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Kardinal Parolin - hier Anfang Oktober mit Bundeskanzlerin Merkel - vertritt den Vatikan in Glasgow Kardinal Parolin - hier Anfang Oktober mit Bundeskanzlerin Merkel - vertritt den Vatikan in Glasgow  (@VaticanMedia)

Kardinal Parolin: „Cop26 muss Multilateralismus bekräftigen“

Mehr als 30 000 Delegierte werden von Sonntag bis zum 12. November im schottischen Glasgow zur 26. UNO-Klimakonferenz zusammenkommen. „Wir haben die Mittel und Ressourcen, um den Kurs zu ändern“, sagt der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Interview mit den Vatikanmedien.

Massimiliano Menichetti – Vatikanstadt

Es wird der größte internationale Gipfel sein, den das Vereinigte Königreich je ausgerichtet hat. In der viktorianischen Kulisse von Glasgow versammeln sich mehr als 30.000 Delegierte, fast 200 Staats- und Regierungschefs, Klimaexperten und Aktivisten um den Tisch der 26. UNO-Klimakonferenz. Ziel ist es, Emissionen noch stärker zu reduzieren, um der globalen Erwärmung entgegenzuwirken.

Am 26. Oktober hat UNO-Generalsekretär Antonio Guterres erneut Alarm geschlagen und zu konkreten Maßnahmen zum Schutz des Planeten gedrängt: „Wir sind auf dem Weg in die Klimakatastrophe!“ Die Ära der halben Maßnahmen und falschen Versprechungen solle jetzt ein Ende haben. Am Freitag rief Papst Franziskus in einer Audiobotschaft an die BBC mit Blick auf die in der schottischen Stadt stattfindende Konferenz zu „radikalen Entscheidungen“ auf, um die Menschheit aus den vielen, miteinander verknüpften Krisen herauszuführen.

Parolin ist der Chefdiplomat des Vatikans
Parolin ist der Chefdiplomat des Vatikans

Interview

Kardinal Pietro Parolin wird die Delegation des Heiligen Stuhls in Glasgow leiten. Wir sprachen mit ihm vor seiner Abreise zum Cop26. Herr Kardinal, die UNO-Klimakonferenz Cop26 startet. Mit welchem Ziel wird der Heilige Stuhl daran teilnehmen?

„Die COP26 ist die erste UNO-Klimakonferenz seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Sie muss die konkreten Wege zur Umsetzung der im Pariser Abkommen von 2015 eingegangenen Verpflichtungen beschließen. Es ist bekannt, dass dieser Weg zu einer konkreten Umsetzung, auch angesichts der Pandemie, recht komplex und unsicher ist. Ein Prozess des Übergangs zu einem Entwicklungsmodell ohne Technologien und Verhaltensweisen, die sich auf die Emissionen von Treibhausgas auswirken, ist eingeleitet; die wichtigste Frage ist nun, wie schnell dieser Übergangsprozess vonstatten gehen wird und ob er die von der Wissenschaft vorgegebenen Fristen einhalten kann!

„In Anbetracht des langsamen Fortschritts ist die Konferenz in Glasgow jetzt von großer Bedeutung“

Der Heilige Stuhl hofft, dass die Cop26 die zentrale Bedeutung des Multilateralismus und des Handelns, auch durch so genannte nichtstaatliche Akteure, wirklich bekräftigen wird. In Anbetracht des langsamen Fortschritts ist die Konferenz in Glasgow jetzt von großer Bedeutung, da durch sie der kollektive Wille und das Niveau der Ambition einzelner Staaten gemessen und gesteigert werden können.“

Die ersten Aktivisten sind schon in Glasgow eingetroffen
Die ersten Aktivisten sind schon in Glasgow eingetroffen

Die letzte Konferenz in Madrid endete mit einem Aufruf zu „ehrgeizigeren Anstrengungen“. Was zeichnet sich jetzt ab?

