller sich nicht äußert, sind illegitime Finanztransfers aus Afrika in die Finanzzentren der Welt. Wie lässt sich das Problem am besten beschreiben? Und wie lässt es sich eindämmen?

Peter Meiwald: „Beschreiben lässt es sich so: Durch die wirtschaftlichen Verflechtungen gerade durch Großkonzerne gelingt es, viel Geld aus afrikanischen Ländern herauszuziehen. So werden zum Beispiel innerhalb eines Unternehmens Vorprodukte nach Afrika zu überhöhten Preisen geliefert. Auf der nächsten Verarbeitungsstufe wird dann wieder zu deutlich niedrigeren Preisen nach Europa zurück geliefert. Auf diese Art können da immer wieder Gewinne verschoben werden, die überhaupt nicht über den Markt, sondern nur innerhalb eines Unternehmens laufen, nur innerhalb der eigenen Buchhaltung. Und das ist sehr schwer von außen zu kontrollieren.“

Vatican News: Wo könnte man da den Hebel ansetzen?

Peter Meiwald: „Wichtig dafür ist, dass wir viel mehr Transparenz schaffen, dass wir zu Harmonisierung auch im Steuerrecht kommen auf globaler Ebene. Dass wir da nicht sagen: Da gucken unsere Regierung weg, denn unsere Volkswirtschaften in Europa profitieren ja davon. Sondern da müssen wir sehr viel tun. Das ist natürlich insbesondere ein Problem im Bereich der Rohstoffexporte. Da wird Wertschöpfung aus den afrikanischen Ländern fast komplett herausgezogen. Da werden allenfalls noch die afrikanischen Arbeitskräfte genutzt, und ansonsten bleiben die Gewinne in Europa. Die Kommission, die das letztes Jahr im Auftrag der Afrikanischen Union betrachtet hat, geht davon aus, dass das mindestens 50 Milliarden Dollar jedes Jahr sind.“

(Vatican News – gs)

09 August 2018, 18:35