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Paul Richard Gallagher leitet die Sektion des Staatssekretariats für die Beziehungen zu Staaten und internationalen Organisationen Paul Richard Gallagher leitet die Sektion des Staatssekretariats für die Beziehungen zu Staaten und internationalen Organisationen 

Gallagher: „Unordnung“ statt Weltordnung

Die Krisen in der Welt können nur durch einen Einsatz für Frieden und Solidarität gelöst werden, und Christen sollen sich dafür einsetzen: Das hat Kurienerzbischof Paul Gallagher anlässlich seiner Wien-Visite am Freitag und Samstag im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress betont.

Anlass für Gallaghers Österreich-Visite war ein zweitägiges Treffen der Bischofskonferenz-Generalsekretäre aus Mitteleuropa. Der Vatikan-Außenminister bezeichnete die sich abzeichnende neue Weltordnung aufgrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine als „Unordnung“. Niemand hätte gedacht, dass es wieder zu einem großen Krieg in Europa kommen würde, und das schockiere die Menschen. Europa sei nun gefordert, sich wieder neu zu finden. Die Christen und Spitzen der Kirchen sollten dabei einen „demütigen Beitrag“ leisten.

Das europäische Projekt überdenken

Angesichts der zahlreichen Krisen müsse das europäische Projekt überdacht und belebt werden. „Welches Europa wollen wir gemeinsam bauen“, diese Frage habe für einen „Kontinent mit jüdisch-christlichen Wurzeln“ auch eine große Bedeutung für die Kirchen. Es gehe dabei um „Prinzipien, Werte, Prioritäten“.

„Papst Franziskus ist sehr besorgt über die Zukunft Europas, gleichzeitig ist er nach wie vor begeistert von der Gründungsvision eines vereinten Europas in Frieden, getragen von Zusammenarbeit, Konfliktvermeidung“, so Gallagher wörtlich. Das gelte es zu erneuern. „Europa braucht Frieden und Solidarität, darüber soll die Kirche nicht nur reden, sondern sie soll es auch bezeugen. Wir brauchen heute Friedensstifter, mehr als je zuvor“, betonte Gallagher.

„Humanitäres Desaster bei Migration“

Die zahlreichen Konflikte und Krisenherde in der Welt waren auch Thema eines Gesprächs mit Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg am Freitag. Im Zentrum des anschließenden Gesprächs mit Innenminister Gerhard Karner standen die Herausforderungen im Blick auf Migration, führte der Kurienerzbischof weiter aus. In der Frage der Migration hätten der Heilige Stuhl und ein Land wie Österreich naturgemäß aber unterschiedliche Funktionen und Perspektiven.

Ein Boot der italienischen Küstenwache am 15. November mit aus Seenot geretteten Migranten vor der Insel Lampedusa
Ein Boot der italienischen Küstenwache am 15. November mit aus Seenot geretteten Migranten vor der Insel Lampedusa

Österreich habe in der Frage um die Bewältigung der Probleme an den Staatsgrenzen einen pragmatischen Ansatz, so Gallagher. Diesen könne der Heilige Stuhl auch verstehen, müsse doch die Politik in einem demokratischen System die Reaktion der Öffentlichkeit und der Wähler berücksichtigen.

Laut dem Vatikan-Außenminister ortet der Papst derzeit ein „humanitäres Desaster“ im Zusammenhang mit Migration. Es gehe dem Pontifex daher primär um eine einfühlsame und prinzipientreue Haltung, zu der er Menschen wie Regierungen ermuntern wolle. Es gelte „Migranten als Menschen zu sehen, und nicht als Statistik“. Dem Papst gehe es um eine „gute, humane, mitfühlende und christliche Antwort“, erklärte Gallagher. Der Kurienerzbischof erinnerte auch daran, dass das Schicksal von Flüchtlingen und Migranten Papst Franziskus immer ein Herzensanliegen gewesen sei. Nicht nur bei seiner allerersten Reise als Papst, dem Besuch auf Lampedusa, auch jetzt während der Synode im Oktober im Vatikan habe es dazu eine einfühlsame Feier gegeben.

Unterschiedliche innerkirchliche Haltungen

Angesprochen auf das Treffen der Bischofskonferenz-Generalsekretäre aus Mitteleuropa in Wien, bei dem Gallagher am Freitag den Hauptvortrag hielt, konstatierte der Kurienerzbischof unterschiedliche innerkirchliche Haltungen und Sichtweisen in den verschiedenen Ländern. Die Kirche in Deutschland sei derzeit sehr auf das dortige Projekt des „Synodalen Weges“ fokussiert, was in anderen Ortskirchen Sorgen auslöse. Unterschiedliche Sichtweisen und Haltungen in der Kirche seien aber verständlich und berechtigt. Insofern sei der gemeinsame Austausch sehr wichtig.

Schönborn: Europa muss bei Synodalität aufholen

Unterstützung und Dank für das Treffen der Bischofskonferenz-Generalsekretäre bekundete auch Kardinal Christoph Schönborn. Es sei sein „sehnlicher Wunsch, dass wir als Kirche auf der europäischen Ebene weiterkommen“, sagte der Kardinal am Samstag bei der Tagung der Generalsekretäre im Wiener Erzbischöflichen Palais und verwies dabei auf den weltweiten Synodalen Prozess. „Ich hoffe, dass die Kirche in Europa beim Synodalen Prozess aufholt“, so der Wiener Erzbischof, der auch Mitglied des vatikanischen Synodenrates ist. Ein Vergleich zeige, dass hier die kontinentalen Zusammenschlüsse der Bischofskonferenzen in Lateinamerika (CELAM) und Asien (FABC) schon weiter seien als Europa (CCEE).

(kap – sk)
 

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25. November 2023, 11:54