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Wahlkampf in der Türkei Wahlkampf in der Türkei  (ANSA)

Wahlen in der Türkei: Erdogan und die Christen

Am Sonntag wird in der Türkei doppelt gewählt: Präsident wie Parlament. Dass beide Wahlen auf einen Tag fallen ist eine Premiere, genauso wie die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen in Richtung Präsidialsystem.

Marion Sendker - Istanbul

Ab dem Tag nach der Wahl tritt die Verfassungsänderung, die schon vor einem Jahr in einem knappen Referendum vom Volk in die Wege geleitet wurde, vollumfänglich in Kraft. Wir haben mit einem Christen, der in der Türkei geboren wurde, über den Umbruch gesprochen.

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Diese ganzen Umwälzungen könnten sich auch auf die Christen in der Türkei auswirken; wobei unterschieden werden muss: Christen in großen Städten wie Istanbul haben eine ganz andere Situation als etwa Gemeinden in Ostanatolien. Das ist die Beobachtung von Ibrahim Cicek. Der aramäische Christ ist in der Türkei geboren, aus der er mit zehn Jahren unter anderem aufgrund seiner Religion vertrieben wurde. Seitdem lebt er in Deutschland, von wo aus er sich seit Jahrzehnten für die Situation der Christen in der Türkei und in Nahost engagiert.

Was die Türkei in den letzten zehn Jahren so geschafft habe, findet er enorm: „Es ist ja jetzt ein Präsidialsystem. Der Präsident ist dann Staatsoberhaupt und alles, da wird sich einiges ändern. Früher gab es einen Staatspräsidenten, dann gab es einen Ministerpräsidenten und der hatte ein Partei und der Staatspräsident hat sich ja in die Tagespolitik nicht eingemischt”, sagt Cicek, der der syrisch-orthodoxen Kirche angehört.

 

Auch für Christen ist vieles anders geworden

 

Der Aramäer findet, dass sich in der Türkei auch für die Christen einiges verändert habe in den letzten Jahrzehnten - nämlich verbessert: „Früher hatte man weniger Rechte und weniger Möglichkeiten. Jetzt ist es ja so, dass jeder sagen kann: ‚Ich bin ein Christ.‘ Jeder übt seine Religion aus, da gibt es keine Probleme.“

Das sei die eine Seite, sagt der Unternehmer aus Dellbrück. Auf der anderen Seite gebe es da taktische Unterdrückungsmaßnahmen des Staates - wie zum Beispiel Enteignungsprozesse, wenn es um Grundstücke gehe. Insgesamt könnte es den Christen in der Türkei deshalb schon noch besser gehen, merkt Cicek kritisch an. Man werde toleriert, aber „man hat wenig Rechte, und man darf sich nicht querstellen. Aber wenn man alles annimmt, was man auf dem Tablett serviert bekommt, sagt keiner was.“

 

Religion und Politik: Von wegen Laizismus

 

Religion spiele im politischen Alltagsleben definitiv eine Rolle, das gelte auch für den aktuellen Wahlkampf: „In der türkischen Verfassung steht zwar, die Trennung von Religion und Politik sei geregelt. Leider Gottes ist das aber nicht mehr so. Da wird natürlich über Religion viel praktiziert und viel Politik gemacht.”

Und wen wählen die Christen in der Türkei? Das könne man so kaum beantworten, meint Cicek. Es sei nicht so wie etwa in Amerika, wo es gewisse Tendenzen je nach Konfession gibt. Wichtiger sei in der Türkei die geographische Lage: „Natürlich werden viele die AKP wählen, viele auch die CHP und einige die Kurden. Man kann nicht sagen: Alle wählen die AKP, CHP oder HDP! Es ist unterschiedlich, je nachdem, wo die Menschen leben. Im Kurdengebiet werden die natürlich mehr die HDP wählen.”

 

Wie Erdogan die Gunst der Christen gewann

 

Entgegen dem, was gerade in westlichen Medien oft geschehe, könne man aus Sicht der Christen auch nicht sagen, dass eine Partei schlecht sei und die andere nicht, betont Cicek. Das gelte auch und insbesondere für den noch amtierenden Staatspräsidenten Erdogan und seine AKP: „Unter Erdogan waren viele Punkte positiv und einige negativ. Er hat natürlich in den letzten Jahren zum Beispiel in Tur Abdin viel Geld investiert, da hat er für Infrastruktur gesorgt. Da heißt also: befestigte Straßen, Kanalisation, Frischwasser, Telekommunikation.“


Direkt an die Kirchen und Klöster habe die Regierung das Geld aber nicht gegeben, fügt Cicek hinzu. Dafür seien die vielen Dorfvereine und kommunalen Initiativen verantwortlich gewesen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in den ländlichen Regionen gebildet hätten.


Für Erdogan und die AKP sei das eine Win-Win-Situation, meint Cicek: Das Geld an die Dörfer stamme zu großen Teilen aus EU-Töpfen, in die eigene Tasche habe die Türkei kaum greifen müssen - denn als potenzieller Beitrittskandidat muss die EU das Land auch finanziell unterstützen. Dass die Dörfer die Finanzmittel dann für die Renovierung von Kirchen, Klöstern und in den Aufbau von Infrastruktur gesteckt hätten, habe Touristen gelockt und die kurbeln die türkische Wirtschaft an. Darüber freut sich Erdogan - und das Land. Mit einem Minimalaufwand habe er es so geschafft, die EU und einen Großteil der Christen zu besänftigen. Dafür seien auch Christen ihm dankbar und honorieren sein Taktieren mit ihrer Stimme an Wahltagen - so auch, möglicherweise, an diesem Sonntag, an dem es für die Türkei um alles geht.

 

(vatican news - ms)

23 Juni 2018, 13:46