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Vorbereitung auf die Wahlen in Russland Vorbereitung auf die Wahlen in Russland  (ANSA)

Vor den Wahlen in Russland: „Direkt spielt die Kirche keine Rolle“

Russland wählt einen neuen Präsidenten: Am Wochenende finden die Wahlen statt. Wir haben darüber mit dem Russland-Fachmann und Experten für Orthodoxie, Thomas Bremer, gesprochen. Er ist Professor für Ökumenik, Ostkirchenkunde und Friedensforschung an der Universität Münster.

 

Zum Nachhören

Nadine Vogelsberg - Vatikanstadt

VN: Es gehen ja doch alle davon aus, dass Wladimir Putin wiedergewählt wird. Aber es gibt zurzeit ja auch das schwierige Verhältnis zwischen Russland und Großbritannien, nachdem da zwei Russen auf mysteriöse Art und Weise ums Leben kamen, beziehungsweise in Lebensgefahr schweben. Auch die Präsidentschaftskandidatin Sobtschak hat da noch Forderungen vorgebracht. Welchen Stellenwert geben die Russen dem überhaupt in der Wahl, nehmen sie die Wahl danach überhaupt noch ernst?

Prof. Bremer: Das sind zwei verschiedene Sachen. Das eine ist, dass man mit Sicherheit erwarten kann, dass Putin gewählt wird. Es gibt jetzt neuere Umfragen, die besagen, dass es 60/70 Prozent der Wähler sind, die wirklich ihn wählen werden und man kann davon ausgehen, dass es vielleicht noch darüber hinaus Manipulationen geben wird, oder wenigstens intransparente Wahlergebnisse, die dann jedenfalls dafür sorgen, dass es ein gutes Ergebnis sein wird. Viele Fachleute glauben, dass das auch so wäre, auch wenn es offene Möglichkeiten für Gegenkandidaten gegeben hätte. Aber nachdem die auch noch ausgeschaltet worden sind, ist es sehr klar und eindeutig. Ich glaube, dass man diesen Vorfall in England, den man natürlich von außen nur schwer beurteilen kann, im Kontext der gesamten internationalen Situation und der Lage, die Russland darin hat, sehen muss. Und da baut sich doch immer stärker, nicht zuletzt auch durch die Ereignisse in anderen Ländern – die USA sind natürlich zu nennen, die Türkei, die Ukraine, Syrien und so weiter – ein bisschen ein Gegensatz auf: Russland und der Westen. Diese Vorstellung besagt, dass es der Westen darauf angelegt hat, eine russlandfeindliche Politik zu machen, Russland zu erniedrigen. Diese Idee ist relativ präsent, sie wird auch gepflegt von russischen Politikern, die darauf hinweisen. Und es gibt viele Dinge, die gut in dieses Bild hineinpassen, also, was man zum Beispiel nennen könnte, wäre die Suspendierung der russischen Olympia-Mannschaft wegen Dopings… Das wird dann verstanden so im Sinne von „Jaja, natürlich, aber die anderen dopen auch, bei uns gab es doch kein Staatsdoping, und das machen sie nur, weil wir eigentlich zu gut sind und deswegen wollen sie uns da irgendwie nicht dabei haben“. Wenn man etwa liest, was der russische Außenminister zu dem englischen Vorfall gesagt hat – das kann man eben auch in diese Kategorie einordnen. Es bestätigt, ganz unabhängig davon, wer schuld war und ob die Russen dahinterstecken oder nicht, diese Wahrnehmung: „Der Westen ist gegen uns“.

VN: Man hat ja ohnehin den Eindruck, dass Russland sich ein bisschen wie eine „globale Supermacht“ präsentiert, in Konfliktfeldern wie Syrien, die Ukraine, Nordkorea… Gibt es da einen roten Faden?

