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Bischof Johannes Bahlmann aus Obidos am Amazonas Bischof Johannes Bahlmann aus Obidos am Amazonas 

Amazonasbischof Bahlmann: „Wir müssen offen sein“

Ein deutscher Bischof im Amazonas kämpft für die Evangelisierung in dem dünn besiedelten Gebiet und macht sich stark für die indigenen Völker. Das ist kein einfacher Job für Johannes Bahlmann. Auch seine Diözese hat für Priestermangel und Umweltprobleme keine Patentrezepte. Trotzdem kann seine Diözese Òbidos ein Vorbild sein, wenn im Oktober 2019 die Amazonassynode in Rom stattfindet.

Zu wenig Priester für eine Bistumsfläche halb so groß wie Deutschland und fußballfeldgroße Regenwaldflächen, die abgeholzt werden: Johannes Bahlmann, Bischof der Diözese Óbidos, muss sich in Brasilien vielen Herausforderungen stellen. Die Amazonassynode will Lösungen für die Region suchen – und die könnten auch ein Spiegel für die Weltkirche sein, meint er:

„Wir sind hier in einer Region der Welt, die sehr komplex ist, sehr vielschichtig und vielseitig. Wir setzen uns mit den verschiedenen Problemen auseinander, die es in unserer Region gibt. Die Synode behandelt hauptsächlich zwei Aspekte: Das Thema heißt „Amazonien – Neue Weg für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“. Das ist eine interessante Formulierung. Es geht darum, neue Wege für Kirche zu finden. Man hätte es ja auch so formulieren können: ‚Neue Wege der Kirche‘. Wir müssen offen sein.“

Für neue Wege in der Kirche offen sein 

 

Offen sein für alles, so die Devise von Johannes Bahlmann – offen für neue Wege in der Kirche. Schon Johannes Paul II. habe den Begriff der ‚Neuevangelisierung‘ geprägt. Dem heiligen Papst seien innere Erneuerung und neue Formen der Evangelisierung wichtig gewesen. „Und das versuchen wir auch heute: Wie können wir in der Evangelisierung und Pastoral neue Wege gehen, neue Formen finden, damit wir dem gerecht werden, was unser Missionsauftrag, unser Sendungsauftrag von Jesus Christus ist?"

30 Priester für ein Bistum, das halb so groß ist, wie Deutschland 

 

Dem nachzukommen, gestaltet sich im Amazonasgebiet nicht leicht. Stichworte: Ausdehnung und Mangel an Seelsorgern. Allein das Bistum Óbidos erstreckt sich über eine Fläche von fast 200.000 Quadratkilometern. In diesem dünn besiedelten Gebiet ist es schwierig, für jeden Gläubigen da zu sein und ihn zu begleiten – auch deswegen, weil es im Bistum nur etwa 30 hauptamtliche Priester gibt. Bahlmann spürt die Auswirkungen davon so manches Mal am eigenen Leib:

„Ich war in diesen Tagen in der größten Pfarrei unserer Diözese mit 150 Gemeinden. Dort haben wir in einer Gemeinde Firmung gefeiert, und haben für nur 70 Kilometer eineinhalb Stunden gebraucht – auch, weil die Straßen so schlecht ausgebaut sind, sie sind nicht geteert. Oft nutzen wir auch das Schiff. Wenn wir die Indios in den Missionsstationen oben im Norden besuchen, müssen wir 500 Kilometer hinter uns bringen. Die Strecke können wir überhaupt nicht im Boot oder im Auto zurücklegen, weil es zu weit ist. Da fliegen wir hin. Es sind zwei Stunden Flug, um überhaupt in diese Missionsstationen zu kommen. Dort leben 3000 Indios in 20 Dörfern. Das sind äußere Faktoren, die wir bewältigen müssen.“

Verantwortung wir den Laien übertragen

 

In Deutschland beispielsweise sind die Bistümer flächenmäßig wesentlich kleiner, es mangelt aber auch dort an Nachwuchs für das Priesteramt. Ein Problem, das die Amazonassynode behandelt, indem auch die Aufgaben von Laien in der Kirche zum Thema werden. Ein Bistum wie Òbidos könnte in diesem Punkt zum Vorbild für andere Diözesen der Welt werden, die zwar geografisch weit weg sind, aber ebenfalls mit Priestermangel zu kämpfen haben. In seinem Bistum, erzählt Bischof Bahlmann, können nur 15 Prozent der Gemeinden jeden Sonntag Eucharistie feiern. Mittlerweile hat das Bistum zwölf Seminaristen, vor allem aber sind auch die Laien sehr stark eingebunden:

„Wir haben praktisch in jeder Gemeinde einen sogenannten Gemeindeleiter oder Koordinator. Wie viele Gemeindemitglieder Verantwortung tragen hängt von der Größe der Gemeinde ab – das können manchmal 50 Mitglieder sein, 1000, 2000 oder 3000. Das sind dann kleine Gemeinden. In den etwas größeren Gemeinden gibt es auch einen Wortgottesdienstleiter, die mit besonderen Vollmachten ausgestattet sind, dass sie den Gottesdiensten vorstehen können“.

