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Archivbild: Kardinal O´Malley beim Papst Archivbild: Kardinal O´Malley beim Papst  (Vatican Media)

US-Kardinal zu Missbrauch: „Entschuldigungen reichen nicht“

Die katholische Kirche muss sexuellen Missbrauch durch Kleriker entschiedener aufklären und ahnden. Das fordert Kardinal Sean O’Malley von Boston, Präsident der Päpstlichen Kinderschutzkommission. Hintergrund sind neue Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Erzbischof von Washington.

Die Vorwürfe gegen Kardinal Theodor E. McCarrick hatten sich zuletzt ausgeweitet: So berichtete die „Washington Post“, dass der ehemalige Erzbischof von Washington nicht nur junge Priesteranwärter sexuell missbraucht haben soll, sondern mindestens auch zwei Minderjährige, vielleicht sogar mehr.

 

Kirche muss schnell und entschieden reagieren


Kardinal O’Malley, Präsident der Päpstlichen Kinderschutzkommission, nahm am Dienstag auf der Homepage seiner Erzdiözese Boston zu dem Skandal Stellung. „Dieser und andere Fälle verlangen mehr als Entschuldigungen. Sie verweisen auf die Tatsache, dass es bei entsprechenden Vorwürfen gegen einen Bischof oder Kardinal immer noch eine große Lücke im kirchlichen Umgang mit sexuellem Benehmen und Missbrauch gibt“, schreibt der Kapuziner in seiner Erklärung. Die Kirche müsse „schnell und entschieden“ auf solche Fälle reagieren, die „bei vielen Menschen verständlicherweise große Enttäuschung und Wut auslösen“.


In der US-amerikanischen Kirche gelte heute zwar eine Null-Toleranz-Politik im Umgang mit Missbrauchsfällen. In der Praxis lasse sich die Aufklärung und Ahndung von Missbrauch aber durchaus verbessern, unterstreicht der Ordensmann.


Es braucht eine faire und schnelle Rechtsprechung


O’Malley wünscht sich hier „klarere“ und „schnellere“ Abläufe: „Wir brauchen transparente und konsequente Protokolle, um den Opfern Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen und angemessen auf die legitime Entrüstung der Öffentlichkeit zu antworten.“ Anschuldigungen gegen Bischöfe und Kardinäle müsse umgehend nachgegangen und mit einer „fairen und schnellen Rechtsprechung“ begegnet werden. Auch müsse den Gläubigen und Opfern besser kommuniziert werden, wie sie Missbrauch anzeigen könnten. „Die Kirche braucht eine überzeugende und umfassende Strategie, um mit Verstößen von Bischöfen gegen den Zölibat in Fällen kriminellen Missbrauchs Minderjähriger und Erwachsener umzugehen“, resümiert O‘Malley.

“ Wir müssen angemessen auf die legitime Entrüstung der Öffentlichkeit antworten ”


Und er warnt: „Wenn wir hier versagen, wird das die ohnehin schon geschwächte moralische Autorität der Kirche weiter bedrohen.“ Der damit verbundene Vertrauensverlust stelle ein Gefahr des wichtigen kirchlichen Auftrages in der Zivilgesellschaft dar. „Momentan gibt es für die Kirche keinen größeren Imperativ als sich mit Verantwortung diesen Themen zu stellen“, so der Erzbischof von Boston. Dieses Anliegen wolle er selbst im Vatikan „mit großer Dringlichkeit und Sorge“ vortragen, kündigte er weiter an.


Zeugnisse der Opfer sind lobenswert


Wesentlich bei der Aufklärung sei, dass die Sorge um die Opfer, deren Familien und Angehörigen stets Priorität haben müsse, betont der Kirchenmann in seiner Erklärung weiter. Das gelte sowohl im Fall krimineller Übergriffe als auch des Amtsmissbrauchs. „Die Opfer müssen dafür gelobt werden, dass sie ihre tragischen Erfahrungen öffentlich machen und müssen mit Respekt und Würde behandelt werden.“


O’Malley hatte sein Amt als Erzbischof von Boston im Jahr 2003 nach Bekanntwerden eines weitläufigen Missbrauchsskandals in der Erzdiözese angetreten. Dem von Papst Franziskus beauftragten Kinderschutz-Gremium steht er seit 2014 vor. Im Zuge der Aufklärungen zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Kardinal Theodor E. McCarrick muss auch O‘Malley sich Nachfragen gefallen lassen. So sagt der katholische Priester Boniface Ramsey aus New York, er habe den Bostoner Erzbischof 2015 mit Vorhaltungen gegen McCarrick konfrontiert, jedoch nie eine weiterführende Rückmeldung erhalten. Er habe den Brief von Pater Ramsey „nicht persönlich erhalten“, reagiert O’Malley darauf in seiner Erklärung vom Dienstag.


Der Fall McCarrick: Kardinäle Farrell und Wuerl zeigen sich überrascht


Schon im Juni war bekannt geworden, dass Kardinal McCarrick auf Anweisung von Papst Franziskus nicht mehr öffentlich priesterliche Aufgaben ausüben darf. Hintergrund war der für glaubwürdig befundene Vorwurf, McCarrick habe sich als Priester vor 45 Jahren des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht.


Überrascht auf die Vorwürfe gegen den früheren Erzbischof von Washington zeigten sich die beiden Kardinäle Kevin Joseph Farrell und Donald Wuerl. „Ich war geschockt und überwältigt“, sagte der für Laien und Familien zuständige irisch-amerikanische Kurienkardinal Farrell am Dienstag Ortszeit der katholischen Nachrichtenagentur CNS. „Ich habe während der sechs Jahre an seiner Seite niemals davon gehört“. Farrell teilte sich als Weihbischof mit McCarrick in Washington eine Wohnung und betrachte den charismatischen Kardinal lange Zeit als seinen Mentor. Vor seinem Wechsel nach Rom arbeitete er für McCarrick als Generalvikar an der Spitze der Kirchenverwaltung.


Kritiker halten es für nur schwer vorstellbar, dass Farrell nicht mindestens von den Vorwürfen gegen den Kardinal hörte. Genau das nimmt auch der Nachfolger McCarricks, Kardinal Donald Wuerl, für sich in Anspruch. Der Erzbischof von Washington erklärte Ende Juni, er habe alle Aufzeichnungen und Dokumente der Erzdiozöse angefordert, die Aufschlüsse liefern könnten. „Basierend auf der Durchsicht, kann ich berichten, das keine Forderung - glaubhaft oder nicht - gegen Kardinal McCarrick während seiner Zeit hier in Washington erhoben worden ist.“


(erzdiözese boston/vatican news/cns/kna – pr)
 

25 Juli 2018, 14:16