Prof. Bremer: Ja, den gibt es schon. Zunächst einmal: Russland oder eben die Sowjetunion war ja lange Zeit Supermacht und das ist eine Position, die man gerne wiederhaben möchte. Und es ist natürlich die große Inkompetenz der westlichen Politik. Die amerikanische Außenpolitik ist jetzt völlig unklar, unberechenbar und unzuverlässig. Und der Westen und die Amerikaner haben eben auch viele Fehler gemacht, in vielen Feldern. Dadurch konnte zum Beispiel die russische Idee, im Nahen Osten wieder Fuß zu fassen durch die Intervention und die Hilfe für Assad in Syrien, Erfolg haben –aus russischer Perspektive kann man ja sagen: „Das hat geklappt, das hat ja funktioniert“. Es wird keine Lösung im Nahen Osten mehr ohne die Russen geben. Und das gleiche ist eben auch mit Nordkorea, wo Russland ein bisschen versucht, als der einzig Vernünftige in dem ganzen Spiel, in dieser ganzen Kombination, aufzutauchen – was angesichts des amerikanischen Präsidenten jetzt auch nicht so schwierig ist. Insofern kann man also sagen, das hat eine Logik, das passt zusammen. Und es ist aus der inneren russischen politischen und auch der außenpolitischen Konstellation gut nachvollziehbar und verständlich.

VN: Was denken Sie, wie sich diese Situation weiterentwickelt – das Verhältnis von Russland zum Westen? In wenigen Wochen findet ja auch die Fußball-WM statt?

Prof. Bremer: Das ist schwer zu sagen. Also bei der Fußball-Weltmeisterschaft, das haben, glaube ich, auch die Olympischen Spiele und diese ganze Doping-Geschichte gezeigt, dass das ja doch mehr Geschäft als alles andere ist. Das hat ja wenig mit Sport zu tun, der spielt da nicht so eine große Rolle. Insgesamt kann man, die Beziehung zwischen Russland und dem Westen betreffend, tatsächlich nur schwer deswegen Voraussagen machen, weil wir ja überhaupt nicht wissen, was der Westen will. Wir wissen nicht, was der neue amerikanische Außenminister sagt, der hat heute Morgen gegen die EU gewettert, und es ist nicht klar, ob es „den Westen“ überhaupt noch geben wird: Wir werden die Amerikaner haben, wir werden die Briten haben und wir werden die EU haben. Eine inkonsequente westliche Haltung macht es natürlich für jeden anderen – China, Russland – leichter, da an Bord zu sein. Das wird die Position Russlands wahrscheinlich eher stärken. Aber da lege ich mich nicht fest, weil es angesichts der völligen Unvorhersehbarkeit der westlichen Politik schwierig ist, irgendetwas zu sagen. Wir haben keine Ahnung, was nächste Woche passiert, mit den Zöllen, mit Nordkorea – treffen die beiden Präsidenten sich, oder treffen sie sich nicht? Das ist völlig unklar und völlig unberechenbar. Der amerikanische Präsident scheint das ja selber zu machen, sehr spontan, und er scheint sein eigenes Außenministerium außen vor zu lassen und die Fachleute, die sich damit auskennen; dann kann man eben schlecht Prognosen machen.

VN: Putin hat sich in letzter Zeit auch immer als „guter Christ“ in der Öffentlichkeit präsentiert, zum Beispiel hat er sich oft in Kirchen fotografieren lassen. Spielt die orthodoxe Kirche eine Rolle bei den Wahlen, haben sich da Kirchenvertreter zu geäußert?