„Wir leben in einem entscheidenden Moment unserer Geschichte… Dies ist eine zivilisatorische Herausforderung, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und die Perspektive zu ändern, so dass die Menschenwürde in den Mittelpunkt allen Handelns rückt. Globale und transversale Phänomene wie Pandemien und der Klimawandel machen zunehmend deutlich, wie dringend der von Papst Franziskus geforderte Kurswechsel ist. Er müsste davon ausgehen, dass wir alle zusammenarbeiten, um das Bündnis zwischen den Menschen und der natürlichen Umwelt zu stärken, mit besonderem Augenmerk auf die am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen.“

„Es ist inzwischen völlig klar, dass Umweltzerstörung und sozialer Niedergang eng miteinander verknüpft sind“

In seiner Enzyklika Laudato si' von 2015 plädiert Franziskus für eine integrale Ökologie, in der die Sorge für die Schöpfung, die Sorge um die Armen, das Engagement für die Gesellschaft und die Friedensstiftung untrennbar miteinander verbunden sind. Was sind die Dringlichkeiten?

„Es ist inzwischen völlig klar, dass Umweltzerstörung und sozialer Niedergang eng miteinander verknüpft sind… Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind drei miteinander zusammenhängende Themen, die nicht getrennt und einzeln behandelt werden können. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass auf der Cop26 auch eine klare kollektive Antwort gegeben wird - nicht nur, um Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen aller Länder zu fördern, sondern auch, um den Schwächsten zu helfen, mit den Schäden und Verlusten infolge des Klimawandels umzugehen, die leider in vielen Bereichen bereits Realität sind.“

Bei ihrem Treffen am Freitag sprachen der Papst und US-Staatschef Joe Biden auch über den Klimawandel
Bei ihrem Treffen am Freitag sprachen der Papst und US-Staatschef Joe Biden auch über den Klimawandel

Der Papst ruft immer wieder dazu auf, sich der gegenseitigen Abhängigkeit und Mitverantwortung bewusst zu werden – in einer Welt, in der alles miteinander zusammenhängt und in der die im Pariser Abkommen von 2015 festgelegten Ziele für die Verringerung der Umweltverschmutzung und die ökologische Nachhaltigkeit noch in weiter Ferne zu liegen scheinen. Welche Möglichkeiten gibt es?

„Bei seinem Treffen mit Religionsführern und Wissenschaftlern am 4. Oktober, bei dem ein gemeinsamer Appell an die Cop26 unterzeichnet wurde, hat der Heilige Vater betont, wie wichtig es ist, eine Vision der gegenseitigen Abhängigkeit und des Teilens zu entwickeln. „Wir können nicht allein handeln“, sagte er; „es ist unerlässlich, dass sich jeder von uns für die Mitmenschen und die Umwelt einsetzt, um einen so dringenden Kurswechsel herbeizuführen; das ist ein Einsatz, der auch von unserem Glauben und unserer Spiritualität genährt werden muss…“ Es ist nötig, die in unserer Gesellschaft vorherrschende Kultur der Verschwendung zu bekämpfen … und zu einer Kultur der Sorgfalt überzugehen. Nur so kann das, was im Pariser Abkommen steht, wirklich wirksam werden.“

„Wir haben natürlich die Mittel und Ressourcen für diesen Wandel; was noch zu fehlen scheint, ist ein klarer politischer Wille“

Der Heilige Vater hofft auf einen Wendepunkt; er ist überzeugt davon, dass wir „jederzeit den Kurs ändern können“. Was erwarten Sie konkret von dieser Konferenz der Vereinten Nationen?

„Die jüngsten Daten der internationalen wissenschaftlichen Gremien sind alles andere als ermutigend in Bezug auf den Weg, den die internationale Gemeinschaft einschlägt, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Dies zeigt natürlich die Schwierigkeiten dieses Wandels, macht ihn aber gleichzeitig immer dringlicher. Wir haben natürlich die Mittel und Ressourcen für diesen Wandel; was noch zu fehlen scheint, ist ein klarer politischer Wille. Dieser Wandel muss natürlich alle einbeziehen; niemand darf zurückbleiben, und niemand kann sich der Beteiligung an dieser großen Herausforderung entziehen. Junge Menschen sind vielerorts die ersten, die dies erkennen. In dem von Religionsführern unterzeichneten Appell heißt es: „Wir haben einen Garten geerbt: Wir dürfen unseren Kindern keine Wüste hinterlassen“. Die Cop26 ist ein wichtiger Ort, um zu bekräftigen, wie diese Wünsche konkret umgesetzt werden können.“

(vatican news)
 

30 Oktober 2021, 14:39