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Die Verantwortung zwischen Priestern und Laien teilen, das sei das Ziel. Nicht mehr nur Geweihte und der Bischof selbst sollen die Aufgaben in der Kirche übernehmen. Wenn jeder einbezogen werde, stärke das das Gemeinschaftsgefühl und die Verbundenheit mit der Kirche, argumentiert Bahlmann. So wird es bei der Synode in Rom mutmaßlich auch um in der Weltkirche strittige Anliegen wie die Lockerung des priesterlichen Zölibats und um neue Aufgaben für Frauen in der Kirche gehen. Der Amazonas-Bischof betont: „Es sind oft Ehrenämter, die mit großer Freude übernommen werden. Wir sehen aber auch die Herausforderung, dass noch besser geschult werden muss, es muss eine bessere Kommunikation geben.“

„Wir wollen kleinere Einheite für die Menschen schaffen"

 

Eine bessere Kommunikation - und bessere Strukturen. Hier gilt es vor allem auf die Größe von Pfarreien zu achten, sagt Bischof Bahlmann aus Erfahrung. Es braucht kleine Pfarreien, um gute Seelsorge zu garantieren und mit den Menschen zu sein. „Wir haben kleinere Pfarreien, mit im Schnitt 30 Gemeinden, sodass wir garantieren können, dass sich die Menschen in ihrer Gemeinde wohlfühlen. Wenn es eine Riesenpfarrei ist, besteht die Gefahr, dass es sehr anonym bleibt – dann wird es Masse. Wir versuchen gerade den umgekehrten Weg zu gehen, kleinere Einheiten für die Menschen zu schaffen. Dadurch sollen die Menschen die Kirche wirklich erfahren, spüren und sehen können", so Bischof Bahlmann. 

Das ist vor allem auch für Jugendliche wichtig. Die sind in Amazonien ohnehin einer Menge von Herausforderungen ausgesetzt. Drogensucht, Kriminalität und Menschenhandel spielen zu oft eine Rolle in ihrem Leben. Bischof Bahlmann fragt sich: „Wie kommen wir an die Jugendlichen ran, wie können wir ihnen eine Chance geben? Wir können nicht einfach in der Kirche warten und darauf hoffen, dass die Jugendlichen zur Kirche kommen. Diese Zeiten sind vorbei. Wir müssen als Kirche versuchen, uns einzubringen, sodass wir noch mehr in der Gesellschaft tätig werden können – auch unter dem Aspekt der Evangelisierung.“

Indigene Völker beschützen 

 

Besonders am Herzen liegen dem Bischof auch die Armen. In Òbidos ist er dabei, die gesamte Sozialpastoral auszubauen. „Wir müssen noch mehr für die indigenen Völker tun, und für die Quilombolas, die Nachfahren der Sklaven, die in unsere Diözese geflüchtet sind. Wir haben im Bundesstaat Pará am Fluss Trombetas die größten Gemeinden der Quilombolas. Wir wollen auf die Minderheiten eingehen, die in unserer Region leben. Auf die Flussmenschen, die ‚Ribeirinhos‘. Sie leben an den Flüssen in ganz armen Verhältnissen.“

Das dritte große Thema ist im Amazonas die Umwelt und, damit zusammenhängend, der Schutz der indigenen Völker, die sich mit ihrer ganzen Lebensweise seit jeher dem Schutz der grünen Lunge des Globus verschrieben haben. Beides wird in der Synodenaula in Rom massiv zur Sprache kommen. Wie auch Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika „Laudato Si“ schrieb, ist der Lebensraum dieser Völker in Gefahr, weil andere immer mehr in ihren Lebensraum eindringen und ihn zerstören. 

„Wir dürfen unsere Unwelt nicht zerstören"

 

„Ich glaube, da müssenwir noch sehr viel arbeiten – gerade an der Abholzung des Regenwaldes. Das ist ein sehr großes Problem. Da müssen wir sehr aufpassen – gerade wegen des illegalen Handels mit Holz, das zum Beispiel nach Europa, China oder Nordamerika verschifft wird. Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Welt nicht zerstören. Gerade der Regenwalt ist als Ökosystem extrem wichtig ist für die Erde. Das wird wohl eine der großen Herausforderungen für die nächste Zeit. Wir wollen ein neues Projekt starten für die Wiederaufforstung des Regenwaldes. Natürlich wird man nie wieder den Regenwald so aufforsten können, wie er vorher war. Es wird nicht der ursprüngliche Wald sein. Wir müssen auf alle Fälle darauf achten, dass wir unsere Welt nicht zerstören.“

So wie die Entwicklungen in Amazonien Auswirkungen auf den ganzen Planeten haben, könnte auch die Amazonassynode weitreichende Veränderungen für die Weltkirche haben. Papst Franziskus hat noch im Oktober vergangenen Jahres erklärt: Das Hauptziel der Synode sei es, neue Wege der Evangelisierung für das Volk Amazoniens zu finden, insbesondere für die Indigenen, die regelmäßig vergessen würden und keine Aussicht auf Zukunft hätten.
 

Mit Bischof Bahlmann in Brasilien sprach für Vatican News der Paderborner Priester Stefan Kendzorra, der vor einigen Jahren ein Praktikum bei Radio Vatikan absolvierte.

(Vatican News)

21 Juli 2018, 15:13