Prof. Bremer: Direkt bei den Wahlen spielt die Kirche in dem Sinne keine Rolle. Die Wahlen sind natürlich eine politische und gesellschaftliche Angelegenheit. Mir sind auch keine besonderen Äußerungen der Kirchenvertreter in Bezug auf die Wahlen bekannt. Aber der wichtige Punkt in der Frage ist, dass die allermeisten Kirchenvertreter sehr loyal zu Putin stehen und dass diese Sichtweise – wir gegen den Westen – ja nicht nur eine Sichtweise von Putin und der politischen Führungsmannschaft ist, sondern eine Sichtweise, die in Russland weitgehend und auch von der Kirche geteilt wird. Und es gibt dazu eine Vorstellung, die noch viel weiter geht als die konkrete Politik; die Vorstellung nämlich, dass es einen Kulturkreis gibt, einen Zivilisationsraum, der russisch geprägt ist und der auch über Russland hinausgeht, der andere orthodoxe Länder, die Ukraine, Weißrussland und Armenien und so weiter mit einschließt, und der sich in seinen Vorstellungen, in seinen Werten, in seiner Kultur vom Westen unterscheidet und deswegen mit dem Westen eigentlich nicht kompatibel ist. Implizit gibt es auch die Vorstellung, dass dieser Raum, diese Kultur, diese Zivilisation, eigentlich besser ist als die westliche. Und das ist eine Position, die sowohl von Kirchenvertretern als auch von Putin vertreten wird. Und das, würde ich sagen, ist unabhängig von seiner persönlichen Frömmigkeit und seinem persönlichen Glauben, von dem wir natürlich nichts wissen können. Er ist relativ häufig – wenigstens an den Feiertagen – in der Kirche zu sehen, aber wir sind nicht in der Lage zu sagen „Das ist alles Show“ oder „Das ist alles echt“. Wir wissen einfach nicht, was ein Mensch glaubt. Doch von der Gesamtsicht dieses Weltbildes her passen eben die Haltung Putins und der Regierung und die Haltung der orthodoxen Kirche gut zusammen.

VN: Das ist also durchaus eine politische Kirche in Russland…

Prof. Bremer: Das würde ich so nicht sagen, weil man dann überlegen muss, was politisch heißt. Natürlich machen sie auch politische Statements. Sie verteidigen etwa die russische Position in Bezug auf die Syrienfrage und sie sagen, dass Syrien für Russland wichtig sei, dass man viele Christen in Syrien gerettet habe, orthodoxe Christen in Syrien, dadurch, dass man die Terroristen bekämpfe und so weiter. Das sind natürlich irgendwie politische Aussagen, aber ich glaube, man muss sagen, dass das für weite Teile der Kirche, der Politik, aber auch für weite Teile der gesamten Gesellschaft Konsens ist. Das ist also irgendwie politisch, aber es ist auch nicht politisch, wenn ich etwas sage, das sowieso alle glauben, das sowieso alle denken und wovon sowieso alle überzeugt sind. Also, es ist nicht so, als würde die Kirche irgendwie Äußerungen machen, die einseitig sind und mit denen sie versucht, die Wähler oder die Bevölkerung irgendwohin zu bringen. Sie drückt eigentlich das aus, was viele Menschen ohnehin auch glauben. Es ist ein Unterschied, ob ich sage, ich bin politisch, indem ich jetzt versuche, irgendeine politische Position durchzusetzen, oder ob ich sage, ich bin in dem Sinne politisch, dass ich halt die Meinung vertrete, die meine Regierung, aber die auch die meisten Leute in Russland ohnehin vertreten.

VN: Gibt es darüber hinaus noch etwas, dass Sie gerne in Bezug auf die Wahlen in Russland hervorheben wollen?

Prof. Bremer: Ein interessanter Punkt wird, glaube ich, noch die Wahlbeteiligung sein. Es gibt eine Reihe von Leuten, die sagen, sie wollen nicht an der Wahl teilnehmen, um der Wahl nicht Legitimität zu verschaffen oder weil die anderen sieben Kandidaten ohnehin aussichtslos sind – es gibt acht Kandidaten insgesamt – oder weil die Wahlen eben nicht ganz fair sind… Und das ist ganz interessant, dass man sich ansieht. Es gibt Untersuchungen darüber, dass die Wahlbeteiligung in verschiedenen Regionen Russlands sehr unterschiedlich ist. Das ist zum Beispiel das letzte Mal in Tschetschenien fast 100 Prozent gewesen, also 99,7 oder 99,6 – also sehr hoch. Während es in anderen Gebieten, etwa in Zentralrussland, gerade gut über 50 Prozent gewesen ist. Ich muss sagen, dass das nicht-zur-Wahl-Gehen in gewissem Sinne auch als ein Ausdruck der Distanzierung gegenüber dem Verfahren und gegenüber dem jetzigen System verstanden werden kann – aber nicht verstanden muss, weil es Leute gibt, die sich dafür einfach nicht für Politik interessieren.

17 März 2018, 11:10