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Kardinal Luis Ladaria – Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Luis Ladaria – Präfekt der Glaubenskongregation 

Vatikan: Antwort auf neue Gesetzgebungen zu Euthanasie nötig

Der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria, hat sich im Interview mit Vatican News zum neuen Dokument „Samaritanus bonus“ geäußert, das sich mit dem Thema Lebensende befasst. Der Text wurde von der Glaubenskongregation erarbeitet und diesen Dienstag veröffentlicht. „Das Dokument bietet einen ganzheitlichen Ansatz zum Menschen, zu Leid und Krankheit und der Pflege all jener, die sich in den kritischen und letzten Lebensphasen befinden“, erläuterte der Kardinal.

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Es sei ein „nötiges Dokument“ angesichts immer freizügiger neuer Normen und Gesetze zur Euthanasie, assistiertem Suizid und Bestimmungen zum Lebensende. So bringt Kardinal Luis Ladaria, Präfekt der Glaubenskongregation im Interview mit Vatican News die Beweggründe auf den Punkt, die hinter „Samaritanus bonus“ stehen, dem neuen Schreiben der Glaubenskongregation zum Thema Lebensende.

Vatican News: Eminenz, warum ist dieses neue Dokument der Kongregation zum Thema Lebensende nötig geworden?

Kardinal Ladaria: „Ausgangspunkt war die Vollversammlung der Glaubenskongregation 2018, bei der es um Fragen der Glaubenslehre und der Seelsorge bei der Begleitung Kranker in kritischen und Endphasen des Lebens ging. Die Väter haben dann ein Dokument vorgeschlagen, das dieses Thema behandelt – nicht nur bezüglich der korrekten Doktrin, sondern auch mit einem starken seelsorglichen Akzent und in einer verständlichen Sprache, sowie auf der Höhe des medizinischen Fortschritts.

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Es sollte besonders um die Begleitung und Pflege Kranker aus theologischer und anthropologischer Sicht gehen und auch einige bedeutende ethische Fragen in den Fokus rücken, bezüglich der Verhältnismäßigkeit von Therapien und mit Blick auf den Gewissensvorbehalt sowie die Begleitung Sterbenskranker.

„Neue, organische Aussage des Heiligen Stuhls zur Pflege der Menschen in kritischen und Endphasen des Lebens angebracht und nötig“

Im Licht dieser Überlegungen und angesichts der bereits vorhandenen und bekannten Lehramtsdokumente der Kirche zu diesem Thema schien eine neue, organische Aussage des Heiligen Stuhls zur Pflege der Menschen in kritischen und Endphasen des Lebens angebracht und nötig. Dies angesichts der heutigen Situation, die charakterisiert ist durch zivile und internationale Gesetzgebungen, die immer freizügiger werden bei Euthanasie, assistiertem Suizid und Bestimmungen zum Lebensende.“

Vatican News: Was ist neu im Brief „Samaritanus bonus“?

Kardinal Ladaria: „Das Dokument bietet einen ganzheitlichen Ansatz zum Menschen, zu Leid und Krankheit und der Pflege all jener, die sich in den kritischen und letzten Lebensphasen befinden . Eine Pflege, die sich wiederum nicht nur auf eine medizinische und psychologische Sichtweise reduzieren lässt, sondern bei der es vor allem darum geht, sich des ganzen Menschen anzunehmen, der hilfsbedürftig ist. Denn - so wird es auch gut im ersten Paragraphen des Textes auf den Punkt gebracht:

„Selbst wenn Heilung unmöglich oder unwahrscheinlich ist, ist die medizinisch-pflegerische Begleitung sowie die psychologische und spirituelle Begleitung eine unausweichliche Pflicht. Das Gegenteil wäre ein unmenschliches Verlassen des Kranken.“

Die Sorge für das Leben ist die erste Verantwortung, die der Arzt in der Begegnung mit dem Kranken erfährt. Sie ist nicht auf die Fähigkeit, die Kranken zu heilen, reduziert, da ihr anthropologischer und moralischer Horizont breiter ist: Selbst wenn Heilung unmöglich oder unwahrscheinlich ist, ist die medizinisch-pflegerische Begleitung sowie die psychologische und spirituelle Begleitung eine unausweichliche Pflicht. Das Gegenteil wäre ein unmenschliches Verlassen des Kranken.

Samaritanus bonus pocht von Anfang bis zum Ende auf diese ganzheitliche Sicht der Pflege. In diesem Sinn rückt das Dokument auch immer wieder den Fakt in den Fokus, das existentielles Leid nur ertragbar ist, wenn es eine verlässliche Hoffnung gibt. Eine solche Hoffnung kann nur zum Ausdruck kommen, wo alle um den kranken und leidenden Menschen herum gemeinsam hoffen.“

Vatican News: Warum wird im Dokument betont, dass „unheilbar“ nie Synonym für ein Ende des medizinischen und pflegerischen Handels ist?

Kardinal Ladaria: „Der Brief ruft zu einer universellen menschlichen Erfahrung auf: Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird noch drängender, wenn Leid und der nahende Tod über einem schweben. Die Fragilität und Verletzlichkeit der kranken Person, die letztlich in jedem Menschen liegt, anzuerkennen, öffnet den Raum für eine Ethik der Pflege. Verantwortung gegenüber den Kranken zu übernehmen heißt, eine Pflege bis zum Ende zu gewährleisten: Heilen, wenn möglich, aber immer Sorge tragen, hat Johannes Paul II. geschrieben.

Es ist ein kontemplativer Blick, den er vorschlägt, ein Blick, der sich auf den Menschen richtet mit all dem, was eine Weitung des Pflegebergriffs ermöglicht. Diese Absicht, für den Patienten immer zu sorgen, so heißt es im Dokument, bietet das Kriterium für die Bewertung der verschiedenen Maßnahmen, die in der Situation der „unheilbaren“ Krankheit zu ergreifen sind: Unheilbar ist in der Tat niemals gleichbedeutend mit „unbehandelbar“. Die Kirche bekräftigt den positiven Sinn des menschlichen Lebens als einen Wert, der bereits durch die rechte Vernunft wahrgenommen werden kann, und den das Licht des Glaubens bestätigt und in seiner unveräußerlichen Würde zur Geltung kommen lässt.

„Die Kirche bekräftigt den positiven Sinn des menschlichen Lebens als einen Wert, der bereits durch die rechte Vernunft wahrgenommen werden kann, und den das Licht des Glaubens bestätigt und in seiner unveräußerlichen Würde zur Geltung kommen lässt.“

Die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens bekräftigen, bedeutet, den Wert der Freiheit, die stark von Krankheit und Schmerz bedingt ist, und den Wert des Lebens nicht zu verkennen:  Einen Kranken zu töten, der um Euthanasie bittet, bedeutet daher keineswegs, seine Autonomie anzuerkennen und zur Geltung kommen zu lassen, sondern im Gegenteil, ihm jede weitere Möglichkeit einer positiven  menschlichen Beziehung zu verweigern.“

Der Brief Samaritanus bonus liegt bislang in offizieller Übersetzung in den Sprachen Italienisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch vor. Eine deutsche Fassung soll demnächst veröffentlicht werden. 

(vatican news - sst)

22 September 2020, 11:51